Sport

DHB-Team vor erstem Endspiel Die große Lust aufs Prinzip Hoffnung

imago0046159052h.jpg

Andreas Wolff und Uwe Gensheimer müssen schnell ihre Bestform erreichen.

(Foto: imago images/GEPA pictures)

Die deutsche Handball-Nationalmannschaft muss am Abend Spanien schlagen, um noch seriöse Chancen auf den Einzug ins WM-Viertelfinale zu haben. Das wird schwer, aber es gibt Hoffnung. Die speist sich vor allem aus dem, was man bisher noch nicht gesehen hat.

Nein, aussichtslos ist die Situation der deutschen Handballer bei der WM in Ägypten nicht. Hoffnungslos schon gar nicht. Sie ist nur sehr, sehr kompliziert. Will sich das arg ersatzgeschwächte Team von Trainer Alfred Gislason nicht vorzeitig vom Ziel Viertelfinale verabschieden, dann muss es heute Abend (20.30 Uhr/ZDF) Spanien schlagen. Das gelang schon lange nicht mehr, und die Vorzeichen sind nicht besonders gut. Doch die deutsche Nationalmannschaft will sich mit Macht gegen das praktische Ausscheiden stemmen. Die Hoffnung stützt sich auch ausgerechnet auf eine unglückliche Vorgeschichte.

"Wir müssen vieles besser machen, wenn wir das Spiel gewinnen wollen. Wir brauchen einen optimalen Tag, um Spanien zu schlagen", sagte Gislason, der nach einer langen Nacht mit viel Videostudium den Blick schon auf das erste von wohl drei Endspielen gerichtet hatte. Kapitän Uwe Gensheimer formulierte denselben Gedanken positiver: "Für uns spricht, dass wir noch einiges besser machen können." Dabei denkt der Kapitän sicher auch an sich, nach einer eher dürftigen Vorstellung zum Turnierauftakt gegen Uruguay musste der Weltklasse-Linksaußen seinen Platz in der Start-Sieben im Schlüsselspiel gegen Ungarn schon räumen. Marcel Schiller vertrat den 34-Jährigen solide.

"Wenn wir einige Situationen in der Deckung besser lösen ..."

Das größte Potenzial zur Verbesserung aber liegt in der Abwehr. Diese ist durch die Absagenflut vor dem WM-Start arg gerupft, mit Hendrik Pekeler und Patrick Wiencek fehlt ein Weltklasse-Innenblock, mit Finn Lemke winkte ein von den gegnerischen Offensivkünstlern gefürchteter Mentalitätsspieler mit gewaltiger Reichweite ab. In den beiden einzigen Vorbereitungsspielen gegen Österreich berauschte sich der DHB-Tross am hastig zusammengezimmerten Abwehrbollwerk Johannes Golla/Sebastian Firnhaber, bei der ersten Prüfung durch international arrivierte Fachkräfte wurden aber doch schnell Schwachstellen sichtbar. Das war zu erwarten und lässt sich im Turnierverlauf, der für die umformierte deutsche Mannschaft nur noch K.-o.-Spiele vorsieht, nur leidlich reparieren.

Eine große Hilfe waren auch die deutschen Torhüter ihrem Team beim bitteren 28:29 (14:15) gegen die Ungarn nicht. Andreas Wolff, der zum ersten Mal bei diesem Turnier auf der Platte stand, hielt zwei Bälle, Johannes Bitter, der ihn schon Mitte der ersten Hälfte ersetzte, drei. Das ist natürlich viel zu wenig. Und bleibt nicht nur weit hinter dem zurück, womit man gegen Teams aus der internationalen Klasse Spiele gewinnen kann. Vor allem ist es weit davon entfernt, was beide nachweislich können. Der ehrgeizige Wolff, der vor dem Turnier mit Ansagen an die Absager für Unruhe gesorgt, gleichzeitig gewohnt große Ziele ausgegeben hatte, muss sich gegen Spanien zu großer Form pushen. "Wenn wir einige Situationen in der Deckung besser lösen, bekommen wir vielleicht ein Stückchen Hilfe von den Torhütern", hofft DHB-Vize Bob Hanning.

Christian Schwarzer hat den Eindruck, dass sich die etatmäßige Nummer 1A "selbst zu sehr unter Druck setzt und denkt, er müsste die Nation retten. Wenn man das macht und nicht mit der nötigen Lockerheit ins Spiel geht, kann es vorkommen, dass man nicht seine beste Leistung abrufen kann", sagte der Weltmeister von 2007 im Interview mit Spox. Hanning ist deutlich optimistischer: "Wir waren nach dem Ungarn-Spiel noch relativ lange zusammen, und ich habe das Gefühl, dass er uns ein gutes Spiel geben wird."

Auch die Spanier tun sich noch schwer

Gegen die abgezockten Spanier gab es für die deutsche Mannschaft bei vergangenen Großturnieren zuletzt überhaupt nichts zu ernten. Bei der EM im vergangenen Jahr setzte es in der Vorrunde eine völlig desillusionierende Klatsche (26:33), 2018 starben Deutschlands K.-o.-Runden-Träume durch ein 27:31. Als amtierender Europameister gehört die überaus routinierte Mannschaft zu den Topfavoriten des Turniers. Doch auch für die Spanier ist das Match ein "Do-or-Die-Spiel" (Paul Drux), in dem "viel Feuer drin sein" werde. Die Iberer sind selbst noch nicht voll im Turnier angekommen, gegen Brasilien gab man beim 29:29 einen Punkt ab, gegen Polen gab es ein knappes 27:26.

Die Lage ist nun für das DHB-Team angespannt, aber nicht hoffnungslos. Ab dem Start der Hauptrunde, jener Phase also, die einem WM-Turnier noch einmal einen ganz neuen Spin geben kann, sind vor allem die Leistungsträger gefordert. "Die Jungen müssen all ihre Energie reinbringen, und die Erfahrenen müssen die Energie lenken", sagte DHB-Vize Hanning. Erreichen die Stars des Teams - Wolff, Gensheimer, Bitter - gegen Spanien nicht ihre Bestform, ist das WM-Abenteuer in der anfangs löchrigen, nun aber offenbar geschlossenen Bubble in Ägypten quasi beendet. Gensheimer, der mal wieder im Nationalteam bei einem großen Turnier sportlich selbst in Schwierigkeiten steckt, hatte nach der Gala gegen Österreich, wenige Tage vor dem Turnierstart orakelt: "Nach Siegen ist der Teamspirit immer gut. Jetzt wird es darauf ankommen, dass wir mit unserer neuen Truppe auch in kritischen Situationen bestehen." Nun ist es soweit, früher, als man es sich erhofft hatte.

"Werden mit allem, was wir haben, reingehen"

"Wir hätten gerne ein Kann-Spiel gehabt. Jetzt haben wir ein Spiel, das wir gewinnen sollen", sagte Johannes Bitter - und bemühte offensiv das Prinzip Hoffnung. Als Motivation, nicht als Notfall-Lösung: "Das Allerwichtigste ist, dass man jetzt mit Zuversicht nach vorne schaut. Gerade da müssen wir erfahrenen Spieler helfen, denn wir haben eine Menge Spieler dabei, die das nicht kennen, für die das Turnier im Kopf vielleicht gestern schon kurz vorbei war", sagte der 38-Jährige. "Aber wir wissen alle, was Deutschland schon bei Turnieren erreicht hat, und dass man da auch in der Vorrunde schon mal verloren hat."

2016, als Deutschland unter Dagur Sigurdsson unter ähnlichen Voraussetzungen, mit einem sich während des Turnierverlaufs findenden Team sensationell Europameister wurde, verlor man auch in der Vorrunde - gegen Spanien. Beim zweiten Wiedersehen, im Finale, lieferte die deutsche Mannschaft mit dem in die Weltklasse schießenden Torhüter Andreas Wolff eines der bemerkenswertesten Abwehrspektakel der jüngeren Handballgeschichte ab und ließ völlig entnervte Spanier zurück.

"Die Mannschaft hat Charakter gezeigt, und mit diesem Charakter haben wir auch eine Chance gegen Spanien", war Gislason nach dem Ungarn-Spiel mit dem Ergebnis, nicht aber mit seinem Team unzufrieden. "Wir sind heiß drauf", versprach Kapitän Gensheimer. Er habe das Gefühl, dass allen bewusst sei, worum es gegen die Spanier gehe. "Wir werden mit allem, was wir haben, reingehen." Es gab nie einen besseren Zeitpunkt, die Erinnerung in eine neue Hoffnung zu übersetzen.

Quelle: ntv.de