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Fragen und Antworten zur Dopingstudie Im Westen nichts Neues - oder doch?

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Leichtathletin Heidi Schüller spricht 1972 in München den Olympischen Eid. Heute übt sie harsche Kritik daran, dass die Studie zu Doping in der BRD so lange zurückgehalten wurde.

(Foto: dpa)

Der Mythos von den sauberen Sportlern aus Westdeutschland, die sich tapfer gegen die Anabolika-Monster aus dem Ostblock wehrten - dieser Mythos ist tot. Doch was ist wirklich neu an der Dopingstudie der HU Berlin? Welche Folgen hat sie für den Sport? n-tv.de gibt Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Wie neu sind die seit dem Wochenende diskutierten Erkenntnisse über staatlich gefördertes Doping in der BRD?
Im Wesentlichen waren die Ergebnisse seit September 2011 bekannt. Von staatlich gefördertem Doping auch in Westdeutschland sprach die Berliner Forschergruppe um Giselher Spitzer schon bei der Präsentation des zweiten Zwischenberichts. n-tv.de fasste damals unter der Überschrift "Dopen gegen den Klassenfeind" zusammen: "Kein per Staatsplan verordnetes Dopingsystem, aber umfangreiche Manipulationen, kontrolliert und initiiert von namhaften Medizinern und gebilligt durch die Politik." Das öffentliche und mediale Interesse ebbte rasch wieder ab, weil der angekündigte Zwischenbericht mit weiteren Details nie veröffentlicht wurde. Der Mythos vom sauberen Westsport lebte weiter.

Die Studie

Die Studie "Doping in Deutschland von 1950 bis heute" wurde vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) initiiert und vom Bundesinstitut für Sportwissenschaften (BISp) mit rund 550.000 Euro finanziert. Ziel war "die Beschreibung der Komplexität der Thematik Doping, seiner Voraussetzungen, Bedingungen und Wirkungen im Zeitraum zwischen 1950 und 2007" - also nicht weniger als eine Aufarbeitung der bundesdeutschen Dopinggeschichte. 2009 wurde der Forschungsauftrag an zwei Teams der Berliner Humboldt-Universität und der Universität Münster vergeben.

Warum ist die Aufregung jetzt so groß?
Monatelang blockierte das Bundesinstitut für Sportwissenschaften (BISp) die Veröffentlichung der Studie - die es selbst in Auftrag gegeben hatte. Viele Experten vermuteten: hier sollen unliebsame Forschungsergebnisse vertuscht werden. Dann berichtete die "Süddeutschen Zeitung" (SZ) vorab über vermeintlich neue Erkenntnisse zum Staatsdoping in der BRD mit dem Verweis, die geheime Studie liege der Zeitung vor. Zwei Tage später wies das Bundesinnenministerium die Veröffentlichung an  - offenbar um den öffentlich geäußerten Vertuschungsvorwurf zu entkräften, ehe ihn die Opposition im Wahlkampf ausschlachten kann. Am späten Montagnachmittag war die Studie plötzlich kommentarlos auf der BISp-Website veröffentlicht. Allerdings: Im Vergleich zum Abschlussbericht, aus dem die SZ zitiert hatte, wurde der abrufbare Bericht massiv gekürzt. Statt 804 Seiten umfasst das Papier nur noch 117 Seiten. Neben Augenzeugenberichten wurden auch einige Namen einflussreicher Politiker gestrichen, schreibt die SZ.

Warum hat das BISp die Studie erst mit Steuergeldern finanziert, sie nach den Erkenntnissen über steuerfinanziertes West-Doping in der BRD dann aber nicht veröffentlicht?
Der offizielle Grund für die immer wieder verzögerte Veröffentlichung: Datenschutzbedenken. Deswegen wurden auch im öffentlichen Bericht Namen ausgelassen. Die Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, Dagmar Freitag, hält das für abwegig. "Diese Argumentation hat man sich ja auch nicht bei der Aufarbeitung der Stasi-Unterlagen zu eigen gemacht", sagte sie im "Hessischen Rundfunk".

Sind die Ergebnisse wirklich so unbequem - oder wird die Studie medial überhöht?Letzteres - finden der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und einige Sportärzte wie Klaus-Michael Braumann, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (DGSP). Die Studie sei "bekannt, an einigen Stellen banal und habe mit Doping teilweise nichts zu tun", sagte Braumann der Zeitung "Westfalenpost". Die Autoren der Studie sehen hingegen einen Meilenstein: "Die Geschichte des Dopings in der Bundesrepublik beginnt (...) nicht erst 1970 (...). Sie beginnt bereits 1949." Weiter bilanzieren sie, dass "Verantwortliche in der deutschen Sportlandschaft" den Kampf gegen Doping nie ernsthaft betrieben haben. Dennoch hat Braumann nicht völlig unrecht, wenn er die Studie als "bekannt" bezeichnet. Ein großes Verdienst der Autoren besteht darin, jahrelang zusammengetragene Erkenntnisse durch neue Quellen belegt und und um Details ergänzt zu haben, auch wenn einige - schlagzeilenträchtige - Schlussfolgerungen diskussionswürdig sind. Publiziert wurden die früheren Forschungen durch Anti-Doping-Experten wie Werner Franke, Brigitte Berendonk, Gerhard Treutlein oder Andreas Singler. Auffällig: All diese Forscher werden zitiert - aktiv an der Studie mitgewirkt hat keiner von ihnen.

War das westdeutsche Dopingsystem nach den bisherigen Erkenntnissen vergleichbar mit dem Staatsdoping in der DDR?
Nein, weder vom Ausmaß noch vom Umfang. In der DDR wurden die Athleten systematisch und flächendeckend per Staatsplan 14.25 gedopt, Experten sprechen von Zwangsdoping. In der BRD hatten die Athleten der BISp-Studie zufolge die Entscheidungsfreiheit über Doping und damit die Möglichkeit, sich zu verweigern. Deshalb sprechen die Autoren der Studie im Gegensatz zur "Süddeutschen Zeitung" nicht von systematischem, sondern systemischem Doping seit den 1970er Jahren, also politisch toleriertem Doping. Allerdings betonen sie, dass auf die Sportler von den Trainern indirekter Druck zum Dopen ausgeübt wurde und Dopingbefürworter hochrangige Posten bekleideten. So war der Sportmediziner Joseph Keul, der an der Uni Freiburg das "Zentrum der deutschen Dopingforschung" leitete, seit 1980 Chefarzt der deutschen Olympia-Mannschaften. Ob in der BRD systematisch gedopt wurde und wenn ja in welchem Umfang, müsste erst noch separat erforscht werden - sagt Giselher Spitzer, Leiter der Berliner Projektgruppe. Belegt ist aber, dass in der BRD systematische Dopingforschung in den sportmedizinischen Zentren in Freiburg, Saarbrücken und Köln betrieben wurde.

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Der langjährige Präsident des Deutschen Sportbundes (DSB) und des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland (NOK), Willi Daume, soll über die westdeutsche Dopingforschung informiert gewesen sein.

(Foto: picture alliance / dpa)

Welche Rolle spielte das Bundesinstitut für Sportwissenschaft im westdeutschen Dopingsystem?
Laut Studie eine entscheidende Rolle, in zweierlei Hinsicht. Einerseits koordinierte das 1970 gegründete Institut die anwendungsorientierten "Forschungen mit Anabolika, Testosteron und anderen für Dopingzwecke geeigneten Substanzen" und stellte dafür laut SZ mindestens zehn Millionen D-Mark bereit. Die Dopingforschung war dabei nicht nur eine Reaktion auf das DDR-Doping, sondern entwickelte sich vielmehr parallel. Andererseits hielt das BISp frühzeitig vorliegende Forschungsergebnisse über negative Wirkungen anaboler Steroide gezielt zurück. Auf diese Weise konnten die Präparate weiter eingesetzt werden. "Das für uns als Forschungsgruppe Erschütterndste war, dass man in der Anfangsphase der Anabolika-Forschung die Gesundheitsschäden für den Mann zweifelsfrei festgestellt hat", sagte Spitzer dazu schon 2011. Damals wie heute war das BISp dem Bundesinnenministerium unterstellt. Einflussreiche Politiker sollen vom Doping gewusst und es geduldet haben. Namen nennt die Studie nicht.

Warum hat das BISp die Studie angesichts der eigenen Dopingverstrickungen überhaupt finanziert?
Unklar. Die Berliner Forscher behaupten, wesentliche Akten seien vor der Ausschreibung vernichtet worden. Das dementiert das BISp zwar. Das lässt aber Raum für die Spekulation, die Initiatoren seien lediglich an harmloser Alibiforschung interessiert gewesen – ein Vorwurf, der schon während der Ausschreibung formuliert wurde. Der Dopingexperte Karl-Heinz Bette urteilte 2009 in der "Zeit": "Aus diesem Projekt kann überhaupt nichts herauskommen." Seine Teilnahme lehnte er ab, die Ausschreibung sei wissenschaftlich drittklassig. Andererseits existieren offenbar auch noch Akten, die von den Berliner Forschern nicht entdeckt wurden. Das zeigen die Enthüllungen der "Märkischen Oderzeitung" und der "Main-Post" in der vergangenen Woche über vom BISp finanzierte Dopingstudien in den 1970er Jahren.

Wurde die Studie wie ausgeschrieben beendet?
Nein, zumindest nicht von den Berlinern. Die dritte Projektphase, die den Zeitraum von 1990 bis zur Gegenwart umfassen sollte, wurde an der HU Berlin nur rudimentär bearbeitet. Offenbar ist den Berliner Forschern das Geld ausgegangen, weshalb sie ihre Arbeit am 31. März dieses Jahres vorzeitig beendet haben. Ob das BISp ihnen den Geldhahn zugedreht hat oder es die HU Berlin versäumte, Forschungsgelder beim BISp abzurufen, lässt sich nicht aufklären. Hier steht Aussage gegen Aussage. Den Verdacht, die Forscher sollten nach dem unliebsamen zweiten Zwischenbericht ausgebremst werden, hat das BISp stets zurückgewiesen. Aus Sicht der interessierten Öffentlichkeit ist freilich bedauerlich, dass ausgerechnet der Münsteraner Projektteil für die Zeit nach 1990 besonders inhaltsarm geraten ist.

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Erik Zabel gesteht Doping, ermöglicht aber keine Aufarbeitung.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Was hat Erik Zabels zweite Dopingbeichte mit den Studienergebnissen zu tun?Inhaltlich nichts, praktisch ziemlich viel. Die Studie liefert den Beweis, dass auch Zabels zweite Dopingbeichte völlig unzureichend ist. Der frühere Radprofi hatte nach Enttarnung als Epo-Doper jahrelanges Doping gestanden. Dabei behauptete er, nicht in systematisches Teamdoping eingebunden gewesen zu sein. Das ist völlig unplausibel. Das steht so auch im Abschlussbericht der HU, der aufzeigt: Doping ist keine Einzeltat, sondern geschieht in Netzwerken, oft mit Duldung hochrangiger Stellen. Solange überführte Doper wie Zabel nur das zugeben, was ihnen nicht schaden kann, solange sie nur die Schuld auf sich nehmen, statt über die Hintermänner zu reden - solange wird es keine neuen Erkenntnisse geben. Deswegen fordern die Autoren ausdrücklich ein staatliches Anti-Doping-Gesetz. Eine Forderung, der sich der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, Clemens Prokop, nun angeschlossen hat. "Der Sport allein ist überfordert", sagte er dem "Bayrischen Rundfunk". Sportler müssten per Gesetz gezwungen werden, über Hintermänner auszupacken. Dazu gehöre auch, die Verjährungsfrist von derzeit acht Jahren zu verlängern. Die hat "Dr. Zabel" (FAZ) übrigens eingehalten. Er will nur bis 2005 gedopt haben.

Rollen jetzt Köpfe im deutschen Sport?
Unwahrscheinlich. In den SZ-Berichten hieß es zwar: einige namhafte Personen tauchten in der Studie auf. In der gekürzten Version allerdings werden kaum Namen genannt. Belastet werden vor allem Personen, die bereits tot sind – wie der Freiburger Arzt Joseph Keul, der Kölner Manfred Donike, an dessen Ruf als vorbildlicher Anti-Doping-Kämpfer die Studie kratzt, und der langjährige NOK-Präsident Willi Daume. Aus der Studie geht hervor, dass der bekannteste deutsche Sportfunktionär früh über die westdeutschen Dopingforschungen informiert war - und sie geduldet hat.

Wie geht es jetzt weiter?
Der Deutsche Olympische Sportbund tut, was er immer tut: Er lässt die Studie von einer neuen Kommission analysieren. Die Leitung der Kommission soll der frühere Bundesverfassungsrichter Udo Steiner übernehmen. Steiner hatte bereits 2008 eine Kommission beim Leichtathletik-Verband DLV geleitet. Die empfahl, den damaligen Kugelstoß-Bundestrainer Werner Goldmann wegen dessen DDR-Dopingvergangenheit zu entlassen. Ein halbes Jahr später verlangte die Kommission plötzlich, Goldmann wieder einzustellen. Seitdem arbeitet er wieder als Trainer für den DLV. Direkt nach dem Vorabbericht der SZ hatte DOSB-Generalsekretär Michael Vesper zu Zurückhaltung gemahnt: "Es waren eher Spekulationen und zusammenfassende Bewertungen in der Süddeutschen, ich denke, wir würden gerne den Bericht selber bewerten und unsere Schlüsse daraus ziehen." Erik Eggers, einer der Autoren, schrieb dazu im "Tagesspiegel": "Unser Bericht liegt dem DOSB (...) seit über einem Jahr vor. Wir fragen uns deshalb: Was will Vesper jetzt noch bewerten?" Eggers' Fazit: "Die aktuellen Reaktionen Vespers jedenfalls sind ein eindrückliches Beispiel dafür, dass der deutsche Sport mit der historischen Aufklärung der Dopinggeschichte überfordert ist."

Wie reagiert die Politik?
Der Bundestags-Sportausschuss verlangt eine Sondersitzung im August. Die SPD verlangt die Anwesenheit von Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich. Als Sachverständige sollen der Berliner Projektleiter Giselher Spitzer, Direktor Jürgen Fischer vom BISp und DOSB-Präsident Thomas Bach eingeladen werden. Auch die FDP ist plötzlich für eine Sondersitzung, nachdem sie im Juni noch mit der CDU gegen einen entsprechenden Antrag der SPD gestimmt hatte. Aber im Juni war die Studie auch noch nicht öffentlich.

Quelle: ntv.de