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Lockerheit als Super-Bowl-Trumpf Die imposante Wandlung des Aaron Rodgers

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Er kam, sah und siegte - bis jetzt: Aaron Rodgers.

(Foto: imago images/UPI Photo)

Von dem einst griesgrämigen Aaron Rodgers fehlt derzeit jede Spur. Der NFL-Star-Quarterback ist mental an einen "Ort der Freiheit" gelangt, der ihm den Einzug in den Super Bowl ermöglichen soll. Aber reicht das allein in der heute Abend stattfindenden K.o-Runde gegen Tom Bradys Buccanneers?

Es muss ein wahrer Schock für Aaron Rodgers gewesen sein, den NFL-Draft im vergangenen April vor dem Fernseher mitverfolgen zu müssen. Die Green Bay Packers, für die er seit Anbeginn seiner 15-jährigen Karriere mehr als 400 Touchdowns geworfen hat, schienen den Star-Quarterback ein Stück weit abgeschrieben zu haben. Statt ihm einen dringend benötigten Wide Receiver einzukaufen, mit dem Rodgers Großes hätte vollbringen können, opferten die Packers ihren Erst- und Viertrunden-Pick, um sich mit dem 21-jährigen Rookie Jordan Love einen neuen Quarterback zu sichern. Das Signal hätte nicht deutlicher sein können: Das Football-Franchise aus Wisconsin denkt an die Zukunft und setzt deshalb lieber auf junge Dynamik als auf ein 37-jähriges Auslaufmodell.

Doch anstatt sich zu bemitleiden oder öffentlich seinen Frust über die Entscheidung der Manager zu äußern, hatte Rodgers die beste Antwort parat, die ein Quarterback nur haben kann: sein Spiel. Um nicht zu sagen: sein grandioses Spiel. Denn im Jahr 2020 hat Rodgers die wohl beste reguläre Saison seiner Karriere hingelegt. Wie ihm das gelungen ist, obwohl ihn sein Team und auch Football-Experten so gut wie aufgegeben hatten, erklärte er kürzlich im Gespräch mit "nfl.com": Er habe sich daran erinnern müssen, dass bestimmte Dinge außerhalb seiner Kontrolle liegen. Deswegen sei es ihm wichtig gewesen, mental an einen "Ort der Freiheit" zu gelangen - "Freiheit von Bitterkeit, Freiheit von Erwartungen, Freiheit von zukünftigem Denken - und ich glaube, das habe ich geschafft."

Und wie er das geschafft hat: Bei 4299 zurückgelegten Yards, 48 geworfenen Touchdowns und einer Passquote von 70,7 Prozent kam Rodgers in dieser Saison auf nur fünf Interceptions. Seine Pass-Bewertung von 121,5 ist die zweitbeste in der NFL-Geschichte und wird nur von den 122,5 übertroffen, die er selbst 2011 aufstellte - die Saison, nach seinem ersten und bislang einzigen Super-Bowl-Sieg. Aller Voraussicht nach wird er noch vor dem kommenden Finalspiel zum dritten Mal in seiner Karriere als "Most Valuable Player", also als wertvollster Spieler, ausgezeichnet werden.

"Neue Liebe zum Leben"

Rodgers neue Philosophie hat ihm zu einer vorher noch nie so dagewesenen Leichtigkeit verholfen. Er habe durch andere Entscheidungen und geänderte Gewohnheiten in den vergangenen Monaten eine "neue und gesteigerte Liebe zum Leben" gewonnen, verriet er im September in "The Pat McAfee Show". Das kann man auch als Breitseite an seine Ex-Freundin, die ehemalige IndyCar-Rennfahrerin Danica Patrick, verstehen, von der er sich zu dieser Zeit getrennt hatte. Aber wie dem auch sei - die Auswirkungen seiner neuen Mentalität scheinen den Quarterback sowohl privat als auch auf dem Spielfeld zu beflügeln. Diese innere Gelassenheit überträgt der 37-Jährige auch auf sein Team, mit dem er nicht zuletzt durch das von Head Coach Matt LaFleur installierte Spielsystem besser harmoniert.

Von Rodgers einst grimmiger Erscheinung fehlt jede Spur - er strahlt bis über beide Ohren, verteilt High Fives am Spielfeldrand und bringt mit gemeinsamen Nennern im Team wie der Liebe zu "Austin Powers in Goldständer" auf humorvolle Art eine Motivation und Spaß ins Spiel, wie sie zuletzt unter Mike McCarthy nicht zu sehen war. In "The Pat McAfee Show" erklärte der Star-Quarterback kürzlich, wie sehr er und seine Kollegen ihr Spiel teilweise auf den Film von 2002 ausgerichtet haben. So heißt die Redzone - der Bereich zwischen der 20-Yard-Linie und der Endzone - bei ihnen mittlerweile Goldzone. Bei einem Touchdown reißen die Spieler die Arme in die Luft, schreien in Anlehnung an den Film-Bösewicht Goldständer: "Ich liebe Gooooold!" und setzen sich gegenseitig eine imaginäre Krone auf den Kopf.

Zwei Legenden stehen sich gegenüber

Auch deshalb ist das Championship Game der NFC gegen die Tampa Bay Buccaneers heute Abend so unfassbar spannend. Ein K.o.-Runden-Sieg gegen die Männer um Tom Brady würde für die Packers endlich mal wieder einen Einzug in den Super Bowl bedeuten. Trotz ihrer langen NFL-Karrieren standen sich die beiden Star-Quarterbacks erst dreimal gegenüber, zweimal davon ging Brady (einmal mit den "Bucs", einmal mit den New England Patriots) als Sieger nach Hause. Ihr letztes Aufeinandertreffen im Oktober war besonders bitter für Rodgers. Von seiner neuen Leichtigkeit war absolut nichts zu sehen - 38:10 ging das Spiel aus, in dem er nach anfänglicher Führung gleich zwei für ihn untypische Interceptions warf. Für Rodgers, dem das Entsetzen im Gesicht geschrieben stand, ging ab da alles den Bach herunter. "Sie haben uns zerstört", gab Packers-Coach LaFleur nach der herben Niederlage zu. "Es ergibt aber keinen Sinn, weiter darüber zu reden."

Statistisch gesehen hat Rodgers die höchste Passeffizienz aller Quarterbacks mit mindestens 100 Spielen in der NFL-Historie, bei 412 vorgelegten Touchdowns kommt er auf nur 89 Interceptions. Zum Vergleich: Der mit sechs Meisterschaften als das Nonplusultra unter den Quarterbacks geltende Brady kommt dagegen dank sechs Spielzeiten mehr auf 581 Touchdown-Pässe und 191 abgefangene Bälle. Experten debattieren schon lange, wer von beiden der talentierteste Quarterback ist. Doch um die "Bucs" heute Abend zu besiegen, ist jeder einzelne Spieler gefragt.

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Rodgers liebt "Gooooold!"

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Sollte Rodgers magisches Zusammenspiel mit Wide Receiver Davante Adams genauso hervorragend bleiben wie in den letzten Monaten, haben die Packers jedoch gepaart mit ihrem Heimvorteil durchaus Chancen, es in den Super Bowl zu schaffen. Die beiden Offensivspieler galten in der regulären Saison als unschlagbares Traumduo - der 28-jährige Adams fing Bälle für 1374 Yards und verwandelte 18 Touchdowns. Ein weiterer Pluspunkt ist der starke Schutz der O-Line, den Rodgers trotz des Ausfalls vom bestbezahlten Offensive Tackle der Liga, David Bakthiari, genießt. Die Männer geben Rodgers genügend Zeit, um gute Pässe zu werfen und neue Spielmöglichkeiten zu kreieren. Der Quarterback wurde in der regulären Saison mit nur 20 Mal sehr selten gesackt. Daran konnten auch die Los Angeles Rams nichts ändern, die in der letzten Saison über die beste Defensive der Liga verfügten und von den Packers letzten Sonntag mit einem Endspielstand von 32:18 aus den Playoffs gekickt wurden.

Niederlagen schmerzen "mehr als früher"

Es ist vor allem die Packers-Defense, die sich keine Fehler gegen Brady leisten kann. In der vergangenen Saison war ein immer wiederkehrendes Problem, dass sie zwar lange Pässe gut verteidigen konnte, dafür aber selten in der Lage war, die Laufspiele des Gegners zu stoppen. Jedoch hat auch Brady in seiner neuen Heimat Tampa Bay sein Spiel umgestellt. Warf er unter Head Coach Bill Belichick für die Patriots eher viele kurze Pässe, erlaubt ihm Buccaneers-Trainer Bruce Arians risikoreiche Zuspiele. So warf der 43-Jährige im letzten Spiel gegen Washington seinen längsten Touchdown-Pass in den Playoffs seit 2011 - mit 36 Yards.

Letztes Wochenende schickte der hoch motivierte Brady mit Drew Brees eine Legende in den Ruhestand. Und wie man in der AFC sieht, ist die junge Garde auf dem Vormarsch. Der 25-jährige Kansas-City-Chiefs-QB Patrick Mahomes steht ebenfalls heute Abend im Championship-Spiel gegen den 24-jährigen Josh Allen der Buffalo Bills auf dem Spielfeld. Auch Rodgers ist sich seines Alters durchaus bewusst. Umso mehr müssen er und seine Kameraden heute 60 Minuten lang alles geben. "Ich werde nicht mehr viele Chancen bekommen, noch einmal in den Super Bowl einzuziehen", sagte er nach seinem Playoff-Aus gegen die San Francisco 49ers vor ziemlich genau einem Jahr. Niederlagen schmerzten daher "mehr als früher".

Aber nicht nur Brady ist viel daran gelegen, sich noch einmal zu beweisen und einen Super-Bowl zu gewinnen. Auch Rodgers' Ehrgeiz ist nicht zu unterschätzen. Er ist ebenfalls angespornt, mit dem Gewinn eines zweiten Rings endgültig in die Riege der aller Besten einzuziehen. Dazu wird er nicht mehr allzu viele Chancen bekommen - doch er hat eindrucksvoll bewiesen, dass es immer noch zu früh ist, ihn abzuschreiben.

Quelle: ntv.de