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"Bad Boy" Wiede zur Handball-EM "Was wäre das für ein Signal gewesen?"

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Fabian Wiede kann der deutschen Mannschaft bei der laufenden EM nicht mehr helfen.

(Foto: imago images/Grubisic)

Eigentlich hätte Fabian Wiede in der deutschen Handball-Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft eine Schlüsselrolle einnehmen sollen: Als Torschütze, aber auch als Lenker des deutschen Offensivspiels. Doch es kam anders: Der 25-Jährige musste aufgrund einer Schulter-Operation kurzfristig passen - und reihte sich damit in eine lange Liste an Hochkarätern ein, die dem DHB-Team fehlen. Nach dem 31:23-Sieg gegen Weißrussland sprach der Linkshänder mit ntv.de über eine holprige Vorrunde und erklärt, worauf es in den kommenden Spielen auf dem Weg ins Halbfinale ankommt. Die gute Nachricht: Für den Erfolg braucht es keine Wunder.

ntv.de: Fabian Wiede, am 30. Dezember wurden Sie an der linken Schulter operiert und können bei der Europameisterschaft nur zuschauen. Was tat in der letzten Woche mehr weh: Der operierte Wurfarm, oder die Vorrunde der deutschen Mannschaft?

Fabian Wiede: Definitiv die Schulter, das war in den ersten Tagen nach der Operation extrem schmerzhaft. Aber natürlich, die Männer haben keine schöne Vorrunde gespielt. Dafür haben sie gestern gezeigt, was in ihnen steckt. Wir sind auf einem guten Weg.

Ab wann war für Sie denn absehbar, dass es wohl nichts wird mit der EM? Nachdem Ihre Absage Mitte Dezember offiziell war, haben Sie mit den Füchsen Berlin ja noch vier Bundesligaspiele absolviert.

Im November wurde es mit der Verletzung akut, danach habe ich mich noch ein bisschen durchgekämpft. Anfang Dezember stand fest, dass was gemacht werden muss. Und dann war schnell klar, dass es das war. Eine EM mit bis zu neun Spielen in zwei Wochen ist dann schon noch etwas anderes, als der Bundesligarhythmus. Die Gegner hätten sich doch sehr schnell darauf einstellen können, dass es da einen Rückraumspieler gibt, der halt nur leider nicht aus dem Rückraum werfen kann. Das hätte niemandem geholfen.

Hilfe hätte das deutsche Team aber vor allem beim gerade in der zweiten Hälfte erschreckend schwachen Auftritt gegen Lettland gut gebrauchen können, als ein klarer Vorsprung gegen einen international kaum zweitklassigen Gegner beinahe noch verspielt wurde. Haben Sie eine Erklärung, was da passiert ist?

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Sehen so Sieger aus? Das DHB-Team will die holprige Vorrunde hinter sich gelassen haben.

(Foto: picture alliance/dpa)

Wir waren zu schluderig, als wir in der zweiten Halbzeit schon mit sieben Toren geführt hatten. Wir hatten in der Abwehr keinen Zugriff mehr, den Torhütern ist keine Parade mehr gelungen und dadurch haben uns die einfachen Tore gefehlt. Im Angriff haben wir zu viele Bälle weggeworfen und einfache Sachen liegen gelassen. So bringt man einen Gegner wieder ins Spiel, egal, wie der heißt. Gegen solche Mannschaften musst du einfach den Sack zumachen. So etwas darf nicht passieren. Immerhin haben wir das Spiel noch gewonnen.

Lähmte vielleicht auch die trotz der vielen hochkarätigen Absagen so offensiv kommunizierte Zielsetzung "Mindestens Halbfinale, eher Medaille - und vielleicht sogar noch mehr"? Angesichts der vielen Absagen hätte doch jeder Verständnis gehabt, wenn man kleinere Brötchen hätte backen wollen.

Die Ziele, die wir formuliert haben, waren damals richtig, als alle noch an Bord waren und sind es heute immer noch. Wir haben ja eine starke Mannschaft und einen sehr breiten Kader. Mit den vielen Absagen war nicht zu rechnen - und was wäre es für ein Signal nach innen und außen gewesen, die Ziele wieder zurückzuschrauben? Das wäre schon vor dem Turnier ein ganz schlechtes Zeichen des Trainers und der Verantwortlichen in Richtung der Mannschaft gewesen. Ich bin überzeugt davon, dass es richtig war, die Zielstellung beizubehalten, weil ich auch überzeugt davon bin, dass wir die Qualität haben, ins Halbfinale zu kommen. Und dann sehen wir mal weiter.

Was ist dann beim deutlichen, nie gefährdeten 31:23-Sieg gegen Weißrussland passiert? Der Bundestrainer freute sich über "eine deutliche Steigerung" in allen Mannschaftsteilen. War das eine Wiedergeburt dieser deutschen Mannschaft? Ein Neustart?

Das ist zu hoch gehängt. Wir haben einfach zu unserer Stärke gefunden, zu dem, was wir können. Die Abwehr hat super gestanden, Andreas Wolff hat so viele Bälle gehalten und das haben wir in einfache Tore ummünzen können. Das hat uns in der Vorrunde gefehlt. Gegen Weißrussland hat alles mal funktioniert, wie es funktionieren soll. Aber kein Zweifel, das Spiel hat uns schon sehr geholfen. Wir hatten das Spiel 60 Minuten unter Kontrolle, das war vor dem schweren Spiel gegen Kroatien extrem wichtig fürs Selbstvertrauen.

Haben Sie sich nach der holprigen Vorrunde Sorgen um die Mannschaft gemacht?

Klar macht man sich kurz Gedanken, ob die Mannschaft es schafft, noch rechtzeitig die Kehrtwende hinzulegen. Aber mir war auch schnell klar, dass es gelingen würde. Dafür kenne ich zu viele Spieler zu gut, sie alle wollten unbedingt noch ein anderes, das wahre Gesicht dieses Teams zeigen. In der Mannschaft steckt so viel Charakter. So kenne ich Paul Drux seit vielen Jahren, er ist einer dieser Typen, die das Team mitreißen können.

Ist der Umzug aus Trondheim nach Wien auch ein positiver Faktor?

Natürlich, in Wien standen eine Menge Fans hinter der Mannschaft. Das pusht schon und tut der Mannschaft gut. Es war in Trondheim aber auch schlicht so, dass wir einfach eine Menge einfache Fehler gemacht haben, die so eigentlich nicht zu erklären sind. Vielleicht war es die Aufregung, vielleicht brauchte es diese Vorrunde, um sich zu finden. Aber jetzt wissen die Jungs, dass sie richtig im Turnier drin sind und Gas geben können.

2016 sind Sie Europameister geworden, die Mannschaft kämpfte sich als "Bad Boys" zum Titel. Damals gab es einen Moment, in dem sich das Turnier nach einem schwachen Auftakt gegen Spanien und einem hohen Pausenrückstand gegen Schweden zum Guten entwickelte: Dagur Sigurdsson ließ seine Abwehr überraschend für wenige Minuten im 4:2 agieren. Das Spiel kippte, die deutsche Mannschaft ließ sich nicht mehr aufhalten. Haben wir einen solchen Moment gestern erlebt?

Ach, ich weiß nicht. Christian hat ja gestern auch nichts anderes gemacht als das, was wir sonst auch spielen. 6:0- oder 5:1-Deckung, dazu all die Dinge, die wir täglich unter ihm trainieren. Wenn wir das einfach gut spielen, so wie gestern, werden wir auch die nächsten Spiele erfolgreich sein. Es braucht überhaupt nichts Besonderes, kein Hexenwerk.

Die Vorgeschichte war 2016 ähnlich: Viele Absagen, viele Neulinge. Sehen Sie Parallelen zwischen beiden Mannschaften? Oder doch mehr Unterschiede?

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2016 half Wiede, mit den "Bad Boys" völlig überraschend den EM-Titel zu holen.

(Foto: imago/Laci Perenyi)

Es sind schon zwei sehr unterschiedliche Teams, alleine aufgrund der vielen neuen Spieler, die nachgerückt sind. Und dann sind da zwei ganz unterschiedliche Herangehensweisen der beiden Trainer. Dagur Sigurdsson hatte uns eingeimpft, auf alles einzuhauen, was ging. Aggressiv spielen, von der Körpersprache her auch mal ein bisschen Arschlöcher sein. Da hat sich schon etwas verschoben. Natürlich wollen wir immer noch unsere aggressive Art auf die Platte bringen, unser Fokus liegt unter Christian Prokop jetzt aber in Abwehr und Angriff auf anderen Dingen. Dazu ist Christian jemand, der die Zügel gerne selbst etwas fester in der Hand behält. Er sagt mehr Spielzüge an und will schon, dass sein Konzept gespielt wird. Dagur hat uns mehr Freiheiten gelassen, auch wenn er natürlich trotzdem eigene Vorgaben eingebracht hat.

Wie erleben Sie denn den Bundestrainer in diesen Tagen?

Ich erlebe ihn nicht anders als sonst. Er gibt weiterhin klare Anweisungen in den Auszeiten und was man als Außenstehender gar nicht so mitbekommt: Er redet viel mit den Spielern auf der Bank, gibt konkrete Tipps. Er macht einen guten Job. Gestern hatte er dann auch mal die Gelegenheit, erstmals ein bisschen aus sich rauszukommen, während der Vorrunde standen ja alle permanent, meistens die komplette Spieldauer unter Druck.

Sie sprechen immer von "wir". Stehen Sie mit der Mannschaft in Kontakt?

Ja, mit ein paar Spielern schon. Mit Paul Drux schreibe ich täglich, mit Tobias Reichmann oder Fabian Böhm auch.

Schicken Sie Tipps und teilen Sie Ihre Beobachtungen aus der Ferne?

Es geht nur um das positive Gefühl. Ich will mich da nicht einmischen. Wenn jemand meine Hilfe braucht, stehe ich gerne zur Verfügung. Aber ich glaube nicht, dass es so weit kommen wird. Die Mannschaft ist im Turniermodus, im Tunnel. Die brauchen keine Hilfe von außen.

Worauf kommt es jetzt gegen Kroatien an?

So steht´s in Hauptrundengruppe 1

1. Spanien 9:1 Punkte +26 Tore
2. Kroatien 9:1 +14
3. Deutschland 6:4 +16
4. Österreich 4:6 -17
5. Weißrussland 3:7 -22
6. Tschechien 0:10 -17

Spanien und Kroatien stehen im Halbfinale, Deutschland bestreitet am Samstag (16 Uhr/ Liveticker auf ntv.de) gegen Portugal das Spiel um Platz fünf.

Auf Vieles. Natürlich brauchen wir als erstes wieder unsere aggressive Abwehr, um Domagoj Duvnjak und Luka Cindric unter Kontrolle zu halten. Dazu müssen wir auf Stepancic aufpassen, ein sehr starker Shooter aus dem Rückraum. Aber ich bin da eigentlich ganz zuversichtlich, denn die haben wir schon in den letzten Spielen gegen die Kroaten gut im Griff gehabt. Gefährlich wird für uns die 5:1-Abwehr, dass wir uns da extrem schwer tun können, haben wir schon gegen Spanien gesehen. Wir müssen den Ball gut laufen lassen und Verantwortung für ihn übernehmen. Gegen die Spanier haben wir ihn zu oft einfach weggeworfen. Duvnjak spielt das als vorgezogener Abwehrspieler sogar noch ein bisschen besser als Spaniens Alex Dushebajev, der uns auch schon große Schwierigkeiten bereitet hat. Wir dürfen keine Angst haben, aber wir müssen extrem vorsichtig und sehr gut vorbereitet sein. Noch einmal dürfen uns nicht so viele einfache Ballverluste passieren.

Andreas Wolff kämpft sich zurück ins Turnier, von der Abwehr weiß man auch wieder, dass sie funktionieren kann, bleibt der Angriff: Wer wird in den kommenden Spielen dort der größte Faktor sein, wer kann noch den größten Schritt nach vorne machen?

Paul Drux ist der Knackpunkt. Er trägt vor allem gegen die Kroaten eine riesige Verantwortung. Aber er ist ein sehr cleverer Spieler und weiß genau, was zu spielen ist – auch wenn er natürlich kein angestammter Mittelmann ist. Er muss und kann das Spiel leiten. Außerdem wird Philipp Weber eine ganz wichtige Rolle spielen. Durch die 5:1-Abwehr der Kroaten werden sich auf den Halbpositionen viele Räume auftun, da kann Philipp mit seiner Schnelligkeit ein wichtiger Faktor sein. Und dann rechne ich noch mit Fabian Böhm, auch wenn er bisher noch nicht so viel Spielzeit hatte. Der wird der Mannschaft mit seiner kämpferischen Art nochmal richtig positiven Schwung verpassen.

Wie geht es jetzt für die deutsche Mannschaft weiter. Drei Spiele …

… drei Siege! Und im Halbfinale ist mir dann erstmal egal, wer da auf uns zukommt.

Mit Fabian Wiede sprach Till Erdenberger.

Quelle: ntv.de