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Systemisches Desinteresse an brisanter Studie Friedrich sabotiert den Doping-Gipfel

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Worauf Hans-Peter Friedrich im Anti-Doping-Kampf abzielt, ist nach der Sondersitzung des Sportausschusses so unklar wie eh und je.

(Foto: imago sportfotodienst)

Es ist schon erstaunlich: Das Innenministerium bezahlt eine Studie, die zum Aufreger wird, weil sie systemisches Doping im westdeutschen Sport aufdeckt. Doch dann verweigert sich Innenminister Friedrich im Sportausschuss jeder Diskussion. Der Kampf gegen Doping tritt auf der Stelle. Der DOSB ist zufrieden, die Forscher sind enttäuscht.

Irgendwann winkte Viola von Cramon nur noch ab. Sie hatte alles versucht. "Fangen Sie endlich an zu handeln", herrschte die sportpolitische Sprecherin der Grünen den Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich an. "Wieviele Experten wollen Sie noch befragen?" Doch Friedrich redete viel und sagte wenig. Von Cramon war nicht die Einzige, die an diesem Tag den Sportausschuss enttäuscht verließ. Als eine "Farce" bezeichnete der Linken-Politiker Jan Petermann die Sitzung.

Auf einer Sondersitzung wollte der Sportausschuss die Konsequenzen aus der brisanten Studie "Doping in Westdeutschland von 1950 bis heute" diskutieren. Stattdessen verwandelten seine Parteifreunde von Union und FDP die Sitzung per Geschäftsordnungsantrag in ein Frage-Antwort-Spiel. Und der entscheidende Mann verlor sich um Ungefähren. Die Regierungsfraktionen folgten ihm entspannt durch den Nebel aus Inhaltsleere, Andeutungen und Abwägungen, mit der Friedrich seine Befragung ad absurdum führte.

"Die Welt ist komplex"

75 Minuten lang durften die Ausschussmitglieder den Minister verhören, während die geladenen Sachverständigen - darunter die Verfasser der Studie - auf ihre Kurz-Statements warteten. Sie hätten wohl Erhellenderes zu sagen gehabt als Friedrich. Dessen Tenor lautete: in den 60er und 70er Jahren wusste niemand, was Doping überhaupt war. Was in der Studie steht, war ohnehin bekannt. Heute sei Deutschland ein Vorreiter in der Dopingbekämpfung. Die Beobachter mussten sich ernsthaft fragen, warum die 525.000 Euro teure Studie eigentlich jemals in Auftrag gegeben wurde.

Die Studie

Die Studie "Doping in Deutschland von 1950 bis heute" wurde vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) initiiert und vom Bundesinstitut für Sportwissenschaften (BISp) mit rund 550.000 Euro finanziert. Ziel war "die Beschreibung der Komplexität der Thematik Doping, seiner Voraussetzungen, Bedingungen und Wirkungen im Zeitraum zwischen 1950 und 2007" - also nicht weniger als eine Aufarbeitung der bundesdeutschen Dopinggeschichte. 2009 wurde der Forschungsauftrag an zwei Teams der Berliner Humboldt-Universität und der Universität Münster vergeben.

Viola von Cramon sagte anschließend: "Herr Friedrich hat die Studie offensichtlich nicht gelesen. Fragen stellen war also ohnehin sinnlos." Nicht einmal seine persönliche Haltung konnte der Minister in eine sinnvolle Antwort fassen. Sollte es ein Anti-Doping-Gesetz geben? "Es gibt Argumente dafür und dagegen." Aha. Eine andere Einlassung begann er mit der Feststellung: "Die Welt ist komplex."

Komplex ist die Doping-Studie tatsächlich, aber wenig deutet darauf hin, dass sich der CSU-Mann überhaupt damit befasst hätte. Friedrich sprach immer wieder von einer "historischen" Studie. Angelegt war sie aber als zeithistorische Studie, auch die aktuelle Entwicklung sollte erforscht werden. Die Berliner Forschungsgruppe stellte diesen Teil aber nicht fertig. Die Grünen forderten in einem Antrag, diese Lücke zu schließen, er wurde mit den Stimmen der Regierungsparteien abgelehnt.

Bach bleibt fern

Als die Sachverständigen an die Reihe kamen, drängte schon die Zeit. Hastig eilten die Forscher durch die wichtigsten Ergebnisse der Studie. Der Chef der Berliner Forschergruppe, Giselher Spitzer, sagte zu n-tv.de: "Ein Eingangsstatement von fünf Minuten, das eine mehrjährige Forschung darstellen soll, ist natürlich nicht optimal."

Seine Enttäuschung wollte Spitzer nicht verbergen. "Aber man muss bedenken: Es ist Wahlkampf", sagte er. "Wenn die Sitzung erst in zwei Monaten gewesen wäre, hätte jeder lesen können, was in den Berichten steht." Dann aber hätte sich die Koalition den Vorwurf gefallen lassen müssen, die Aufarbeitung wegen ihrer Brisanz bis nach der Wahl zu verschleppen - ein Dilemma, das erst durch das ewige Hickhack vor der Veröffentlichung der seit März 2013 vorliegenden Abschlussberichte entstanden war. Widersprüche wie dieser sind bezeichnend für den deutschen Sport und die Beschäftigung mit seiner Geschichte. Es gibt zwar Initiativen und Aufklärungsprojekte. Fallen die Ergebnisse nicht wie erhofft aus, befällt die Verantwortlichen systemisches Desinteresse.

DOSB-Präsident Thomas Bach rühmt sich zwar, die Dopingstudie initiiert zu haben. Eine ausgeprägte Neigung, die vorliegenden Berichte jetzt auszuwerten, kann man ihm nicht nachsagen. Statt im Ausschuss weilte Deutschlands oberster Sportführer am Montag schon in Buenos Aires, wo er sich am 10. September zum IOC-Präsidenten wählen lassen möchte. Das sind die Prioritäten im deutschen Sport.

Die Stunde der Kommissionen

Spitzer sagte dazu: "Der Sport muss Aufarbeitung erst noch lernen." Er freut sich auf die Aufarbeitung der Forschungsergebnisse seiner Projektgruppe. Dass die sich dem massiven Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit ausgesetzt sieht, schreckt ihn nicht: "Was sich andeutet ist eine Art von Vorverurteilung, weil ja die wissenschaftliche Gemeinschaft noch gar nicht darüber bestimmt hat, sondern ein Beirat beim Bundesinstitut, also letztlich im Auftrag des BMI. Und da bin ich sehr gespannt, was die wissenschaftliche Gemeinschaft sagt. Wir meinen, dass wir sauber gearbeitet haben."

Der DOSB wird sich an der Aufarbeitung nicht beteiligen, er hat sein Erkenntnisinteresse ausgelagert. In den nächsten Monaten haben die Experten wieder Konjunktur. Der DOSB-benannte sieben Mitglieder einer Kommission, die Empfehlungen für den Umgang mit der Doping-Vergangenheit und die Konsequenzen für den Anti-Doping-Kampf erarbeiten soll. Im März 2014 sollen Ergebnisse vorliegen.

Bundesinnenminister Friedrich lädt bereits am 26. September zu einer Expertenrunde, dem Lieblingsinstrument der schwarz-gelben Koalition. Es geht unter anderem darum, ob es ein neues Anti-Doping-Gesetz geben soll. Vielleicht kann Hans-Peter Friedrich ja danach sinnvoll auf die Frage antworten. Womöglich behält aber auch Gerhard Treutlein recht. Der Anti-Doping-Kämpfer war als Sachverständiger geladen. "Ich fürchte, dass in 20 Jahren wieder ein Ausschuss zusammensitzt und darüber redet, warum 2013 nicht gehandelt wurde."

Quelle: n-tv.de

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