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Handballer Kraus in zweiter Liga "Ich hätte dem DHB-Team helfen können"

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Michael Kraus geht in die erste Zweitligasaison seiner Karriere.

(Foto: imago images / Eibner)

Zweite Liga statt Frankreich: Auf der Zielgerade seiner Handballkarriere bleibt Michael Kraus beim Absteiger SG BBM Bietigheim und sagt sein Auslandsengagement ab. Der 35-jährige dreifache Familienvater, der 2000 Bravo-Boy, 2007 Weltmeister und 2013 mit dem HSV Hamburg Champions League-Sieger wurde, hat dafür sowohl sportliche als auch sehr private Gründe. Am Sonntag startet Kraus mit der SG BBM Bietigheim gegen die ASV Hamm-Westfalen in seine erste Saison in der zweiten Handball-Bundesliga.

n-tv.de: Herr Kraus, Sie hatten vor Monaten mit einem Wechsel in die französische Liga geliebäugelt, um Ihre Karriere ausklingen zu lassen. Nun aber bleiben Sie Ihrem Club treu und gehen mit ihm in die 2. Liga. Warum?

Michael Kraus: Ich habe mich aus sportlichen und aus privaten Gründen dazu entschieden zu bleiben. Ich spüre nach dem Abstieg die Verantwortung, diesem Klub und vor allem dieser großartigen Mannschaft zu helfen. Zudem wollte ich nach dem plötzlichen Tod meines Vaters nah bei der Familie sein. Aktuell fühlt sich meine Entscheidung einfach richtig an, nicht fortzugehen, weil die Familie ein größerer Teil meines Lebens ist als der Handball.

Sie spielen nun als Weltmeister und Champions League-Sieger in der 2. Liga. Haben Sie sich den Herbst Ihrer Karriere so vorgestellt?

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Michael Kraus musste bei der WM 2007 viel Verantwortung übernehmen - und überzeugte.

(Foto: imago/Laci Perenyi)

Ich gebe zu, der Gedanke, in Liga zwei zu spielen, war für mich schon ein wenig gewöhnungsbedürftig. Da muss ich niemandem etwas anderes erzählen. Aber meine Aufgabe in Bietigheim ist noch nicht beendet. Außerdem: Wer sich etwas intensiver damit beschäftigt, weiß, dass diese 2. Liga bockstark ist und dass es eine Herkules-Aufgabe wird, den Abstieg zu korrigieren.

Der direkte Wiederaufstieg ist demnach erklärtes Ziel.

Das Ziel ist klar, und mit dem daraus resultierenden Druck müssen wir umgehen können, auch wenn es sechs bis acht Teams gibt, die ganz vorne mitspielen werden. Wir sind gut beraten, nicht mit einem Durchmarsch zu rechnen. Andererseits hätte es uns doch niemand abgenommen, wenn wir gesagt hätten, wir wollen unter die ersten Sechs.

Ist Ihr Club stark genug, um das zu schaffen?

Ganz sicher. Das Team ist herausragend, der Trainer auch, und die Verpflichtungen werden uns weiterhelfen. Hier passt tatsächlich vieles, und ich freue mich darauf, mich neu beweisen zu können.

Damit dürfte ein Wechsel in die französische Liga unwahrscheinlich geworden sein.

Warum? Die kommende Spielzeit wird höchstwahrscheinlich noch nicht meine Abschiedssaison. Und was ich in einem Jahr machen werde, ist derzeit noch offen. Da ist auch Frankreich eine Option. Ich fühle mich so fit, dass ich mir schon noch ein paar Jahre Handball vorstellen kann. Aber wenn meine Frau sagen sollte, die Belastung sei zu gewaltig, dann werde ich meiner Familie den Vorrang geben.

Sie haben Zeit Ihrer Karriere stets polarisiert: Ihre handballerischen Fähigkeiten sind extrem außergewöhnlich, Ihre Kritiker zweifelten oft an Ihrer Einstellung.

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Der erste große Erfolg des jungen Handballers: "Bravo Boy des Jahres" im Jahre 2000.

Das Kompliment freut mich. Die Kritik kann ich nicht wirklich verstehen.

Zum Beispiel, als Ihre Formkurve im Herbst des vergangenen Jahres steil nach oben ging und Sie plötzlich wieder ein Thema für die DHB-Auswahl und die anstehende WM in Deutschland waren, kamen diese Diskussionen wieder auf. Es hieß, es sei ein Risiko, einen Spieler wie Sie wieder ins Team zu holen.

Also darüber konnte ich nur schmunzeln. Einen größeren Quatsch habe ich in meinem Leben noch nicht gehört. Einen pflegeleichteren Spieler als mich kann man eigentlich gar nicht bekommen. Natürlich mache ich meinen Mund auf, wenn mir etwas nicht passt, aber das ist unterm Strich auch ein Faktor des Erfolges.

Nach Ihrem Armbruch rund vier Wochen vor der Veranstaltung war die WM für Sie erledigt. Waren Sie jemals ein Thema in den Planungen des Bundestrainers?

Ich kenne Christian Prokop nicht, und auch er hat keine Ahnung, wer Mimi Kraus ist. Also von meiner Persönlichkeitsstruktur her, meine ich. Wir haben uns noch nie miteinander ausgetauscht. Er kennt die Geschichten von früher, ist kaum älter als ich, und wir hatten bis heute keinerlei Berührungspunkte. Ich glaube, er kann sich keine richtige Meinung über mich machen.

Für Sie hätte sich nach ihren Debüt 2005 und dem Gewinn des WM-Titels 2007 ein Kreis geschlossen.

Ich war auch traurig und niedergeschlagen, nachdem ich mir die Hand gebrochen hatte. Ich weiß, dass man sich beim DHB mit mir beschäftigt hatte. Und so, wie das Turnier lief, hätte ich der Mannschaft mit meiner Erfahrung spätestens nach der Verletzung von Martin Strobel schon weiterhelfen können. Viele sagen jetzt, der mault, weil er nicht dabei war. Aber mir war spätestens nach dem Handbruch klar, dass ich nicht nominiert werden würde.

Die WM hätte ein letzter Höhepunkt der Karriere des einstigen Bravo-Boys 2000 sein können, die – gemessen an Ihrem Talent – nicht immer am Optimum des Kraus´schen Leistungsvermögen verlief.

Ich hätte handballerisch in ganz andere Dimensionen vorstoßen können, aber dazu war mein Lebenswandel viele Jahre nicht seriös genug. Ich reflektiere, was ich getan habe, aber ich bereue nichts. Vielleicht hätte ich den Schritt nach Kiel oder nach Barcelona, als die Angebote da waren, auch einmal machen sollen. Aber ich habe dem Leben den Vorzug gegeben. Ich galt als Chaot, als unprofessionell und chronisch unpünktlich. Aber irgendwann wollte ich mich mit diesen Dingen nicht mehr auseinandersetzen. Alles, was ich getan habe, hat mich heute an diesen Punkt geführt. Und da ist alles gut.

Gab es einen bestimmten Punkt in Ihrem Leben, als aus Mimi Michael wurde?

Das ist Michael Kraus

Als sich Spielmacher Markus Baur im Laufe der Handball-WM 2007 verletzte, schlug die Stunde von Michael "Mimi" Kraus: Der damals 23-Jährige überzeugte als Spielgestalter und vor allem durch seine Torgefahr, was ihm eine Nominierung ins All-Star-Team des Turniers einbrachte. Mit seinem Heimatverein Frisch Auf Göppingen gewann Kraus 2016 den EHF-Pokal, mit dem HSV durfte er 2011 die deutsche Meisterschaft und 2013 den Gewinn der Champions League bejubeln. Seit der Rückrunde der vergangenen Saison spielt er für die SG BBM Bietigheim.

Der Mimi bleibt immer der Mimi. Die Grundzüge meines Charakters ändern sich nicht. Aber das macht mich auch als Spieler aus. Erst als ich meine Frau Bella (Influencerin" mit eigenem Youtube- und Instagram-Kanal und jeweils knapp eine Viertelmillion Follower, Anm. der Red.) in der Abendschule kennenlernte, hat da etwas klick gemacht.

Liebe auf den ersten Blick?

Gar nicht. Ich habe alles probiert und wurde komplett ignoriert. Die hat wahrscheinlich gedacht: Was ist das für ein Idiot. Das hat gedauert. Später hat sie sich auch in den Handball reingearbeitet und mich gefragt: Warum sagen eigentlich alle, du verschleuderst dein Talent?

Haben Sie es verschleudert?

So ganz ja nicht. Ich bin Weltmeister geworden, habe die Champions League, die Deutsche Meisterschaft und den Pokal gewonnen. Aber alles leider nur einmal. Hätte mehr sein können, aber unzufrieden bin ich überhaupt nicht damit. Hätte ich damals den Verstand von heute gehabt, hätte ich mehr Titel und sicher weit über 150 Länderspiele. Aber ich habe längst meinen Frieden damit gemacht.

Mit Michael Kraus sprach Arnulf Beckmann.

Quelle: n-tv.de

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