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Bob Hanning über den EM-Endspurt "Es ist halt pervers"

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Bob Hanning beobachtet genau, was die deutsche Handball-Nationalmannschaft gegen Österreich auf die Platte bringt.

(Foto: dpa)

Die deutsche Handball-Nationalmannschaft konnte bei der Europameisterschaft eine schwache Vorrunde mit zwei bisher überzeugenden Auftritten in der Hauptrunde nicht mehr reparieren. Nach der 24:25-Niederlage gegen Kroatien kann das DHB-Team das selbstgesteckte Ziel Halbfinale nicht mehr erreichen. Bob Hanning ist die treibende Kraft im Deutschen Handball-Bund. Im Gespräch mit ntv.de ordnet der DHB-Vize die zu Ende gehende Europameisterschaft ein - und erklärt, warum das Spiel gegen Gastgeber Österreich am Abend (20.30 Uhr im Liveticker auf ntv.de) eine immense Bedeutung für den deutschen Handball hat.

Bob Hanning, heute Abend spielt die deutsche Handball-Nationalmannschaft gegen Österreich. Ist das nach dem maximal enttäuschend geplatzten Halbfinal-Traum noch ein wichtiges Spiel?

Bob Hanning: Das Spiel ist auf jeden Fall wichtig. Es geht jetzt für uns darum zu sehen, wie wir uns einer solchen Enttäuschung, wie wir sie durch das Kroatien-Spiel erleben mussten, herauskämpfen können. Wieviel steckt an Leidensfähigkeit in uns? Ich mag das Wort "Charaktertest" nicht, weil ich weiß, dass diese Mannschaft ganz viel Charakter besitzt. Aber man wird heute schon überprüfen können, ob sie den absoluten Willen hat, Ziele zu erreichen.

Haben Sie den Eindruck, dass die Spieler bereit sind, die Herausforderungen anzunehmen?

Ich glaube schon, dass sie es wollen und sie haben sich auch öffentlich dazu bekannt. Der Test wird sein, ob die Mannschaft das auch auf die Platte bekommen kann. Ich würde es mir wünschen, eine Garantie gibt es aber nicht. Das wird erst das Spiel zeigen.

Nach dem Drama mit der knappen Niederlage gegen Kroatien hat niemand Lust auf das Spiel um Platz fünf. Abwehrchef Hendrik Pekeler hat gesagt, Platz fünf interessiere ihn nicht. Für dieses Spiel auch noch nach Stockholm reisen zu müssen, ist maximal undankbar. Kommt es aber vielleicht ganz gelegen, dass man mit Platz fünf noch ein ganz konkretes Ziel ausgegeben kann?

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Hendrik Pekeler lieferte sich mit den Kroaten viele direkte Duelle.

(Foto: dpa)

Platz fünf zu erreichen ist ein lohnendes Ziel, trotz aller berechtigter Enttäuschung über das Verpassen des Halbfinals. Wir sind auch keine Nation, die einen möglichen fünften Platz bei einer Europameisterschaft einfach wegschenken kann. Platz fünf bedeutet Weltspitze, Platz zehn hat mit Weltspitze nichts mehr zu tun.

Hat Sie die Aussage von Hendrik Pekeler da nicht irritiert? So menschlich und sportlich nachvollziehbar sie auch ist von einem Leistungssportler, der gerade eine bittere Niederlage hatte hinnehmen müssen.

Nein, überhaupt nicht. Ich finde es auch unsäglich was aus diesem Satz gemacht wurde. Der Junge hat sich gegen die Kroaten, da gibt es kein anderes Wort, so dermaßen den Arsch aufgerissen. Er hat seinen Halbfinaltraum investiert, war körperlich völlig am Ende und wurde maximal enttäuscht. Da ist doch klar, dass in diesem Moment ein möglicher Platz fünf in Stockholm völlig ohne Wert ist. Er hat das ausgesprochen, was in diesen Minuten für alle von uns galt. Wie gesagt: In diesem Moment. Mit dem Abstand von zwei Tagen denken wir alle anders darüber.

Welchen Anteil hat denn der Bundestrainer konkret an der schwachen Vorrunde, aber auch an den beiden überzeugenden Auftritten in der Hauptrunde?

Zunächst einmal finde ich es gut, dass er auch nach den vielen Absagen am Ziel Halbfinale festgehalten hat. Er hätte auch sagen können, dass mit dieser Mannschaft und den vielen Verletzten das Halbfinale reines Wunschdenken sei. Damit hat er sich einem großen Druck ausgesetzt. Wir haben gegen die Kroaten, ein Team voller Weltstars, ohne mehrere Spieler gespielt, die zum absoluten Stamm der Nationalmannschaft gehören: Fabian Wiede, Steffen Weinhold, Martin Strobel und und und – mindestens zwei davon würden normalerweise immer auf dem Feld stehen. Das ist einfach eine massive Schwächung.

Aber dennoch, wie kann eine solche Vorrunde zustande kommen, in der sich das Team überraschend schwer gegen die EM-Neulinge Niederlande und Lettland tat, sich teils sehr fahrig und leblos präsentierte – und gegen Spanien von Beginn an völlig chancenlos war?

Die Mannschaft war nicht darauf gefasst, sich mit einem solch massiven Stimmungsabfall wie in Trondheim auseinandersetzen zu müssen. Das war wie auf einer sportlichen Beerdigung. Sie hat es nicht geschafft, sich da von alleine rauszuziehen. Ich bleibe aber dabei, dass der Auftakt gegen Holland okay war, auch gegen die Letten haben sie 45 Minuten sehr ordentlich gespielt. Mit dem Einlaufen in Wien hat sich bei der Mannschaft dann etwas gelöst, wir waren auf einmal wieder da, wo wir bei der begeisternden WM im vergangenen Jahr schon waren. Ich denke, man sollte weder das eine, noch das andere zu konkret am Trainer festmachen.

Warum ging ganz konkret das Spiel gegen die Spanier so in die Hose? Die Spanier haben große Qualität, aber sie haben bei diesem sehr lockeren 33:26 auch nichts Überraschendes gezeigt.

Weil die Spieler in diesem Spiel nicht gut genug waren. Ein Paul Drux funktioniert als Mittelmann nur, wenn er Halblinks und Halbrechts Leute hat, die auch an ihre Leistungsgrenze kommen. Er ist ja kein klassischer Spielmacher. Ein Kai Häfner war in der Vorrunde überhaupt noch nicht bereit für die Rolle, die er nach den Absagen von Fabian Wiede und Steffen Weinhold übernehmen musste. Es ist das eine, als Joker reinzukommen, aber es ist etwas ganz anderes, als Starter die Hauptlast auf Halbrechts zu tragen. Und dass ein Julius Kühn sich gegen eine 5:1-Deckung schwer tut, haben wir dann auch gegen die Kroaten gesehen. Nach dem Spanien-Spiel gab es die Diskussion, warum Kühn so wenig gespielt hat, nach dem Kroatien-Spiel wurde diskutiert, warum Kühn so viel gespielt hat. Es ist halt pervers. Der richtige Plan war gegen die Spanier da, wir haben es nur nicht geschafft, ihn umzusetzen.

Ist in der Anfangsphase der Begegnung gegen den Europameister Spanien die Überzeugung verschwunden, dass das Ziel Halbfinale wirklich realistisch ist? Die Mannschaft, der Trainer, der Verband haben das Ziel sehr offensiv transportiert, auch trotz der Absagenflut. Das ist ehrenvoll, aber wäre es rückblickend klüger gewesen, das anders zu handhaben? Sich als Außenseiter zu positionieren wäre sowohl verständlich, als auch glaubwürdig gewesen.

Ich stehe zu hundert Prozent zu dem, was wir gemacht haben. Das Ziel Halbfinale kam ja auch und vor allem aus der Mannschaft, sonst könnte man darüber diskutieren. Aber ich finde es immer besser, sich hohe Ziele zu setzen und auf dem Weg dorthin zu scheitern, als von Anfang an auf "Mal schauen" zu setzen. Ich glaube nicht, dass wir gegen die Kroaten eine so starke Leistung gezeigt hätten, wenn es das große Ziel nicht gegeben hätte. Nein, auch mit der Erfahrung der vergangenen Spiele gibt es keinen Anlass, zu zweifeln.

War der Ausfall von Fabian Wiede, der in den vergangenen Jahren immer besser in die Spielmacherrolle hineingewachsen ist und mit Kai Häfner einen gefährlicheren rechten Rückraum gebildet hätte, der eine Ausfall zuviel?

Klares Ja! Fabian Wiede bekommt man in dieser Phase, in dieser Konstellation, wie wir sie im Moment in der Nationalmannschaft haben, nicht ersetzt. Natürlich wiegen alle Absagen schwer, aber genau das hätte nicht passieren dürfen.

Torhüter Andreas Wolff, der zwei fürchterliche Vorrundenspiele erlebt hat, verriet, gegen Spanien habe er sich gefühlt, als seien seine Füße am Boden festgeklebt. Wie kann einem Spitzenmann so etwas passieren?

Das passiert, weil auch Andi Wolff ein Mensch ist. Genau dafür hatten wir Jogi Bitter geholt: Weil er schon viele Spiele gewonnen hat. An diesem Tag hat das aber leider nicht funktioniert. So bitter das ist, weil Jogi der Mannschaft in vielen Dingen auch ungeheuer gut tut. Jeder dachte, der andere macht das schon irgendwie. Und das ging gegen die Spanier ganz vielen so. Es wurde sich hinter dem Team versteckt, anstatt voran zu gehen. Kai Häfner … ich bin ein großer Fan von ihm. Aber in diesem Spiel hatte er seine Rolle als Stammkraft mit Verantwortung nicht verstanden gehabt. Das war gegen die Weißrussen schon ganz anders und auch gegen die Kroaten. In Wien war er voll zur Stelle und hat die Herausforderung sehr gut angenommen. Natürlich hat er gegen die Kroaten auch Fehler gemacht, die im Ergebnis weh getan haben. Aber das ist mir egal, denn da ist er marschiert. Man darf Fehler machen, aber man muss sie mit Überzeugung machen, mit Leidenschaft. Dann ist das in Ordnung. Gegen Spanien hat das beinahe allen gefehlt.

Nach der Niederlage gegen die Kroaten haben Sie verkündet, dass es zum jetzigen Zeitpunkt – wir wissen nicht, wie die Mannschaft und der Trainer die EM zu Ende bringen – keine Diskussion um den Bundestrainer gibt. Nun bleibt nach der desolaten EM 2018 und der Heim-WM 2019 zum dritten Mal unter Christian Prokop das gewünschte Ergebnis aus. Was muss passieren, damit es doch zu einer Trainerdiskussion in der Verbandsspitze kommt?

Es wird natürlich nach dem Turnier eine offene Analyse mit allen Beteiligten geben, alles andere wäre ja fahrlässig. Da wird man auch besprechen, was gut und was nicht so gut gemacht wurde. Wir werden uns nicht hinstellen und sagen, dass alles toll war und keine Fehler gemacht wurden. Aber noch sind wir mitten im Turnier und ich werde jetzt ganz sicher keine Trainerdiskussion führen. Das könnt ihr Journalisten machen. Es ist in den vergangenen Jahren im und rund um den deutschen Handball so viel bewegt worden, wir hatten bei dieser Europameisterschaft in der Spitze wieder neun Millionen Menschen an den TV-Geräten. Wir haben einen Auftrag für den Handball, das hier ordentlich zu Ende zu bringen. Ganz klar, wir brauchen den sportlichen Erfolg der deutschen Nationalmannschaft. Im Moment unterhalten wir uns deshalb nur darüber, wie wir Österreich schlagen können und nicht, was passiert, wenn was passiert.

Sie sagen es: Einmal im Jahr sitzt die Sportnation für zwei Wochen vor dem Fernseher und interessiert sich großflächig für den Handball. Macht es Sie als DHB-Funktionär nicht wahnsinnig, wenn dann Spiele wie gegen Spanien oder eben Lettland als Nicht-Werbung stattfinden?

Es würde mich frustrieren, wenn ich der Mannschaft einen Vorwurf machen könnte. Ich war nach Spanien enttäuscht, natürlich.

Auch besorgt?

Wir hätten einfach besser spielen müssen. Der Plan war da und dass die Mannschaft gut Handball spielen kann, war mir auch klar. Die Aufgabe gegen die Weißrussen, beileibe keine schlechte Mannschaft, haben wir dann wieder mit Brillanz gelöst. Das Spiel gegen Kroatien hat mich von den Jungs und unserem gemeinsamen Weg wieder überzeugt.

Was nehmen Sie Positives aus diesem Turnier mit? Wer hat Ihnen gefallen?

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Die maximale Enttäuschung soll von einem positiven Gefühl abgelöst werden.

(Foto: dpa)

Toll fand ich, wie Andi Wolff sich aus seinem persönlichen Loch heraus gekämpft und in der Hauptrunde so großartig gehalten hat. Das hätte er vor zwei Jahren nicht geschafft, da wäre er gefangen geblieben in sich selbst. Andi hat einen ganz großen Schritt in seiner persönlichen Entwicklung genommen. Hendrik Pekeler hat einmal mehr seine Bedeutung als Abwehrchef bestätigt, in der Hauptrunde ist er der zusammen mit Patrick Wiencek voll gerecht geworden. Natürlich ist Timo Kastening unsere Entdeckung dieser Europameisterschaft, aber ich finde auch die Rolle von Tobias Reichmann völlig unterschätzt. Diese vier Siebenmeter, die er gegen Kroatien werfen musste, hätte ich nicht werfen wollen. Kalt von der Bank, ohne Gefühl – und dann macht er die Dinger so brutal rein. Allergrößten Respekt, auch dafür, wie er die Situation angenommen hat, von Timo als Starter abgelöst worden zu sein. Auch Philipp Weber hat einen Schritt nach vorne gemacht.

Kann diese Europameisterschaft noch mit einem positiven Gefühl zu Ende gehen oder geht es jetzt nur noch um Schadensbegrenzung?

Das Spiel heute Abend ist das Beste, was uns nach dem Platzen des Halbfinaltraums passieren konnte. Die Antwort auf die Frage liegt nachher auf der Platte. Wir haben es mit dieser Mannschaft und der tollen Heim-WM geschafft, das Handball ein Thema in Deutschland ist, auch heute werden wieder viele Millionen Menschen zuschauen. Für die Österreicher, den Gastgeber, geht es um alles, für die ist es das Spiel des Jahres, die Atmosphäre wird trotz der Enttäuschung gewaltig sein. Es ist das perfekte Spiel, um trotz allem noch etwas Positives aus der EM mitzunehmen. Wie es ausgeht, sehen wir heute Abend. Und davon wird ganz entscheidend abhängen, wie dieses Turnier in Erinnerung bleiben wird.

Welche Note geben Sie der deutschen Mannschaft bisher und was ist noch drin?

Bisher hat sie sich eine Drei verdient, mit drei tollen Spielen zum Abschluss ist noch eine Zwei minus in Reichweite.

Mit Bob Hanning sprach Till Erdenberger.

Quelle: ntv.de