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Erst Umzug, dann vier Endspiele Die Defizite des DHB-Teams sind überall

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Uwe Gensheimer und Christian Prokop sind zuversichtlich. Einen Grund gibt es dafür eigentlich nicht.

(Foto: imago images/Bildbyran)

Die deutsche Handball-Nationalmannschaft enttäuscht bei der Europameisterschaft bisher in nahezu allen Belangen. In der Hauptrunde will sie nun aber den Hebel erfolgreich umlegen. Wie das gelingen soll? Vor allem mit Emotionen. Aber das wird nicht reichen.

Mit der Abreise in den Hauptrunden-Spielort Wien hat die deutsche Handball-Nationalmannschaft Trondheim hinter sich gelassen. Ob der Tross um Bundestrainer Christian Prokop auch all die Enttäuschungen und Zweifel zurücklassen konnte, die die Vorrunde in Norwegen produziert hat, wird sich ab Donnerstag zeigen. Dann muss das DHB-Team gegen Weißrussland gewinnen, um sich die Chancen auf das Erreichen des Minimalziels Halbfinale zu erhalten. Wie ein Sieg gelingen soll, ist völlig unklar – aber die, die es in der Hand haben, geben sich weiterhin zuversichtlich.

"Ich bin voller Vorfreude, in einer gut gefüllten Halle mit vielen tausend deutschen Fans zu spielen", sagte Johannes Bitter am Mittwoch: "Das wird uns sicherlich tragen." Der Torwart-Oldie hat genauso wie die komplette deutsche Mannschaft noch eine Menge Potenzial brachliegen. Und der Bundestrainer freut sich auf das erste de-facto-K.-o.-Spiel: "Die Mannschaft konzentriert sich nur auf diese Herausforderung und will sie meistern", sagte Christian Prokop zum Duell mit den Weißrussen. "Jetzt geht es darum, perfekt in die richtige Richtung zu gehen. Jeder muss eine Schippe drauflegen, damit wir durchstarten können. Wir sind eine große Handball-Nation, das wollen wir auch zeigen. Wenn wir uns als Team verbessern, werden wir eine kontinuierlich stärkere Leistung bieten. Dann werden wir in unseren Flow kommen."

"Defizite, an denen wir schnell arbeiten müssen"

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Das deutsche Torhüter-Duo war bei dieser EM noch gar kein Faktor.

(Foto: imago images/Revierfoto)

Alleine, wo "der Flow" herkommen soll, ließ der Trainer offen. Beim leblosen Auftritt im letzten Vorrundenspiel gegen Lettland wirkte die Mannschaft anschließend trotz des Sieges ratlos. "Ein psychologisch sehr schwieriges Spiel geschafft" habe seine Mannschaft, es gebe allerdings "Defizite, an denen wir schnell arbeiten müssen." Und die Defizite sind überall: "Die Abwehr muss wieder ihr WM-Niveau erreichen, und die Torhüter müssen stabiler werden. Dazu wollen wir ein schnelleres und disziplinierteres Angriffsspiel hinbekommen" – das sind große Aufgaben, sie müssen schnell gelöst werden. Denn schon eine einzige Niederlage in der Hauptrunde bedeutet das Ende des Traums von der Medaille.

Es fehlt nach den drei kaum überzeugenden (Niederlande) bis erschreckend leblosen (Spanien, Lettland) Auftritten aber noch der Glaube, dass diese Mannschaft den Schalter umlegen kann. Zu offensichtlich hadern Führungsspieler und "Emotional Leader" wie Torwart Andreas Wolff und Kapitän Uwe Gensheimer mit sich selbst. Dabei sollen sie doch ihre Kollegen mitreißen. Auch, wenn Gensheimer selbst im ersten Medientermin von Wien von sich und seinen Kollegen forderte: "Wir müssen uns gegenseitig noch mehr pushen und gelungene Aktionen feiern", sagte der Kapitän. "Daran müssen wir uns hochziehen."

Das klingt wie eine Durchhalteparole, auch weil es Gensheimer selbst war, der nach dem Lettland-Spiel entlarvend verriet, man habe angesichts der bisweilen klaren Führung "gedacht, der Sack ist schon zu, und haben ein bisschen heruntergefahren". Eine Aussage, die einigermaßen verstört. Denn es gab so keinerlei Grund dafür, vorzeitig herunterzufahren. Es ging nicht einfach um einen Sieg, sondern nach dem Offenbarungseid gegen Spanien auch darum, sich ein gutes Gefühl für die Reise nach Wien zu holen.

Schlüsselspieler müssen ins Turnier finden

An der Kraft kann es auch nicht gelegen haben, denn der Bundestrainer wechselte munter durch, der Rückraum durfte in allen erdenklichen Konstellationen ran. Seinen Weltklassetorwart Andreas Wolff, von dem bekannt ist, dass er von der Bank kommend eher kein Faktor ist, wechselte Prokop gegen Spanien erst aus, dann zur Halbzeit wieder ein und ließ ihn gegen die Letten schließlich zunächst ganz draußen. Das Ergebnis: Der 28-Jährige hielt keinen (!) der letzten 21 Bälle, die auf sein Tor kamen. So kommt der Torwart nicht ins Turnier zurück.

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Timo Kastening ist eine Ausnahme im deutschen Team: Der Hannoveraner überzeugte bisher.

(Foto: imago images/Revierfoto)

Auch die Entscheidung, seinen Weltklasse-Linksaußen Gensheimer gegen Spanien die komplette zweite Halbzeit auf der Bank zu lassen, muss sich der Bundestrainer als Fehleinschätzung ankreiden lassen. "Ich als Trainer hätte gegen Spanien meinen Kapitän auch in der zweiten Halbzeit auf dem Spielfeld haben wollen", sagte der Ex-Nationalspieler und ehemalige Nachwuchs-Bundestrainer Christian Schwarzer, selbst Weltmeister 2007, der "Pforzheimer Zeitung". "Ich kann ja nicht von einem Patrick Zieker oder einem Timo Kastening mit drei, vier, fünf Länderspielen erwarten, dass sie solche Spiele gewinnen", monierte Schwarzer. "Uwe ist ein Spieler, der eine gewisse Geborgenheit braucht, sich wohlfühlen muss. Scheinbar hat er das gerade nicht so, warum auch immer." Dass zwei Weltklassespieler nach drei Partien nicht im Turnier angekommen sind, ist eigentlich unerklärlich.

"Sind deutlich besser"

Aber natürlich kann im Laufe eines Turniers immer der Moment kommen, in dem der Knoten platzt, zumal wenn Personal mit viel Luft nach oben zur Verfügung steht. 2016 war es das Spiel gegen Schweden, das die DHB-Auswahl unbedingt gewinnen musste, zur Pause aber mit drei Toren zurück lag. In der Halbzeit stellte der damalige Bundestrainer Dagur Sigurdsson seine Abwehr auf ein sehr offensives 4:2 um, schickte seine Spieler damit zurück in den Kampf und überrumpelte die Schweden. Ein Kniff, der letztendlich zum Erfolg führte – die Geburtsstunde der legendären "Bad Boys", die dann berauscht von sich selbst die Europameisterschaft gewannen.

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Auf seine Urgewalt muss der Bundestrainer hoffen: Julius Kühn.

(Foto: imago images/Bildbyran)

"Wenn wir abrufen, was wir können, sind wir deutlich besser", sagte Julius Kühn, der als einziger deutscher Spieler gegen die Letten mit acht Treffern bei neun Versuchen ordentlich Selbstvertrauen sammeln konnte. Kühn hatte sich schon am Montag auf den Umzug gefreut: "Ist vielleicht ganz gut, wenn wir jetzt mal in ein anderes Umfeld kommen." Kühn ist einer der Europameister von 2016, erzielte im Halbfinale als Nachrücker fünf Treffer. Auch auf Kühns Qualitäten kommt es bei diesem Turnier noch an - gegen die Spanier hatte Prokop den Melsunger noch weitestgehend außen vor gelassen.

"Selbstbewusstsein durch Sicherheit", erhofft sich Prokops Co-Trainer Erik Wudtke für die Mannschaft, sorgen sollen für diese Sicherheit die beiden Torhüter. "Früh den Schneid abkaufen", solle seine Mannschaft den Weißrussen. Das Problem: Die haben "die beste Mannschaft seit 15 oder 20 Jahren" zur Europameisterschaft geschickt, wie ihr Trainer Juri Schewzow verriet. Der führte zunächst als Trainer den TBV Lemgo und TuSEM Essen zu nationalen und internationalen Erfolgen, später baute er einen gewissen Uwe Gensheimer in die Bundesligamannschaft der Rhein-Neckar-Löwen ein und entwickelte dann ab 2009 die weißrussische Handballnationalmannschaft von Grund auf neu auf.

Nur noch Endspiele

Die deutsche Hauptrundengruppe

1. Spanien 9:1 Punkte +26 Tore
2. Kroatien 9:1 +14
3. Deutschland 6:4 +16
4. Österreich 4:6 -17
5. Weißrussland 3:7 -22
6. Tschechien 0:10 -17

Spanien und Kroatien stehen im Halbfinale, Deutschland bestreitet am Samstag (16 Uhr/ Liveticker auf ntv.de) gegen Portugal das Spiel um Platz fünf.

Und das tat der Trainerfuchs enorm erfolgreich: "Vielleicht vom Namen her wieder nicht das Auffälligste, aber eine Mannschaft gespickt von Spielern, die Champions League spielen", weiß auch Prokop mit Blick auf die zahlreichen Spieler des Dauermeisters Brest im Kader des Gegners. Kreisläufer Artsem Karalek, Teamkollege von Andreas Wolff in Kielce, ist einer der torgefährlichsten Spieler bei dieser EM-Endrunde. Sorgen sollte dem DHB-Team auch machen, dass Schewzow schon zu seiner Zeit in der Bundesliga flexibel, gerne auch mit einer positionsbezogenen 5:1-Deckung spielen ließ. Hätte die einbetonierte 6:0-Abwehrformation der Letten eigentlich angenehmes offensives Arbeiten zugelassen, fand der Rückraum um Mittelmann Paul Drux gegen das spanische 5:1 nahezu kein Mittel.

"Wir haben jetzt nur noch Endspiele, wenn wir den Traum vom Halbfinale leben wollen", sagte DHB-Vizepräsident Bob Hanning vor dem Hauptrunden-Auftakt gegen Weißrussland am Donnerstag (20.30 Uhr/ARD und im Liveticker auf ntv.de). Denn in der Hauptrunde zählt für das DHB-Team nur noch Vollgas. Schon ein weiterer Wackel-Auftritt könnte das Aus bedeuten, auch deshalb erhöhte Hanning den Druck auf seine Profis. "Wir müssen jetzt raus aus der Komfortzone und dürfen uns nicht hinter dem Zielgedanken verstecken. Die Spieler müssen jetzt ihre individuelle Stärke zeigen", sagte der 51-Jährige. Sein Bundestrainer hatte schon am Montag in der Rückschau analysiert, man sei "noch nicht in den Leistungssphären, die wir für ein Halbfinale bräuchten. Wir sind im Moment noch nicht im Stande, Spanien oder Kroatien zu schlagen." Er fügte hoffnungsvoll an: "Aber vielleicht in zwei Spielen."

Zwischen Trondheim und Wien liegen über 2.000 Kilometer – viel Wegstrecke, auf der man die Probleme der Vorrunde zurückgelassen haben sollte.

Quelle: ntv.de