"Finde es frech"Disqualifizierter Skisprung-Star regt Kollegen und Experten auf

Beim ersten Mal erntet er noch Mitgefühl, nach dem zweiten Mal sind sich Experten und Konkurrenten einig: Der bei der Vierschanzentournee disqualifizierte Skispringer Timi Zajc hat kein Mitleid verdient.
Für Skisprung-Star Timi Zajc ist die Vierschanzentournee nach der Hälfte der Wettbewerbe schon vorbei. Nicht etwa, weil der Weltmeister zu kurz gesprungen sei. Nein, weil sein Anzug zu lang war. Und das gleich zweimal. Und deshalb sah der Slowene von den Verantwortlichen die Rote Karte, Zajc ist für die ausstehenden Springen in Innsbruck (4.1.) und Bischofshofen (6.1.) gesperrt. Und während Zajc nach seinem bitterem Moment zum Auftakt in Oberstdorf noch vereinzelt Mitleid bekam, hat sich nun der Wind gedreht.
"Das ist ein Denkzettel für ihn. Ich finde es frech - und das nicht im positiven Sinne", sagte Eurosport-Experte Martin Schmitt nach dem Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen. "In Oberstdorf hatte ich ein bisschen Mitleid mit ihm. Aber ich habe absolut überhaupt kein Verständnis für das, was hier passiert ist." In Oberstdorf stand Zajc, der in einem hochklassigen Wettkampf auf Platz zwei hinter Dominator Domen Prevc gesprungen war, schon zur Siegerehrung bereit, ehe man ihn doch noch aus dem Verkehr zog. Sein Anzug sei drei Millimeter zu lang gewesen, verkündete der neue Kontrolleur Mathias Hafele hinterher.
Schluss mit lustig
Auch die deutsche Skisprung-Legende Sven Hannawald hatte in Oberstdorf noch Mitleid mit dem bestraften Großschanzen-Weltmeister von 2023. Die dramatische Disqualifikation tue ihm "leid für Timi Zajc, aber am Ende des Tages ist er für seinen Anzug verantwortlich." Zajc selbst reagierte da noch mit Humor auf seine Gefühlsachterbahnfahrt: "Lasst uns den Anzug ein bisschen stretchen, vielleicht ist dann in Ga-Pa alles okay", schrieb der 25-Jährige auf Instagram mit Blick auf das Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen.
Aber da ging für den 25-Jährigen dann alles schief: Diesmal durfte Zajc nicht mal zum ersten Durchgang antreten - weil sein Anzug diesmal vier Millimeter zu groß war. "Durch sein Lach-Lach hat sich der Kontrolleur heute wahrscheinlich gedacht: Na gut, dann kontrollieren wir mal vor dem Sprung und nicht erst danach, wenn du ihn gedehnt hast. Und da hat es wieder nicht gepasst", sagte Schmitt. "Das ist konsequent und gibt Timi Zajc eine kleine Denkpause."
Österreichs Skisprung-Legende Toni Innauer unterstellte Zajc eine große Sorglosigkeit: "Vielleicht hat er mit allen Tricks versucht, zu beweisen, dass er eh innerhalb des Reglements ist, und trotzdem haben ihm drei Millimeter gefehlt. Ich schätze, man hat ihn gewarnt, und er hat das zu wenig ernst genommen", sagte der Olympiasieger beim Portal oe24. Ähnliches hatte auch Hannawald vermutet: "Bisher sind auch alle immer davon ausgegangen sind: Die machen das bei einem Großevent wie der Vierschanzentournee sowieso nichts. Dementsprechend sind viele Nationen All in gegangen und sind mit Dingen gesprungen, von denen sie wussten: Die gehen eigentlich gar nicht", sagte der Tournee-Sieger von 2002.
"Darf nicht passieren"
Auch bei Konkurrent Karl Geiger schlug Mitgefühl in Verständnislosigkeit um: "Es kann passieren, aber wenn es das zweite Mal in Folge passiert, muss ich sagen: das darf nicht passieren. Das ist für den Athleten natürlich sehr frustrierend", sagte der Deutsche über den erneuten Verstoß seines Widersachers. Der deutsche Ex-Weltmeister Severin Freund ärgerte sich über die "Uneinsichtigkeit" von Zajc. "Es ist das einzig Korrekte, dass man der Linie treu bleibt", sagte Freund als ZDF-Experte. "Wenn sich der Athlet dann nicht darauf einstellt und der Athlet nicht genug nacharbeitet, ist es die einzig logische Konsequenz, dass man von der Fis weiter bei der Linie bleibt."
Der Weltverband FIS war nach dem Desaster bei der vergangenen Weltmeisterschaft unter Druck geraten, als das norwegische Team ertappt wurde, wie Anzüge gleich mehrerer Topspringer nicht regelkonform präpariert wurden. Die Materialkontrollen wurden in der Folge verschärft. Die neuen Regeln - unter anderem dürfen die Athleten während des Wettkampfs ihre Anzüge nicht mehr wechseln - sollen für mehr Transparenz sorgen. "Wir hoffen, dass wir damit einen echten Mentalitätswechsel hinkriegen. Wir müssen von dem Image weg, dass im Skispringen im Hinterzimmer geschummelt und getrickst wird", hatte Andreas Bauer, der Chef der Materialkommission im Internationalen Skiverband, der "Augsburger Allgemeinen" erklärt.
Nun hat die FIS auf der größten Bühne nachgewiesen, dass es ihnen mit dem Kampf um die Glaubwürdigkeit des Skispringens ernst ist.