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"Innerlich war ich gebrochen"Olympiasieger Rösch offenbart "Ansatz von Suizidgedanken"

24.02.2026, 10:01 Uhr
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Michael Rösch arbeitet heute als Biathlon-Experte. (Foto: dpa)

Mit 22 Jahren Olympiasieger - kurz darauf kämpft Michael Rösch mit inneren Dämonen. Doch weil der Ex-Biathlet mentale Probleme als Schwäche sieht, sucht er sich keine Hilfe. Fast zu lange, über seinen Kampf spricht er jetzt erstmals.

Während der Olympischen Winterspiele amüsierte Michael Rösch als Experte bei Eurosport mit markigen Sprüchen und Emotionen. Der Ex-Biathlet gibt häufig den Entertainer, auch bei Instagram nimmt sich der 42-Jährige selbst nicht zu ernst. Doch für eine lange Zeit ist das nur Fassade. Der Olympiasieger von 2006 hat nun erstmals über seine Depressionen gesprochen.

"Der Olympiasieg war öffentlich. Der schwerste Kampf fand im Stillen statt. Mental war ich zeitweise tot", sagte der 42-Jährige. Gerade einmal 22 Jahre war er alt, als er mit der Staffel in Turin Olympiasieger wurde. Rösch war mit Abstand der Jüngste des Quartetts, der Shootingstar, die Hoffnung auf eine glänzende Zukunft.

Doch er konnte die großen Erwartungen nicht erfüllen. Zwar holte Rösch in den kommenden drei Jahren dreimal WM-Bronze mit der Staffel. Aber nur zweimal stand er im Weltcup ganz oben auf dem Podest, da hatten sich viele mehr erwartet.

Rat und Nothilfe bei Suizid-Gefahr und Depressionen

  • Bei Suizidgefahr: Notruf 112
  • Deutschlandweites Info-Telefon Depression, kostenfrei: 0800 33 44 5 33
  • Beratung in Krisensituationen: Telefonseelsorge (0800/111-0-111 oder 0800/111-0-222, Anruf kostenfrei) oder Kinder- und Jugendtelefon (Tel.: 0800/111-0-333 oder 116-111)
  • Bei der Deutschen Depressionshilfe sind regionale Krisendienste und Kliniken zu finden, zudem Tipps für Betroffene und Angehörige.
  • In der Deutschen Depressionsliga engagieren sich Betroffene und Angehörige. Dort gibt es auch eine E-Mail-Beratung für Depressive.
  • Eine Übersicht über Selbsthilfegruppen zur Depression bieten die örtlichen Kontaktstellen (KISS).

"Wer Hilfe sucht, galt als nicht belastbar"

Sportlich lief es nicht perfekt - privat noch viel weniger. "Mit dem Olympiasieg kamen auch größere Sponsoren und mehr Geld einher. Ich habe ein Haus gebaut - viel zu früh und viel zu groß. Das, was eigentlich ein positiver Rattenschwanz war, wurde durch private Fehlplanung und Fehlentscheidungen sehr problematisch. Es war wie eine Weggabelung. Rechts ist gut, links ist schlecht. Und ich bin jedes Mal links abgebogen", sagte er dem "Focus" Anfang Februar rückblickend. Er musste das Haus verkaufen, zog sogar wieder bei seinen Eltern ein.

Schon 2009 hatte der Sachse einen richtigen Tiefpunkt, nach dem Weltcup im slowenischen Pokljuka. "Ich bin mit einem Müllsack über der Schulter aus dem Stadion gegangen - innerlich war ich gebrochen", erzählte Rösch im gemeinsamen Podcast mit Christian Akber-Sade "Nacksch - vom Olympiasieg in die Depression".

Und es kam noch schlimmer. Rösch wurde aus dem Weltcup aussortiert, durfte 2010 nicht an den Olympischen Spielen teilnehmen. Psychologische Hilfe holte er sich nicht, weil er lange glaubte, mentale Probleme seien ein persönliches Versagen. "Wer Hilfe sucht, galt als nicht belastbar", sagte Rösch. Dass sich das in den vergangenen Jahren geändert hat, sei ein großer Fortschritt.

In der Saison 2011/12 verpasste er trotz erfüllter WM-Norm die Heim-Weltmeisterschaft in Ruhpolding, schon davor erlebte er Panikmomente. Es musste sich etwas ändern, seine sportliche Zukunft im deutschen Team war ungewiss. Auf die Idee seines Managers hin entschied er sich dann für einen Nationenwechsel nach Belgien, einem nicht so stark besetzten Team.

2019 in die Notfallambulanz

Ein großer Schritt, denn damit musste er seinen Beamtenstatus bei der Bundespolizei - und damit die finanzielle Sicherheit - aufgeben. Der Wechsel zog sich aufgrund der Regeln des Biathlon-Weltverbands hin, erst 2014 konnte er für Belgien erstmals an den Start gehen. 990 Tage nicht im Weltcup, die Olympischen Spiele nach 2010 auch 2014 verpasst.

Eine lange Zeit des Wartens, in der Rösch im Januar 2013 erstmals den "Ansatz von Suizidgedanken" hatte, wie er erzählt. Und auch gesundheitlich machte er eine schwere Zeit durch. 2015 wurde bei ihm Pfeiffersches Drüsenfieber diagnostiziert, zudem erlitt er einen Achillessehnenriss. Wenige Tage nach der Operation kam es zu einer "lebensbedrohlichen Situation. Die Monate danach waren ein Dahinvegetieren", so Rösch.

Doch er raffte sich wieder auf. Über den zweitklassigen IBU-Cup kämpfte er sich zurück in den Weltcup. Finanziell sucht er sich Hilfe via Crowdfunding. Mithilfe seiner privaten Sponsoren schaffte er es schließlich nach zwölf Jahren noch einmal zu Olympischen Spielen. 2018 ging er in Pyeongchang für Belgien an den Start. Um Siege kämpfte er nicht mehr mit. Beim Olympiasieg von Arnd Peiffer im Sprint kam Rösch auf Rang 38, in der Verfolgung lief er auf Platz 23.

Ein Jahr später beendete er seine Karriere. Im Mai 2019 erlitt er einen emotionalen Zusammenbruch - und suchte sich erstmals Hilfe, ging in eine Notfallambulanz. Nach der Diagnose folgten Medikamente und über 50 Therapiesitzungen. "Es war wie ein Nebel - und plötzlich war blauer Himmel", sagte Rösch.

Er musste lernen, mit der Anfälligkeit zu leben. Rückschläge sind auch jetzt nicht ausgeschlossen. "Die Therapie ist kein abgeschlossener Prozess", sagte Rösch. Sein Rat an andere Betroffene ist einer, den er selbst lange verweigerte: "Sucht euch Hilfe!"

Quelle: ntv.de, ara/dpa

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