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Experte von Thien zu Klitschko "Dieses Ende hat was Großartiges"

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Die abtretende Legende (r.) und sein potenzieller Nachfolger: Wladimir Klitschko und Anthony Joshua.

(Foto: picture alliance / Nick Potts/PA)

Völlig überraschend beendet Wladimir Klitschko drei Monate nach dem letzten Kampf seine Karriere. In einer Phase, in der eigentlich mehr für ein Weitermachen als für ein Karriereende spricht. RTL-Box-Experte Andreas von Thien erklärt im Interview, warum der Zeitpunkt dennoch der richtige ist. Und warum Klitschkos letzter Gegner Anthony Joshua alles mitbringt, um eine ähnlich beeindruckende Ära einzuläuten wie der 41 Jahre alte Ukrainer.

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RTL-Box-Experte Andreas von Thien begleitet Wladimir Klitschko seit über 20 Jahren.

n-tv.de: Herr von Thien, Sie haben Wladimir Klitschko 21 Jahre lange als Sportmoderator begleitet. Alle Höhen und die wenigen Tiefen miterlebt. Ist der Rücktritt die richtige Entscheidung?
Andreas von Thien: Als ich davon gehört habe, musste ich schon kurz schlucken. Da geht eine große Geschichte zu Ende. Ich habe Wladimir Klitschko lange begleitet, von seinem Olympiasieg 1996 in Atlanta bis nach Wembley im April. Und ich hatte das Gefühl, dass er weitermacht. Dass er das Re-Match gegen Joshua haben will. Der Rücktritt hat mich wirklich überrascht. Aber ja, ich kann das nachvollziehen.

Lassen Sie uns über die Gründe sprechen. Warum macht das Karriereende Sinn - trotz der Niederlagen in Wembley gegen Joshua und zuvor gegen Tyson Fury?
Gerade gegen Joshua hat Klitschko gespürt, dass er an seine Grenze gekommen ist. So viele schwere Granaten wie da hat er in seiner ganzen Karriere nicht wegstecken müssen. Das war eine echte Schlacht. Eine, auf die er sich so lange und intensiv wie noch nie vorbereitet hat. Er wird also abgewogen haben: Wie viel Vorbereitung ist nötig, um erfolgreich zu sein? Wir dürfen nicht vergessen, dass der Mann schon 41 Jahre alt ist! Er hatte eine sehr lange Karriere, hat alles erlebt und jetzt steht eben seine Familie im Fokus mit Töchterchen Kaya.

Doch trotz des fortgeschrittenen Alters hat er in seinem, so können wir es ja jetzt sagen, letzten Kampf ein gleichermaßen ungewohntes wie beeindruckendes Spektakel geboten …
Absolut, das war einer der geilsten Schwergewichtskämpfe aller Zeiten. Wenn ich an den Abend zurückdenke, dann bekomme ich immer noch eine Gänsehaut. Diese Atmosphäre, dieser Kampf. Es war ein ständiges Auf und Ab. Beide waren abwechselnd immer wieder am Drücker, hatten die Chance, den Kampf zu finalisieren. Und wäre Klitschko in der sechsten Runde nachgegangen, er hätte sicher gewonnen. Das war so ein Abend, wo wir in ein paar Jahren sagen werden: Weißte noch …, so aufzuhören hat doch was wirklich Großartiges!

Zur Person: Andreas von Thien

  • Andreas von Thien ist seit 1992 Sportredakteur und Moderator bei RTL.

  • Als Leiter des Sportpools ist er für die Sportnachrichten verantwortlich.

  • In den Wochenendausgaben der Nachrichtensendung RTL Aktuell präsentiert er regelmäßig den Sport.

  • Als Box-Kommentator hat er den Weg von Wladimir Klitschko über 20 Jahre lange begleitet.

  • Sein Vater ist die Wismarer Box-Legende Friedrich „Fiete“ von Thien.

Also war es eigentlich der perfekte Abschied nach dem heftigen Fury-Schock, der ersten und auch gleichzeitig desolaten Niederlage nach elf Jahren im November 2015?
Die Niederlage gegen Tyson Fury war für Klitschko die größte sportliche Enttäuschung, die er je hinnehmen musste! So wollte er sich nicht verabschieden. Er hatte etwas gutzumachen. Gegen Joshua hat er das beeindruckend getan.

Warum hat er dann nicht doch weitergemacht? Warum nicht der Rückkampf gegen Joshua?
Die Frage wird er sich sicher auch gestellt haben. Ich bin fest davon überzeugt, dass er sich seine Entscheidung ganz intensiv hat durch den Kopf gehen lassen. Es hat lange in ihm gegärt. Deswegen auch die Entscheidung erst jetzt, gut drei Monate später. Er wird endlose Diskussionen mit sich geführt, keine ruhige Nacht gehabt haben. Aber vermutlich weiß er auch, dass der Faktor Zeit gegen ihn und für den erst 27-jährigen Joshua spricht.

Die eine Ära ist vorbei, kommt nun die nächste? Die von Anthony Joshua?
Er ist auf jeden Fall der legitime Nachfolger von Klitschko. Erst war er der Sparringspartner, jetzt ist er in der Position, das Erbe anzutreten. Er bringt alle Voraussetzungen mit, um ein Megastar zu werden: sportlich, menschlich, charismatisch. Er kann entertainen, er kann boxen, hauen, pflastern, sich gut ausdrücken und sieht auch noch gut aus. Er ist im Prinzip ein Klitschko reloaded. Er kann dem Schwergewicht über Jahre hinweg seinen Stempel aufdrücken.

Einen anderen "Hoffnungsträger" für das Schwergewicht gibt es nicht?
Für das Schwergewicht ist es sehr gut, dass es einen Joshua gibt. Schauen wir uns doch mal hier um - wenn wir Klitschko als adaptierten Deutschen betrachten - wie schwer es ist einen neuen Helden aufzubauen. Einem, der dem Sport viel Gutes tun kann. Joshua ist anders als die anderen, allen voran dem drogen- und suizidgefährdeten Fury. Wenn Joshua nicht die Nerven verliert und in einer guten Form ist, wird er alle anderen schlagen!

Mit Andreas von Thien sprach Tobias Nordmann

Quelle: n-tv.de