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Spannung vor NFL-Draft Großer Hype um "zu kleinen" Kyler Murray

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Ein starker Arm, schnelle Beine und die Fähigkeit zu kreativen Lösungen unter großem Druck: Kyler Murray bringt alles mit, was sich die NFL-Verantwortlichen von einem Top-Quarterback erhoffen.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Wenn Football-Hoffnung Kyler Murray in der Nacht von Donnerstag auf Freitag im NFL-Draft in der ersten Runde ausgewählt wird, dann schreibt der Quarterback Geschichte: als kleinster jemals so früh gedrafteter Spielmacher. Murray ist ein besonderer Sportler, nicht nur wegen seiner Größe.

Die Quarterbacks sind im American Football die Schlüsselspieler: Sie müssen das Spiel lenken, sie müssen im gnadenlosen Geschubse und Gedrücke der mehrere Tonnen Mensch um sie herum zu jeder Zeit den Überblick behalten, um dann in Bruchteilen von Sekunden Entscheidungen zu treffen, die über Sieg und Niederlage entscheiden.

Körperliche Größe, so hielt sich Jahrzehnte die Überzeugung in der NFL, gehörten zu einem erfolgreichen Spielmacher genauso wie ein starker Arm und die Ruhe im Getümmel. 1,93 Meter (Tom Brady), 1,93 Meter (Jared Goff), 1,91 Meter (Patrick Mahomes), 1,88 Meter (Aaron Rodgers), 1,88 Meter (Dak Prescott) - oder gar die 1,98 Meter von Nick Foles: Quarterbacks mit Gardemaßen bestimmen auch 2019 noch das Bild in der härtesten Liga der Welt. Nun wird Kyler Murray in die Liga kommen  - und der 21-Jährige kann mächtig an alten Überzeugungen rütteln.

Der Kleinste unter den ganz Großen

1,78 Meter misst Murray gerade einmal. Wird er erwartungsgemäß in der ersten Runde von einem der 32 Klubs ausgewählt, ist er der kleinste First-Round-Quarterback in der "Super Bowl Era", also seit 1967. Dass ziemlich sicher schon früh am ersten Abend des Draft das Telefon des 21-Jährigen klingeln wird, liegt nicht nur an dessen außergewöhnlichen Fähigkeiten. Auch das Spiel selbst hat sich in den letzten Jahren verändert und Murray bietet sehr gute Antworten auf die neuen Herausforderungen.

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Kyler Murray ist der meistdiskutierte Nachwuchsspieler im diesjährigen NFL-Draft.

(Foto: www.imago-images.de)

Der Gewinner der Heisman-Trophy für den besten Nachwuchsspieler des Landes ist schnell auf den Beinen, beweglich und besitzt eine große Gabe zur Improvisation. Eine Fähigkeit, die dann besonders wichtig wird, wenn die durchchoreografierten Routen von Ballträgern und Passempfängern Unvorhergesehenem zum Opfer fallen. 4361 Yards Raumgewinn erwarf der Spielmacher in seinem letzten College-Jahr, 1001 erlief er selbst. Seine im Schnitt 11,6 Yards pro Pass waren der Spitzenwert unter den College-Quarterbacks, eine Quote von knapp 70 Prozent komplettierter Versuche ist ebenso stark wie nur sieben Interceptions - bei 42 Touchdown-Pässen. Murray kann nicht nur selbst aus komplizierten Situation heraus Raumgewinn erlaufen, sondern auch unter großem Druck präzise das Ei bei seinen Passempfängern abliefern.

"Kyler hatte schon immer größere Jungs vor sich, er musste schon immer kreative Lösungen und Passwege finden und sich in der Pocket so bewegen, dass sie sich öffnen", berichtete Lincoln Riley, Murrays Head Coach in Oklahoma, dem US-Sender ESPN über seinen nun ehemaligen Star-Quarterback. Tom Westberburg, der den gefeierten jungen Mann an der High School trainierte, erklärt, was Fans und Verantwortliche erwarten sollten: "Er kennt nichts anderes, als ein kleiner Quarterback zu sein. Er wird die Gewissheiten der NFL auf eine harte Probe stellen - und sie dann vernichten."

Sportliches Multitalent mit Millionenscheck

Der Vater ein gefeierter College-Quarterback, der Onkel Baseball-Profi bei den San Francisco Giants und den Chicago Cubs: Kyler Murray schaffte es, gleich beiden nachzueifern. NFL oder Major League? Die Türen standen dem Multitalent in beide Welten offen. Zunächst sah es so aus, als hätte Murray sich entschieden, lieber Hits zu landen, anstatt sie zu kassieren: 2018 griffen die Oakland As zu, hielten dem College-Quarterback einen Signing Bonus über 4,6 Millionen Dollar unter die Nase, damit er ab dieser Saison professionell Baseball spiele.

Die Wende dann im Januar: Murray gab mit einem trockenen Tweet bekannt, sich zur NFL-Draft angemeldet zu haben. Die 4,6 Millionen Dollar sind damit natürlich weg. Es wird aber nicht zum Schaden des Sportlers sein, in der NFL winken vor allem den Spielmachern gewaltige Summen. Russell Wilson unterschrieb erst kürzlich seinen Megavertrag und kassiert in den nächsten Jahren kolportierte 140 Millionen Dollar, 107 Millionen davon garantiert und 65 Millionen sofort. Der letztjährige Top-Pick Baker Mayfield bekam seine Unterschrift unter einen 32-Millionen-Vertrag bei den Cleveland Browns direkt mit knapp 22 Millionen Dollar versüßt.

"Besser aus der Geschichte lernen"

Den Weg für "kleine" Spielmacher ebnete jener Russell Wilson. Der "Franchise-Quarterback" der Seattle Seahawks misst nur 1,80 Meter, führte sein Team trotzdem zu einem Super-Bowl-Sieg und liefert Statistiken, die ihn als viertbesten Quarterback der NFL-Geschichte ausweisen. 16 Touchdowns und 3651 Yards hat der 30-Jährige bereits selbst erlaufen und was früher als reine Verlegenheitslösung galt, ist heute eine weitere Option im Angriffsarsenal einer NFL-Offensive: Ein laufender Quarterback. "Natürlich schaue ich zu ihm auf", sagte dann auch Murray über das Vorbild. "Es ist eine großartige Sache, ihm zuzuschauen, wie er mit seiner Größe abliefert und die Zweifler zum Schweigen bringt."

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Russell Wilson ist der Großverdiener unter den Quarterbacks - und der beste "kleine" Spielmacher der Liga.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Der frühere NFL-Quarterback Dan Orlovsky berichtete von einer Unterhaltung bei den Seattle Seahawks wenige Tage vor dem Draft 2012. "Was mögen wir nicht an Russell Wilson?", habe man sich gefragt und die Antwort dann selbst gegeben: "Nichts, außer den fehlenden Zentimetern." Die Verantwortlichen entschieden sich schließlich in der dritten Runde für den Quarterback, der Rest ist Franchise-Geschichte. Wenn das auch bei Murray die Bedenken seien, so der heutige ESPN-Analyst weiter, solle man "besser aus der Geschichte lernen".

Ob Murray seinen Weg in die NFL als Top-Pick antreten wird, ist bei aller Wertschätzung nicht sicher. Die Arizona Cardinals, die als schwächstes Team der abgelaufenen Saison als erstes zugreifen dürfen, hatten sich erst in der 2018er-Draft mit Josh Rosen einen talentierten Quarterback gesichert, die Baustellen sind eigentlich andere. Sollten sich die Cardinals also für einen dringend benötigten Defensive Lineman entscheiden und das Telefon des College-Stars doch später klingeln, würde er sich in bester Gesellschaft befinden: Wilson wurde 2012 erst in der dritten Runde von den Seahawks ausgewählt, der große Tom Brady musste 2000 mit ansehen, wie 198 Nachwuchsspieler vor ihm ihr NFL-Abenteuer starten durften. Heute sind beide sportlich unter den ganz Großen. Bradys Gardemaße hin, Wilsons "fehlende Zentimeter" her.

Quelle: n-tv.de

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