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Tour de France mit Blick zurück Doping, Wut und viel Froome

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Díe "Gelbe" Gefahr: Chris Froome könnte seinen 4. Tour-Gesamtsieg feiern, dazu noch den 3. hintereinander.

(Foto: picture alliance / dpa)

Vor 30 Jahren startet die Tour letztmals in Deutschland. Vor 20 Jahren gewinnt zum ersten und bisher einzigen Mal ein Deutscher die Frankreich-Rundfahrt. Vor 10 Jahren taumelt die Tour am Abgrund. 2017 verspricht erneut Historisches.

Es ist 1987, die Welt noch eine andere: Berlin ist noch zweigeteilt, Deutschland noch nicht vereint. In der Liste der Gesamtsieger der Tour de France steht noch kein deutscher Name. Der Radsportzirkus tingelt noch ohne große Skandale durch Europa. 1987 ist auch das Jahr, in dem die Tour in Deutschland beginnt. 30 Jahre dauert es, bis das wieder geschieht: 2017, Tour-Auftakt, Düsseldorf.

Die Radsportwelt hat sich in diesen drei Jahrzehnten radikal verändert: Sie wird schneller, professioneller, technisch anspruchsvoller, kapitalaufwändiger. 1997 gewinnt Jan Ullrich als bisher einziger Deutscher die Tour. Es folgen unzählige Dopingskandale, Epo-Beichten unter Tränen und diverse Überarbeitungen der Siegerlisten. Namhafte Teams der Vergangenheit wie Festina oder Rabobank gehen im Dopingsumpf unter und verschwinden auf Nimmerwiedersehen. Nur eines bleibt über die Jahrzehnte unverändert: Die Liebe der Fans zum Radsport und zur Tour.

Deutsche Tage

Das wird sich auch in Düsseldorf zeigen, wenn Millionen Fans hinter den Absperrgittern das 14 Kilometer lange Einzelzeitfahren zu einem einmaligen Erlebnis machen werden. Am Ende könnte dann mit dem frisch gebackenen Zeitfahrmeister Tony Martin (Katjuscha-Alpecin) ein Deutscher das erste Gelbe Trikot der Tour 2017 tragen. Martin selbst sieht das Maillot Jaune "auf jeden Fall in greifbarer Nähe".

Damit wäre der Grundstein für weitere Gelb-Fahrten gelegt, denn auf den folgenden Teilstücken nach Lüttich, Longwy und Vittel - jeweils über 200 Kilometer lang -, sind Körner gefragt. Die Sprinterteams stehen im Mittelpunkt und mit ihnen auch zahlreiche deutsche Fahrer: Tour-Debütant Rick Zabel (Katjuscha-Alpecin) etwa oder die Sprintasse Marcel Kittel (Quick-Step) und Andre Greipel (Lotto-Soudal), die zusammen bisher 20 Tagessiege feiern konnten.

Alles neu ab Etappe 5

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5. Etappe über 160,5 Kilometer von Vittel nach La Planche des Belles Filles

Auch John Degenkolb (Trek-Segafredo), der sich mittlerweile vom reinen Sprinter zum Klassikerspezialist gemausert hat, könnte auf den ersten Tourtagen durchaus eine Rolle spielen - mit Glück und Verve vielleicht sogar auf dem 5. Teilstück hinauf zur Bergankunft La Planche des Belles Filles. Am Wahrscheinlichsten ist aber, dass das Gelbe Trikot am Ende des kurzen aber mit 20 Prozent sehr steilen Schlussanstiegs auf den Schultern eines Klassementfahrers ruhen dürfte.

Und damit beginnt die Tour so richtig. Die Streckenführung hat es in sich: Station des Rousses (8. Etappe) und Chambuery (9.) warten vor dem ersten Ruhetag. Auf den Etappen nach Peyragudes (12.) und Foix (13.) gibt es weitere Bergkilometer zu schlucken, ehe auf dem 15. Teilstück nach Le Puy-en-Velay erst ein 50-Kilometer-Anstieg mit 1000 Höhenmetern zum Plateau de l'Aubrac und dann mit dem erstmals angefahrenen Col de Peyra Taillade (14 Prozent Steigung) vielleicht eine Vorentscheidung im Kampf ums Gelbe Trikot fallen könnte.

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18. Etappe über 179,5 Kilometer von Briancon auf den Col d'Izoard

Auf der 17. Etappe nach Chevalier sind die Topkletterer erneut gefordert: Col de la Croix de Fer und der über den Col de Telegraphe angefahrene Galibier verlangen ihnen alles ab. Einen Tag später wartet der zehn Kilometer und im Schnitt neun Prozent steile Schlussanstieg auf den Col de Izoard auf die Fahrer.

Enges Rennen um Gelb?

Sky-Profi Christopher Froome fährt auch 2017 in der Favoritenrolle. Der Brite könnte seinen dritten Gesamtsieg in Folge feiern. Das stärkste Team im Peloton und der alleinige Fokus auf den Tour-Triumph sind Froomes großes Pfund, mit dem er wuchern kann und den Konkurrenten die Zähne ziehen wird. Sturzfrei und von Krankheiten verschont, heißt auch 2017 der Tour-Sieger Froome.

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v.l.n.r.: Nairo Quintana, Richie Porte und Chris Froome

(Foto: picture alliance / Kenzo Triboui)

Dahinter dürfte es wie im Vorjahr eng zu gehen: Nairo Quintana (Movistar) aus Kolumbien will endlich ganz oben aufs Podium. Dass es in diesem Jahr "nur" 36 Zeitfahrkilometer sind dürfte dem Bergspezialisten entgegenkommen. Der 27-Jährige fuhr bereits den Giro, wurde dort Zweiter hinter dem Überraschungssieger Tom Dumoulin aus der deutschen Sunweb-Mannschaft. Dumoulin ist bei der Tour nicht am Start.

Auch Richie Porte (BMC) träumt vom Toursieg. Froomes einstiger Edelhelfer war 2016 der Einzige, der dem Briten im Hochgebirge folgen konnte. Immerhin. Dieses Jahr reist der Australier mit Gesamtsiegen bei der Tour Down Under und der Tour de Romandie nach Frankreich. Die Form stimmt also. Selbiges gilt auch für Alberto Contador. Der Spanier in Trek-Diensten gewann 2007 und 2009 die Tour. In den Bergen ist er noch immer stark, aber im Zeitfahren hat Froome klare Vorteile.

Das gleiche gilt für Frankreichs Hoffnung Romain Bardet (Ag2r-La Mondiale). Der Überraschungszweite 2016 wird diesen Erfolg in diesem Jahr nicht wiederholen können. Im Auge behalten sollte man amtierenden italienischen Meister Fabio Aru und den Dänen Jakob Fuglsang (beide ebenfalls Astana). Sie könnten bei dieser Tour positiv überraschen.

Keine Tour ohne das Thema Doping

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Immer wieder Doping-Befunde anderer Fahrer vor der Tour: Top-Zeitfahrer Tony Martin "ärgert's".

(Foto: picture alliance / arifoto UG/dp)

Apropos positiv: Contadors Mannschaftskollege André Cardoso wurde positiv auf Epo getestet. Er beteuert zwar seine Unschuld, die Wut im Peloton ist greifbar: "Der Ärger ist unglaublich groß über diese Dummheit", sagt etwa Tony Martin. Sunweb-Fahrer Niklas Arndt wird noch deutlicher: "Wir doof kann man sein, im Jahr 2017 noch Epo zu nehmen?"

Cardosos Fall zeigt, dass der Radsport auch Jahrzehnte nach den ersten Skandalen noch immer nicht frei von Doping ist. Auch wenn sich die Fans das wünschen und sich das Gros des Pelotons dafür stark macht. Der Dopingverdacht fährt auch 2017 bei der Tour wieder mit, den Fall Cardoso hätte es dafür wohl gar nicht gebraucht. Die zurückliegenden Skandale - wie Festina, Rabobank, Lance Armstrong - sind dafür verantwortlich.

Deutscher Jubel zum Ende der Tour

Ungeachtet all dessen heißt es für die deutschen Fahrer zum Ende der 3540 langen Frankreich-Rundfahrt noch einmal: Den inneren Schweinehund überwinden und Zähne zusammenbeißen, denn es winken Tagessiege. Auf dem vorletzten Teilstück heißt es erneut für Tony Martin "Kette rechts" auf dem 22,5 Kilometer langen Einzelzeitfahren in Marseille (20. Etappe). Einen Tag darauf endet die Tour traditionell auf dem Pariser Prachtboulevard Champs-Élysées. Andre Greipel könnte seiner Vita dann einen weiteren Triumph hinzufügen.

Auf einen deutschen Gesamtsieg müssen die Fans indes weiter warten. Nachdem es 30 Jahre gedauert hat, bis die Tour wieder in Deutschland startet, könnte es 2027 dann endlich soweit sein - dopingfrei versteht sich. Hoffentlich.

Quelle: ntv.de

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