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Wie von einem anderen Stern Die irre Nacht der NBA-Ikonen

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Wenn Steph Curry heiß läuft, hilft nur kaltes Wasser.

(Foto: USA TODAY Sports)

Es ist eine historische Nacht in der besten Basketball-Liga der Welt. Im Mittelpunkt stehen zwei 1,91 Meter große Aufbauspieler, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Während Steph Curry im Land der Dreierschützen seine Herrschaft bestätigt, setzt sich Russell Westbrook eine besondere Krone auf.

Steph Curry sieht gar nicht so bedrohlich aus. Mit 1,91 Meter ist er für einen Basketballer nicht außergewöhnlich groß und auch die 84 Kilogramm, mit denen die offizielle Seite der NBA den Point Guard der Golden State Warriors führt, klingen nicht unbedingt nach einer Erscheinung, die Angst einflößt. Curry ist auch kein Überathlet, springt nicht überragend hoch, sprintet nicht überragend schnell. Und sein schelmisches Grinsen lässt nicht vermuten, dass genau dieser Steph Curry das ist, was sie in der Welt des Basketballs höchst anerkennend einen "bad man" nennen.

So gutmütig der Aufbauspieler abseits des Spielfeldes erscheint, so unbarmherzig ist es, was er darauf mit seinen Gegnern veranstaltet. In der vergangenen Nacht braucht es dafür gerade einmal 29 Minuten, in denen Curry beim 136:97-Sieg seiner Warriors bei hilflosen Oklahoma City Thunder 49 Punkte auflegt. Und dabei zugleich seinen Herrschaftsanspruch als bester Werfer, den dieser Sport je gesehen hat, untermauert. Ernsthaft in Gefahr ist dieser Titel zwar ohnehin nicht, das hält Aufbauspieler jedoch nicht davon ab, seine Überlegenheit nachhaltig und wiederholt zu demonstrieren.

Denn die 49 Punkte, so beeindruckend sie sein mögen, sind letztlich nicht der Grund, sondern die Folge von Currys Extraklasse. Elfmal trifft er gegen Oklahoma City von jenseits der Dreierlinie. Es ist sein 22. NBA-Spiel mit mindestens zehn getroffenen Distanzwürfen, nur fünf weitere Profis haben das überhaupt mehrfach geschafft, keiner öfter als fünfmal. Niemand verkörpert die Einfachheit des Werfens so sehr wie Curry. Ob nach dem Pass eines Mitspielers oder aus dem eigenen Dribbling heraus, ob direkt von der 7,24 Meter vom Korb entfernten Dreierlinie aus oder mehrere Schritte dahinter, notfalls sogar von der Mittellinie: Wenn Curry abdrückt, rauscht der Ball danach so oft durchs Netz des Korbes wie bei niemandem sonst.

Was für die meisten Basketballer ein eng verteidigter und schwieriger Wurf ist, ist für Curry ein freier und unbedrängter Abschluss. Die Hand des Gegenspielers im Gesicht? Stört ihn nicht dabei, all seine Kritiker zu widerlegen, die ihm vorwerfen, er könne kein Team alleine tragen. Nun aber trägt Curry mit Auftritten wie dieser 49-Punkte-in-29-Minuten-Gala eine Mannschaft in die Playoffs, die in der Vorsaison, als er verletzt fehlte, die mit Abstand mieseste Bilanz der Liga hatte. In der einzig Verteidigungsmaschine Draymond Green eine nachweislich überdurchschnittliche NBA-Tauglichkeit bescheinigt werden kann. Weil Steph Curry eben ein "bad man" ist. Auch wenn er gar nicht so bedrohlich wirkt.

Der König des Triple-Double

Gewissermaßen der Gegenentwurf zu Curry ist Russell Westbrook. Mit 1,91 Meter ist der Aufbauspieler zwar genauso groß, bringt aber offiziell 91 Kilo auf die Waage, die komplett aus Muskelmasse zu bestehen scheinen. Der Point Guard der Washington Wizards ist anders als Curry ein miserabler Dreierschütze, weshalb er sich einen anderen Weg suchen musste, um zu dominieren. Der 32-Jährige entschied sich für: scheinbar endlose Energie und den Vorsatz, im Zweifel einfach das Glück seines Teams selbst in die Hand zu nehmen.

Und das im wahrsten Sinne des Wortes: Beim 133:132-Erfolg nach Verlängerung gegen die Indiana Pacers erzielt Westbrook 33 Punkte, sammelt 19 Rebounds ein und legt 15 Assists für seine Mitspieler auf. Ein Triple-Double also, zweistellige Werte in drei statistischen Kategorien. Das alleine ist schon außergewöhnlich, weil selten. Zumindest für die Profis, die nicht Russell Westbrook heißen. Für den nämlich ist es das 25. Triple-Double in den jüngsten 32 Spielen. Curry regiert das Land der Distanzschützen, Westbrook ist der König der Triple-Doubles.

Noch teilt er sich die Krone mit Oscar Robertson, beiden gelang das insgesamt 181-mal in der regulären Saison. Robertson, mittlerweile 82 Jahre alt, war in der Spielzeit 1961/62 der erste und lange einzige NBA-Profi, der ein Triple-Double im Saisonschnitt auflegte. Eine unfassbare Leistung, die für viele Experten als unwiederholbar galt. Bis Russell Westbrook kam. 2016/17 schaffte er das zum ersten Mal, damals noch im Trikot der Oklahoma City Thunder. In den beiden darauffolgende Saisons wiederholte er diese Energieleistung. Weil er unermüdlich Rebounds einsammelt, den Ballvortrag im Spielaufbau übernimmt, seine Teamkollegen mit Pässen füttert, wenn sie in Abschlusspositionen sind.

Und selbst, wenn er in den verbleibenden Spielen keinen einzigen Punkt erzielen, keinen einzigen Abpraller einsammeln und seine Mitspieler keine seiner Vorlagen verwandeln würden: Die vierte Triple-Double-Saison ist ihm nicht mehr zu nehmen. Eine unfassbare Leistung: Er schafft zum vierten Mal ein Ereignis, was sonst seit Gründung der NBA 1946 nur ein einziges Mal registriert worden ist.

Dass Westbrook dabei noch die Washington Wizards gemeinsam mit seinem Co-Star Bradley Beal in die Playoffs zu führen scheint, die Anfang April noch bei einer Bilanz von 17 Siegen und 32 Niederlagen standen, seitdem aber 15 von 19 Spielen gewinnen konnten, dürfte eine willkommene Genugtuung sein. Denn oft genug wurde und wird ihm vorgehalten, "empty stats" zu produzieren, also großartige individuelle Statistiken, die aber nur wenig zum Teamerfolg beitragen. Was aber ehrlich gesagt auch nichts daran ändern würde, dass Westbrook gerade NBA-Geschichte schreibt.

Quelle: ntv.de

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