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Vereinigung bei der Handball-WM Für Korea steht viel mehr auf dem Spiel

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Können sie die Eiszeit tatsächlich überwinden? Koreas vereinigte Handballer in Berlin.

(Foto: imago/Nordphoto)

Sportlich werden die Koreaner bei der Handball-WM nichts reißen. Das zeigt nicht erst die Niederlage gegen Deutschland. Aber es geht um mehr. Ein Land arbeitet mithilfe des Sports an seiner Vereinigung. Und das an einem symbolträchtigen Ort: in der ehemals geteilten Stadt Berlin.

Die Sache ließ sich wirklich flott an: Gleich den ersten Angriff des WM-Eröffnungsspiels in der Arena am Ostbahnhof brachte Suyoung Jung mit einem kernigen Linkswurf ins Ziel. Korea führte gegen Gastgeber Deutschland mit 1:0, doch - na klar - war das nicht mehr als das, was man in der Sprache des Sports als Momentaufnahme bezeichnet. Am Ende hatte das Team aus Ostasien an diesem Donnerstagabend gegen den haushohen Favoriten aus dem Mutterland der Handballer mit 19:30 verloren. Die Niederlage war, und auch das ist gängiger Fachjargon, standesgemäß.

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"Unser vereinigtes Team kümmert sich nur um Sport": Young Shin Cho.

(Foto: dpa)

Die Zeiten des legendären Kyung Shin Yoon liegen lange zurück. Der Linkshänder lief von 1996 bis 2008 für den VfL Gummersbach und den HSV Hamburg auf und ist mit 2905 Treffern der erfolgreichste Torschütze der Bundesliga-Geschichte. Von einer solchen Wurfgewalt sind seine Nachfolger so weit entfernt wie Bayern-Stürmer Franck Ribéry von einer Habilitation in Philosophie. Im Hier und Jetzt verliert Korea ein Testspiel gegen den VfL Potsdam mit 26:30 und kann mithin keine Ansprüche auf gehobenes internationales Niveau anmelden.

Der Sieg der Deutschen durfte also als Business as usual verbucht werden. Doch trotz der überaus deutlichen Niederlage fühlten sich die Koreaner nicht als Verlierer. Im Gegenteil, sie begingen in Berlin ein historisches Ereignis, das weit über die Bedeutung hinausging, die so profane Dinge wie Schlagwurf, Block, Tempogegenstoß und zweite Welle im Normalfall auszulösen vermögen. Das Land, das in Nord und Süd aufgeteilt ist und sich seit Generationen in bitterer Feindschaft gegenübersteht, könnte die Eiszeit tatsächlich überwinden. Und das auch mithilfe des Sports.

Kann eine Handballmannschaft den Weg weisen?

Zumindest ist es das, was der Öffentlichkeit suggeriert wird. Wegbereiter des Tauklimas, das Millionen von Koreaner herbeisehnen, waren die Eishockeyfrauen, die im vergangenen Jahr bei den Olympischen Winterspielen im südkoreanischen Pyeongchang mit einer Mannschaft antraten, in der beide Teile des Landes vertreten waren. Nun gibt es einen zweiten Vorstoß, zu neuen Ufern aufzubrechen, und der wurde diplomatisch hochrangig begleitet. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Innenminister Horst Seehofer, IOC-Präsident Thomas Bach sowie die Botschafter von Nord- und Südkorea - sie alle wollten dabei sein bei einem Ereignis, das eines Tages als historisch eingestuft werden könnte.

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Auswärtsblock.

(Foto: imago/Camera 4)

"Wir möchten der Welt zeigen, dass die beiden Teile Koreas nach 70 Jahren Trennung bereit sind, für Harmonie und Frieden einzustehen", hatte Südkoreas Botschafter Bum Goo Jong in einem Interview mit dem "Tagesspiegel" gesagt. Und das an einem Ort, der symbolträchtiger kaum hätte sein können. Die Arena am Ostbahnhof liegt kaum einen Steinwurf entfernt von der East Side Gallery.

Dort bewundern täglich Tausende Touristen die letzten Überreste der Mauer einer ehemals geteilten Stadt. Selbstverständlich sei dieser Spielort ein besonderer, betonte Jong: "Für die meisten Koreaner ist Berlin ein Symbol von Einheit und Mauerfall." Davon, von der Trennung ihres Landes einmal in der Vergangenheitsform berichten zu können, träumen die Koreaner derzeit noch. Ob eine Handballmannschaft die richtige Richtung weisen kann, wird die Geschichte zeigen. Immerhin ist es schon mal gelungen, 16 Südkoreaner und vier Nordkoreaner in einem Team zu vereinigen. Gesungen wurde vor Spielbeginn keine Nationalhymne, sondern das Volkslied "Arirang", das mehrere Hundert Fans auf der Tribüne mit Innbrunst mitsangen. Es war eine bewegende Zeremonie.

Es wird vermutlich so kommen, dass die Koreaner in Berlin kein einziges Spiel gewinnen werden, aber trotzdem wird diese Mannschaft weiter unter besonderer Beobachtung stehen. Dem Trainer Young Shin Cho scheint das gar nicht recht zu sein. Er betonte nach der Niederlage gegen Deutschland, in ihm habe die politische Dimension der Begegnung weder emotionale noch sonstige Gefühle ausgelöst: "Unser vereinigtes Team kümmert sich nur um Sport. Wir haben mit Politik nichts zu tun."

Das klang ein wenig zu auswendig gelernt, um wirklich glaubwürdig zu sein. Da waren die Worte von Suyoung Jung schon wesentlich staatstragender. Er habe seine Mannschaft "als Kapitän auf das Feld geführt", gab der Rückraumspieler zu Protokoll: "Nicht als Süd- oder Nordkoreaner. Das spielt für uns keine Rolle." Wenn dieses Statement für das gespaltene Land zum alltäglichen Umgangston würde, hätte Korea viel mehr gewonnen als ein Handballspiel.

Quelle: n-tv.de

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