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Corona bei Djokovic-Turnieren Halbnackte Männer und ihre dummen Ideen

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Mindestens einer dieser Männer wurde positiv auf das Corona-Virus getestet.

(Foto: imago images/GEPA pictures)

Die Tennisprofis scharren mit den Hufen, endlich wieder ernsthaft ihrem Beruf nachgehen zu können. In Deutschland gelingt das in kleinen Schritten unter strengen Auflagen. Die Topstars dagegen feiern eine Corona-Party - auf Einladung von Branchenprimus Novak Djokovic. Das Ergebnis ist verheerend.

In der Regel ist es ziemlich schäbig, das große "Ich hab es dir ja gesagt" anzustimmen. Vor allem, wenn es um die Gesundheit von Menschen geht. Aber ja, viele hatten es vorher gesagt: Die Adria Tour, für die der Weltranglisten-1. Novak Djokovic - als Spielerpräsident auch einer der mächtigsten Funktionäre unter den Profis - zahlreiche Spitzenkräfte seiner Branche rekrutiert hatte, hielten in Pandemie-Zeiten viele für keine gute Idee.

Heute ist klar: Es war eine ganz dumme Idee. Und sie zeigt, dass manche Spitzensportler weiter in einer Blase unterwegs sind - und der moralische Kompass Kapriolen schlägt. Oder ist es schlichte Hybris?

"Ich habe einige Männer ohne Hemden gesehen"

Schon die Bilder, die von der ersten Station der Turnierserie in Belgrad aus in die Welt gingen, sorgten für mehr als Stirnrunzeln. Tausende von Zuschauern saßen da dicht an dicht gedrängt auf den Tribünen, ohne Abstand, ohne Mund- und Nasenschutz. Die Stars um Djokovic gaben sich fannah, umarmten sich, tauschten verschwitzt Shakehands aus und rückten sich bei Fußball- und Basketballspielen auf die Pelle.

Djokovic, der deutsche Spitzenspieler Alexander Zverev und der Österreicher Dominic Thiem schickten feiernd Videogrüße aus einem Club in ihre Social-Media-Kanäle. "Die Jungs hatten gestern Abend Spaß. Ich habe einige Männer ohne Hemden gesehen", berichtete Djokovic stolz. Der Tweet ist inzwischen gelöscht worden. Das klare Signal: Alles übertrieben. Vorsichtsmaßnahmen, Sorgen, Skepsis. Alles.

*Datenschutz

Heute, nach dem Ende des zweiten Turnierchens in Zadar, liest sich das anders. Mit dem Bulgaren Grigor Dimitrow und dem Kroaten Borna Coric haben sich zwei Spieler aus dem reisenden Tross der Adria Tour als positiv auf Covid-19 getestet gemeldet. Kroatische Medien berichten, dass auch Dimitrows Coach sowie der Fitnesstrainer von Novak Djokovic betroffen seien.

"Ein katastrophales Bild"

Tennisfunktionär Dirk Hordorff wirft Djokovic vor, seine Vorbildfunktion vernachlässigt zu haben. "Wie soll ich einem Jugendlichen erklären, dass er Abstand halten und sich die Hände waschen soll, wenn Djokovic Ringelpiez mit Anfassen spielt? Das ist ein katastrophales Bild", sagte Hordorff, Vizepräsident im Deutschen Tennis Bund (DTB). "Wenn es kaum Regeln gibt und alles stolz per Video gezeigt wird, dann macht mich das fassungslos." Thiem, Zverev, Djokovic - sie alle hatten ihre Instagram-Accounts am #blackouttuesday in Schwarz gehüllt, als Zeichen der Solidarität mit dem Kampf schwarzer Menschen. Zwei Wochen später beweisen diese Stars mit Millionenreichweite, dass ihre Vorstellungen einer Vorbildrolle offenbar viel mit Theater zu tun hat.

"Die ganze Welt hält Abstand und trägt Masken. Und an der Adria saß man Schulter an Schulter ohne Masken, hat nachts gefeiert und sich oberkörperfrei in den Armen gelegen. Da verstehe ich nicht, in welcher Welt die leben - offenbar in ihrer eigenen Blase. Einigen ist ihr Erfolg wohl zu Kopf gestiegen", schimpfte die ehemalige Damen-Bundestrainerin Barbara Rittner.

Zum Vergleich: Bei der vom DTB organisierten German Pro Series oder einem Pendant in Frankreich sind ebenfalls mehrere Top-100-Spieler im Einsatz: Vor einem Minimum an Zuschauern, ohne Ballkinder und Linienrichter. Kein Händeschütteln, kein Umarmen. Wer nicht spielt, soll die Anlage schnell verlassen. Alles übertrieben? Vorsichtsmaßnahmen, Sorgen, Skepsis. Alles? Alle gesund. Alle.

Wie es mit Djokovics Adria Tour, mit der auch Geld für karitative Zwecke gesammelt werden sollte, nun weiter geht, ist unklar. Eigentlich soll noch zweimal in Bosnien gespielt werden, am 3. und 4. Juli in Banja Luka und am 5. Juli in Sarajevo. Zverev ist jetzt erstmal für zwei Wochen in Quarantäne, auch Djokovic wäre betroffen - wenn er sich an die Auflagen des Veranstalters hält. Beide hatten mehr als zehn Minuten Kontakt mit Dimitrow. Ein Schicksal, das sie mit Hunderten Kindern und anonymen Clubbesuchern teilen. Die Organisatoren des Show-Turniers "Thiems7" unter der Ägide von Ringelpietz-Spieler Dominic Thiem, der in Zadar nicht am Start war, reagierten bereits. Die dort ebenfalls eingeladenen Dimitrow und Coric müssten nach 14 Tagen in heimischer Quarantäne negative Tests vorlegen. Dann spreche nichts dagegen, dass beide ab dem 7. Juli in Kitzbühel aufschlagen könnten. Vor höchstens 500 Zuschauern, ohne Linienrichter.

"Anscheinend gibt es eine Pandemie"

Natürlich steht Djokovic als Initiator der Serie im Fokus. Es muss aber niemand sagen, er habe nicht gewusst, worauf er sich einlässt. Zverev, einer der feierwütigen Corona-Skeptiker, verkündete gerade kleinlaut, er und sein Team seien negativ getestet worden. Dass seine Teilnahme an den Turnieren keine gute Idee waren, scheint er zumindest eingesehen zu haben: "Ich entschuldige mich bei jedem, den ich potenziell einem Risiko ausgesetzt habe, weil ich diese Tour gespielt habe." Coric empfahl auch allen, die mit ihm in Kontakt gewesen seien, sich testen zu lassen und entschuldigte sich für mögliche Folgen.

Der Fairness halber muss gesagt werden, dass Serbien von der Pandemie nicht so stark betroffen ist wie Deutschland, Italien, Spanien oder die USA. Die Maßnahmen, die die serbische Regierung erlassen hat, sind weit weniger scharf als in den meisten anderen Ländern der Welt. Der ATP-Vorsitzende Andrea Gaudenzi hatte erklärt, allen Teilnehmern privater Turniere sei die Einhaltung angemessener Maßnahmen und der Abstandsregeln empfohlen worden.

Jedem Tennisprofi muss bekannt gewesen sein, dass die Pandemie auch sie betrifft. Die US Open finden zwar wohl ab dem 31. August statt, es wird aber noch um die Schärfe der Hygienebedingungen gerungen - über die sich mehrere Topspieler zuletzt arg mokiert hatten. In vorderster Front: Djokovic. Dass die Spieler nur von einem Teammitglied begleitet werden dürfen, dass sie räumlich getrennt, aber in einem gemeinsamen Hotel untergebracht werden sollen: Eine unvorstellbare Zumutung! Irgendwo zwischen "zu extrem" und "unmöglich". Auch Zverev sagte im ZDF, es sei womöglich besser, nicht zu spielen als unter solch strengen Vorkehrungen wie vorgesehen für das Grand-Slam-Turnier.

Dass es gute Gründe gibt, derzeit unter Zumutungen zu arbeiten, hat Djokovic nun selbst bewiesen. Unfreiwillig. "Ich verstehe das nicht", schrieb die einstige Weltranglisten-Erste Chris Evert, "kein Sicherheitsabstand, totaler physischer Kontakt, keine Gesichtsmasken, sogar die Fans hatten keine Masken." Die 65-jährige Amerikanerin wunderte sich: "Ich kapiere das nicht, nicht klug...". Da war der positive Test von Coric noch nicht offiziell. "Schnelle Genesung, Jungs - aber das passiert, wenn man alle Vorschriften missachtet", schrieb der Topspieler Nick Kyrgios bei Twitter. Der ehemalige Weltranglisten-1. Andy Roddick schrieb süffisant: "Anscheinend gibt es eine Pandemie." Oder in anderen Worten: "Ich habe es dir ja gesagt."

Quelle: ntv.de