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Aus der Armut zum NBA-Champion Die unfassbare Story des griechischen "Freaks"

Der "Greek Freak" hat Wort gehalten: Ziemlich genau sieben Jahre nach seinem Versprechen, in Milwaukee eine Meisterschaft zu gewinnen, macht sich Giannis Antetokounmpo mit einer historischen Final-Performance unsterblich. Die Bucks sind zum ersten Mal seit 1971 NBA-Champion.

Sein nigerianischer Nachname bedeutet übersetzt soviel wie "Die Krone, die aus Übersee zurückkehrt". Während mehr als 80.000 Fans in und vor der "Fiserv Forum Arena" ihrer überschwänglichen Freude freien Lauf lassen, feuert Superstar Giannis Antetokounmpo - Arme weit ausgestreckt, breites Grinsen im Gesicht, die Faust im Triumph ballend - die frenetischen Bucks-Anhänger weiter an. Nur wenige Sekunden später ertönt der Schlusspfiff. Milwaukee gleicht einem Tollhaus.

50 Jahre nach seinem ersten und seither einzigen Titelgewinn ist der Klub aus Wisconsin wieder Meister in der National Basketball Association, der besten Basketball-Liga der Welt. Nicht nur, aber vor allem dank des "Greek Freak", wie Antetokounmpo aufgrund irrsinniger Ausmaße und außerordentlicher Fähigkeiten auf dem Hartholz genannt wird. 2,11 Meter geballte Schnellkraft, 2,21 Meter Spannweite, beliebig zwischen Panther-Agilität und Rhinozeros-Power wechselnd, dominierte der 26-Jährige in dieser Finalserie wie nur wenige Spieler vor ihm.

50 Punkte, 14 Rebounds und 5 Blocks steuerte der fünffache All-Star beim entscheidenden vierten Sieg gegen die Phoenix Suns bei, erzielte beim 105:98 (42:47) fast die Hälfte aller Bucks-Zähler. Sogar seine Freiwürfe traf er, als es eng wurde: 17 von 19, das sind 89 Prozent. In den sechs Finalspielen kam er auf 35,2 Punkte, 13,2 Rebounds, 5,0 Assists und 61,8 Prozent Trefferquote im Schnitt. Noch nie zuvor hat ein NBA-Profi mindestens 30 Punkte, 10 Rebounds und 5 Assists im Schnitt bei mehr als 60 Prozent Trefferquote in den Finals aufgelegt. Antetokounmpo wurde folgerichtig zum "Finals MVP", zum wertvollsten Spieler der Serie gekürt.

Damit avanciert der 1994 in Athen geborene Grieche nicht nur zum erst dritten europäischen Finals-MVP der NBA-Geschichte neben Dirk Nowitzki und Tony Parker (Frankreich), sondern schließt zu den legendären Michael Jordan und Hakeem Olajuwon auf - als einer von nur drei Stars, die in ihrer Karriere mindestens eine reguläre MVP-Trophäe, eine Finals-MVP-Trophäe und eine als Verteidigungsspieler des Jahres gewinnen konnten. Der heilige, trügerische Dreizack der individuellen NBA-Auszeichnungen: Antetokounmpo hält ihn jetzt in seinen riesigen Händen.

Der ultimative amerikanische Traum

"Ich hätte mir niemals erträumt, dass dieser Moment jemals kommen würde. Ich wollte nur Basketball spielen, um meinen Eltern aus den schwierigen Zeiten herauszuhelfen", sagte der frisch gebackene Champion und Sohn nigerianischer Einwanderer, die lange in Griechenlands Hauptstadt staatenlos und weit unter der Armutsgrenze zurechtkommen mussten, während ihre fünf Söhne nach der Schule Souvenirs an Touristen verkauften, um das Überleben zu sichern. Heute sind drei von ihnen NBA-Champions: Giannis und Thanasis mit den Bucks, Kostas im Vorjahr mit den Los Angeles Lakers.

Es ist der ultimative "Tellerwäscher zum Millionär"-Traum, der für Giannis gestern im absoluten Triumph kulminierte. "Ich hoffe ich gebe Leuten aus Afrika, aus Europa, auf der ganzen Welt, Hoffnung, dass alles möglich ist. Dass es sich lohnt, an seine Träume zu glauben", gab ein gerührter wie ausgelassener Antetokounmpo auf der globalen Pressekonferenz nach Spiel sechs Einblick in das, was ihn so greifbar macht: sein intrinsischer Antrieb und Besinnen darauf, dass man seines eigenen Schicksals Herr ist. Und dennoch Glück braucht und Leute, die einem den Rücken stärken.

Er bedankte sich bei seiner Familie - bei seiner Mutter, seinem verstorbenen Vater, den Brüdern und seiner Ehefrau - ebenso wie beim Klub, der ihn vor acht Jahren aus der dritten griechischen Liga auswählte, als er zarte 18 Jahre jung und 25 Kilogramm leichter und ein völlig unbekannter Projektspieler war. Damals blamierten sich die Bucks als eines der schlechtesten Teams im US-Sport, gehörten einem knauserigen US-Senator und liefen in einer der ältesten, marodesten Arenen der Liga auf.

In einer Linie mit Nowitzki, Duncan und Bryant?

Nur Khris Middleton, Antetokounmpos Co-Star heute, war schon 2013 mit an Bord. Seither ist viel passiert. Das Team wurde 2014 an eine neue, modern operierende Besitzergruppe verkauft, die sich sofort an den Bau einer neuen High-Tech Arena und zugehöriger Infrastruktur im Stadtzentrum machte. 2017 und 2018 wurden Management und Cheftrainer ausgetauscht. Eine Gewinner-Kultur und die Umrisse eines künftigen Top-Teams wurden immer klarer erkennbar.

Der Weg von gut zu sehr gut ist in der NBA der schwerste. Es braucht viel Geduld, ein dickes Fell, viel Frustrationstoleranz und am Ende auch ein paar Fügungen des Schicksals, um schließlich den höchsten aller Gipfel zu erklimmen. Zweimal in Folge, 2019 und 2020, gingen die Bucks trotz bester Bilanz in der regulären Saison und individueller Erfolge - Antetokounmpo wurde MVP, Middleton All-Star, Mike Budenholzer Coach des Jahres, Jon Horst Manager des Jahres - sang- und klanglos unter, wenn es darauf ankam. Budenholzer war ebenso umstritten wie Milwaukees und vor allem Antetokounmpos Spielstil in den Playoffs. Die unmittelbar bevorstehende Vertragsfreiheit des Franchise-Stars machte alle in der Bierstadt zusätzlich nervös.

Es wäre sein gutes Recht gewesen, den freien Markt zu testen und bei einem größeren, erfolgreicheren Team seiner Wahl zu unterschreiben. Viele Superstars vor ihm haben es so getan, nur wenige blieben ihrem Klub erster Stunde treu. Spieler wie Nowitzki, Kobe Bryant oder Tim Duncan, die sich durch alle Widrigkeiten und zahlreiche Rückschläge hindurchkämpften und sich so als Legenden unsterblich machten - nicht nur wegen ihrer sportlichen Leistungen. Bodenständig wie Nowitzki und Duncan, besessen und trainingswütig wie Bryant, loyal wie alle drei: Der "Freak" ist aus einem Holz geschnitzt, das vor allem in der von Allüren, Agenden und Agenten dominierten NBA seltener und seltener wird.

"Ich enttäusche Leute nicht gerne"

"Ich konnte nicht weg. Die Arbeit hier war nicht vollbracht", sagt Antetokounmpo. "Das hier ist meine Stadt. Sie vertrauen mir hier, sie glauben an mich, an uns. Und der Dickkopf in mir wollte beenden, was ich hier begonnen habe. Natürlich könnte zu einem Superteam wechseln, dort meinen Beitrag leisten und mit jemand anderem gewinnen. Aber das ist einfach, das kann jeder. Das hier hingegen, das ist hart. Und wir haben es geschafft."

Antetokounmpo verlängerte. Fünf weitere Jahre garantiert, bis mindestens 2026 und für rekordträchtige 228 Millionen US-Dollar, wird er in Milwaukee bleiben. Die Bucks luden personell nach, verpflichteten Jrue Holiday, Bobby Portis und P.J. Tucker - allesamt integrale Bestandteile der heutigen Meistermannschaft. Alle Leistungsträger sind mittel- bis langfristig unter Vertrag. Wie so viele Champions vor ihnen haben auch die Bucks aus ihrem früheren Versagen gelernt, sind schlauer, vielseitiger und mental stärker geworden. Sie haben sich angepasst. Ehrliche, konsequente und geduldige Arbeit auf allen Ebenen wurde am Ende belohnt. Dieser Titel ist aber vor allem Antetokounmpos Moment.

Vor vier respektive zwei Jahren forderte der im Januar 2020 tragisch verschiedene Hall of Famer Bryant seinen Mentee heraus, zunächst Liga-MVP, später NBA-Champion zu werden. Was eigentlich als Witz anfing - Bryant nahm jüngere Top-Spieler mit zufällig ausgewählten, realistischen Zielen in die Pflicht - wurde für den Bucks-Superstar zum Lebensziel. "Kobe glaubte an mich? Ich konnte nicht anders, als alles zu geben. Ich enttäusche Leute nicht gerne. Also musste ich mein Wort halten."

Giannis Antetokounmpo und die Bucks sind angekommen. Die zweite Meisterschaft der Klubgeschichte, die erste seit 50 Jahren, ist für Antetokounmpo Schlusslinie und Startschuss zugleich. Er ist erst 26. Seine besten Jahre als Basketballprofi liegen vor ihm. "Das hier macht süchtig. Ich liebe die Playoffs, ich liebe die Finals. Das hier sind die Momente, die ich jagen will. Ich will, dass wir auf diesem Erfolg aufbauen... und hoffentlich können wir es wieder tun."

Quelle: ntv.de

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