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Pannen bei der Leichtathletik-EM Her mit dem guten alten Maßband!

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Fabian Heinles Blick geht nach seinem Sprung direkt zur Weitenanzeige - dabei wäre ein Bandmaß wohl genauer gewesen.

(Foto: imago/Andreas Gora)

Messfehler und Hymnen-Panne: Bei der Leichtathletik-EM in Berlin läuft vieles schief. Besonders bitter ist der Start einer Schwedin, die wegen eines Doping-Verstoßes vielleicht ihre Medaille abgeben muss - und eine Deutsche um die Siegerehrung bringt.

Da steht heute Abend eine Frau im Finale der Diskuswerferinnen, die den Vorkampf gar nicht bestritten hat. Nein, natürlich tun wir der Deutschen Nadine Müller damit völlig unrecht. 60,64 Meter hat die 32-Jährige im ersten Versuch der Qualifikation am Donnerstagmorgen geworfen und die geforderte Norm damit locker übertroffen. Der Wurf wird ganz normal vermessen, auf der Videoleinwand das Ergebnis angezeigt - nur taucht diese Weite zunächst nicht im Ergebniscomputer auf. Es ist nicht die einzige Panne bei dieser Leichtathletik-EM.

Um gleich im Diskusring zu bleiben: Der neue Vize-Europameister muss im Finale richtig zittern. Nachdem der Schwede Daniel Stahl sein Wurfgerät beim ersten Versuch in den Käfig haut, wird der zweite mit 68 Meter irgendwas vermessen und im Stadion angezeigt. Doch nichts ist gut, denn nur Minuten später wird der Wurf ebenfalls ungültig gegeben. Erst im vierten Durchgang arbeitet sich Stahl in die Medaillenränge – vermutlich mit einer Extraportion Aggressivität.

Weitspringer Fabian Heinle und der Deutsche Leichtathletik Verband legen sogar Protest ein – wie mehrere andere Nationen auch. Die Weitenmessung im Finale stimmt vorn und hinten nicht. Nicht einmal die Springer selbst wissen, welche Platzierung sie einnehmen. "Nach meinem Versuch war nicht klar, ob ich Silber oder Bronze hatte", sagt Heinle: "Das ist ärgerlich, wenn so etwas im Finale einer EM passiert." Claus Frömming, der EM-Kommunikationsdirektor erklärt der "Berliner Morgenpost" zufolge: "Das Hauptproblem war offenbar, dass man die Lichtverhältnisse im Stadion falsch eingeschätzt hat." Zudem veröffentliche das System die Ergebnisse so schnell, dass nicht einmal Zeit bleibe, sie zu verifizieren, heißt es. Ein Beispiel: Bei Heinles viertem Versuch wird zunächst die Stelle gemessen, an der sein Schatten zu sehen ist - nämlich bei 7,77 Meter. Tatsächlich gelandet ist der 24-Jährige allerdings bei 8,02 Meter. Mit dieser Weite wäre der Athlet des VfB Stuttgart zu diesem Zeitpunkt in Führung gegangen und hätte den nächsten Durchgang ausgelassen, um Kräfte zu sparen.

Reporterin tarnt sich als Maskottchen

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Alina Reh schließt das 10.000-Meter-Rennen erst als Fünfte, dann als Vierte ab - oder doch als Dritte?

(Foto: imago/Andreas Gora)

Bundestrainer Uwe Florczak ist mächtig sauer: "Das ist unsäglich für uns, für die Athleten, die Trainer und auch die Zuschauer." Zumal es nicht das erste Mal sei, dass das System nicht zuverlässig arbeite: "Man fühlt sich nicht mehr sicher. Es ist ja nicht nur in Berlin passiert, sondern auch schon vorher in Zürich oder London." Quasi zurück zu den Wurzeln schlägt er im Interview mit der "Welt" vor: "Ganz ehrlich, ein einfaches Bandmaß wäre mir lieber." Letztlich kann sich Heinle mit einer Weite von 8,13 Meter über Silber freuen. Allerdings erst mit gewaltiger Verzögerung - nachts um halb zwei weist die Jury des europäischen Verbandes EAA den letzten Protest ab.

"Wir haben immer gesagt, dass wir besser sein wollen als andere. Momentan hakt es aber noch an der einen oder anderen Stelle. Das ist definitiv nicht unser Anspruch", so Frömming. Am Donnerstag habe es deswegen sogar ein Krisentreffen gegeben. Denn auch beim Thema Sicherheit hapert es offenbar. So schafft es einer Reporterin des Radiosenders Fritz mit einem normalen Besucherticket in eigentlich abgesperrte Bereiche. "Ich bin zugegeben etwas überrascht, dass das so möglich war", sagt Jens Groskopf, der Sicherheitsbeauftragte der Leichtathletik-EM, dem Sender rbb. "Wir haben an allen Übergängen von öffentlichen Bereichen zu unseren Bereichen auch innerhalb derer verschiedene Zonen, was auf den Akkreditierungskarten erkennbar ist." Dennoch steht die Reporterin als fiktives Maskottchen verkleidet sogar auf der blauen Bahn des Olympiastadions, in direkter Nähe zu Sportlern.

Techniker drückt falschen Knopf

Richtig peinlich wird es auf der European Mile am Breitscheidplatz, wo die Siegerehrungen stattfinden. Als die Kugelstoßer ihre Medaillen erhalten muss für den Sieger Michal Haratyk (und den Zweitplatzierten Konrad Bukowiecki) die polnische Nationalhymne erklingen. Stattdessen drückt ein Techniker offenbar einen falschen Knopf und eine völlig andere Melodie ertönt. "Wir haben uns bei der polnischen Delegation dafür entschuldigt. Sie haben die Entschuldigung bereits angenommen", so der Sprecher des Organisationskommitees, Hans-Georg Felder.

Chaotisch verläuft auch das 10.000-Meter-Rennen der Frauen, wo Alina Reh für Deutschland am Start ist. 25 Stadionrunden müssen die Läuferinnen absolvieren, da kann man leicht den Überblick verlieren: Welche Athletin ist bereits überrundet, wer ist schon aus dem Rennen ausgeschieden? Nach 32:28,48 Minuten beendet die Schwäbin das Rennen als Fünfte. Kurze Zeit später wird sie in den Ergebnislisten allerdings als Vierte geführt. Auch Reh denkt lange, dass sie Fünfte geworden ist. Erst später gibt es die Auflösung: Eine Ukrainerin hat das Rennen offenbar versehentlich nach 24 Runden beendet. "Bei 25 Runden hat man viel zu zählen, für manche war das wohl bei der Wärme zu viel", so Reh.

Viel schlimmer ist allerdings, dass die 21-Jährige nachträglich sogar noch die Bronzemedaille gewinnen könnte. Gegen die Schwedin Meraf Bahta wird wegen Verstoßes gegen die Anti-Doping-Regeln ermittelt, ihr droht eine nachträgliche Disqualifikation. Weltweit müssen Athleten in einem System angeben, wo sie für Dopingkontrollen erreichbar sind. Die schwedische Zeitung "Aftonbladet" berichtet, dass Bahta dies dreimal nicht regelkonform getan hat. Drei dieser so genannten "Missed Tests" können eine Dopingsperre nach sich ziehen, die bereits für die EM gelten würde. Anstatt dies allerdings vor der Meisterschaft zu entscheiden und so Bahta gegebenenfalls gar nicht erst in Berlin antreten zu lassen, tagt die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) erst in der kommenden Woche darüber. Und auch der schwedische Verband hatte beschlossen, ihre Athletin trotz der Ermittlungen antreten zu lassen. Schweden Teammanagerin Karin Torneklint zufolge sei das in Absprache mit dem europäischen sowie dem Welt-Leichtathletik-Verband geschehen. Reh hat dafür kein Verständnis: "Es wäre sehr traurig, wenn das so kommen würden. Denn der große Moment der Siegerehrung wäre mir genommen worden.

Quelle: n-tv.de

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