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Hoher Preis für Super-Bowl-Traum Tom Bradys Ego kennt kein Limit

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Will es mit 43 Jahren noch einmal wissen: Tom Brady.

(Foto: picture alliance/dpa)

Mit seinem Wechsel zu den Buccaneers sagt Tom Brady seinen Ex-Weggefährten der New England Patriots den Kampf an. Der Star-Quarterback hat es auf den Super Bowl im eigenen Stadion abgesehen. Um seine Siegesmentalität umsetzen zu können, greift man in Tampa Bay teilweise zu fragwürdigen Methoden.

Neun Teilnahmen am Super Bowl, sechs Titelgewinne, vier Auszeichnungen zum wertvollsten Spieler (MVP), 14 Teilnahmen am Pro Bowl und den Ruf als "GOAT", dem "Greatest Of All Time" - was Tom Brady in 20 Jahren bei den New England Patriots erreicht hat, wird ihm so schnell kein anderer Quarterback nachmachen können. Im Frühjahr hätte der Meister der Titel nach dem Auslauf seines Vertrags als ewig verehrter Superstar abtreten können. Umso unverständlicher erschien daher seine Ankündigung, seine historische Erfolgsserie unter Headcoach Bill Belichick aufzugeben, um ausgerechnet bei den Tampa Bay Buccaneers einen Zweijahresvertrag zu unterschreiben. Die Underdogs aus Florida haben seit ihrem bislang letzten Einzug in die Playoffs im Jahr 2007 keine ernstzunehmende Rolle mehr in der US-Football-Profiliga NFL gespielt.

Am zehnten Spieltag der regulären Saison wird nun aber immer deutlicher, dass Bradys Absprung zu den Bucs strategisch sehr klug war - und das nicht nur wegen des schnellen Geldes. Denn mehr Reichtum ist wirklich nichts, was Brady jeden Tag aufs Neue wie besessen zu Höchstleistungen antreibt. Nein, Brady geht es um etwas ganz anderes: "Er will gewinnen. Immer", beschreibt sein Ex-Patriots-Kollege Sebastian Vollmer den 43-Jährigen. "Keiner hasst das Verlieren so sehr wie Tom." Dieser ordne dem Erfolg "wirklich alles" unter.

Dass Brady in seinem allerletzten Pass für die Patriots im Wild-Card-Game eine Interception warf und damit die Niederlage gegen die Tennessee Titans besiegelte, war ein äußerst unwürdiger Abgang für jemanden wie ihn. Mit seinem Wechsel zum Underdog will der 43-Jährige nun ein für alle Mal eine Diskussion beilegen, die herrscht, seit das einstige Dreamteam Belichick/Brady ihre ersten großen Erfolge feierte. Ist Brady wirklich der Beste aller Zeiten? Oder war er ein von Belichick abhängiger "System-Quarterback", der nur im Team funktioniert? Mit dieser Begründung werden ihm teilweise auch seine Super-Bowl-Siege kleingeredet.

Bradys Abgang war "unvermeidlich"

Um Bradys und Belichicks Leistungen messen zu können, sei ein Abgang Bradys "unvermeidlich" gewesen, sagte Vollmer zuletzt in seinem Podcast "Vollmer und Kuhn". Man müsse die beiden einfach miteinander vergleichen. Und solange Brady in den nächsten zwei Jahren besser spiele als die Patriots, könne er immer sagen, dass der Erfolg des Franchises immer nur an ihm lag. Doch das wird dem 43-Jährigen längst nicht genug sein. In die Playoffs kann es Brady locker noch schaffen. Bei seiner Siegermentalität muss das Ziel aber der Super Bowl sein. In Tampa wurde einiges dafür getan, dass dies noch in dieser Saison passiert.

Cheftrainer Bruce Arians hat ein starkes Receiver-Team um Brady aufgebaut und sogar Ex-Patriots-Star Rob Gronkowski aus dem Ruhestand geholt. Der Tight End gilt auf seiner Position als einer der besten Spieler in der NFL-Geschichte. Doch damit nicht genug: Seit vergangenem Sonntag gehört auch Antonio Brown ("AB") für den Rest der Saison zu den Buccaneers. Trotz seines enttäuschenden Comebacks gegen die Saints nach einer längeren Sperre gehört der 32-Jährige zu einem der talentiertesten Wide Receiver der Liga und macht Tampa zumindest auf dem Papier zum erfolgversprechendsten Receiving-Corps der NFL. Mit der in der Vorsaison besten Verteidigung stehen Tampa nun sämtliche Möglichkeiten zur Verfügung.

Doch Browns Verpflichtung birgt auch Risiken. Der Skandal-Spieler macht seit geraumer Zeit nur noch mit Negativ-Schlagzeilen von sich reden. Ihm werden Dutzende Vergehen vorgeworfen - darunter ein Einbruch, Körperverletzung, Vergewaltigung, sexueller Missbrauch und die Einschüchterung eines mutmaßlichen Opfers. Gegenüber seiner Ex-Freundin und Mutter dreier seiner Kinder soll "AB" ebenfalls handgreiflich gewesen sein. Diverse Streitigkeiten mit ehemaligen Teamkollegen sowie Headcoaches und Ausfälle haben zudem zu mehreren Rauswürfen des 32-Jährigen geführt. Aufgrund seines auffälligen Verhaltens wird vermutet, dass der Wide Receiver an der degenerativen Hirnkrankheit Chronische Traumatische Enzephalopathie (CTE) leiden könnte.

Brady bürgt für Schreckgespenst Brown

Browns einst makelloser Ruf ist mittlerweile nahezu zerstört. Seine Verpflichtung hat sowohl bei Fans als auch bei Sport-Journalisten zu massiver Kritik geführt. Brady dagegen hält "AB" die Treue, seit sie sich in seiner kurzen Zeit bei den Patriots angefreundet haben. Gemeinsam absolvierten sie ein erfolgreiches Spiel, bevor die Untersuchungen wegen Missbrauchs gegen Brown eingeleitet wurden.

Laut dem US-Sender "CBS" soll sich Brady bei den Bucs nicht nur für eine Verpflichtung von Brown stark gemacht, sondern auch versichert haben, dass dieser sich benehmen werde. Dafür sorgt er offenbar selbst, indem er den Wide Receiver in seinen eigenen vier Wänden wohnen lässt. Mit anderen Worten: Antonio Browns Erfolg lastet auf Tom Bradys Schultern. Und damit auch der Erfolg des gesamten Teams. Ob "AB" ein Vergewaltiger ist oder nicht, ist bislang nicht erwiesen. Dass Brady den mutmaßlichen Sexualstraftäter aber in dem Mietshaus, in dem er zumindest sporadisch mit Ehefrau Gisele Bündchen und den gemeinsamen Kindern lebt, wohnen lässt, ist fragwürdig.

Außerdem stellt sich unweigerlich die Frage: Hat der Quarterback blindes Vertrauen in seinen Freund? Oder benutzt er seinen neuen Mitbewohner nur für seine eigenen Zwecke und nimmt die vielen Missbrauchsvorwürfe gegen ihn dafür billigend in Kauf? Brady soll es gar nicht schnell genug gegangen sein, Brown an seiner Seite zu haben. Dessen Vertrag wurde unterzeichnet, noch bevor seine NFL-Sperre überhaupt abgelaufen war. Bradys Schweigen zu den Anschuldigungen spricht Bände.

Kaum Zuckerbrot, viel Peitsche

Im März hatte sich Bruce Arians in einer Radiosendung noch gegen eine Verpflichtung Browns ausgesprochen. "Das wird nicht passieren", sagte er und nannte Brown eine "Diva". "Ich kenne ihn und er passt nicht in unseren Umkleideraum." Arians und Brown pflegen seit ihrer gemeinsamen Zeit bei den Pittsburgh Steelers ein angespanntes Verhältnis. Als ehemaliger Offensiv-Koordinator bei den Steelers soll Arians zunächst gegen die Verpflichtung Browns gewesen sein und hat dessen Leistungen und Verhalten stets kritisiert. Brown nimmt ihm das bis heute übel.

Dass "AB" trotz allem bei den Bucs gelandet ist, spricht dafür, dass Brady etwas Großes mit ihm vorschwebt. Dieser Siegeswille scheint sogar den Headcoach zu einem Zugeständnis gebracht zu haben, sich mit "AB" für den Erfolg weit aus dem Fenster zu lehnen. Es könnte passieren, dass die NFL das Schreckgespenst wieder wegen einer erneuten zivilrechtlichen Untersuchung sperrt. Und Brady bekommt meistens, was will. Dieses Privileg hat er sich hart erarbeitet. Aber es sagt auch viel über seinen Charakter aus: Nichts will der mehr, als den Super Bowl zu gewinnen und es den Patriots, Bill Belichick und den Kritikern zu zeigen.

Mit den Buccaneers erlebt Brady nun ein komplett neues, entspannteres Spielerlebnis. Der offensiv denkende Trainer Arians ist ein Kumpel-Typ, der auf eine freundschaftliche Kommunikation mit seinen Spielern setzt. Das spiegelt sich auch in Bradys Gemüt wider: Der Familienvater wirkt wesentlich lockerer und überraschte jüngst in Interviews wie mit Radiolegende Howard Stern immer öfter mit seiner neuen, aufgeschlossenen Art. Bei den Patriots wäre dies undenkbar gewesen. Mit Bill Belichick soll er sich schon seit geraumer Zeit überworfen und nicht wertgeschätzt gefühlt haben. Der Coach begegnet seinen Spielern lieber mit Peitsche statt mit Zuckerbrot. Lob sollen sie selten zu hören bekommen, sondern dagegen oft um ihren Job bangen müssen.

Dass der Super Bowl im Februar im Stadion von Tampa Bay stattfindet, ist für Brady möglicherweise sogar der größte Ansporn. Denn sollten er und seine Männer es so weit schaffen und den Titel holen, wären sie das erste Team in der NFL-Geschichte, das im eigenen Stadion die begehrte Lombardi-Trophäe gewinnt. Das wäre das Ausrufezeichen hinter seiner Karriere.

Quelle: ntv.de