Sport

Plötzlich Olympia-Hoffnung Kaul, der abgeklärte Zehnkampf-Thronfolger

Niklas Kaul jubelt. Foto: Michael Kappeler/dpa

Er ist da, als andere stolpern: Niklas Kaul krönt sich zum jüngsten Zehnkampf-Weltmeister.

(Foto: Michael Kappeler/dpa)

Niklas Kaul unterstreicht bei der Weltmeisterschaft sein Ausnahmetalent als Zehnkämpfer: In der Jugend gewinnt der Leichtathlet alles - und macht in Doha einfach da weiter. Als jüngster Weltmeister aller Zeiten lastet plötzlich der Olympia-Druck auf ihm. Doch er träumt zunächst von anderen Weihen.

Die letzten öffentlichen Auftritte des Jahres 2019 absolviert Niklas Kaul im Anzug. Aber nicht im gelb-grauen Trainingsanzug der deutschen Leichtathletik-Nationalmannschaft, sondern im schicken Schwarzen, mit schwarzer Fliege, weißem Einstecktuch und weißem Oberhemd. Der Zehnkämpfer darf sich nach seinem überraschenden Triumph bei der Weltmeisterschaft in Doha feiern lassen. Vom Europäischen Leichtathletik-Verband wird er als "Aufsteiger des Jahres" geehrt, er wird mit einem Bambi ausgezeichnet, er wird zum "Sportler des Jahres" gewählt. Wobei das Feiern selbst in der wettkampffreien Zeit bei dem 21-Jährigen recht kurz kommt.

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Mal ein anderer Anzug.

(Foto: imago images/Pressefoto Baumann)

Sport, Studium, Ehrungen, Medienanfragen: Der Zeitplan ist straff. Jeder will persönlich von ihm erfahren, wie der Mainzer seinen Erfolg erlebt hat. Kein Wunder, Kaul ist der jüngste Weltmeister seiner Disziplin aller Zeiten. Und ist innerhalb von zwei Tagen zum Medaillenkandidaten bei den Olympischen Spielen in Tokio 2020 avanciert.

Als der Allrounder am Abend des 3. Oktobers beim abschließenden 1500-Meter-Lauf nach 4:15,70 Minuten ins Ziel kommt, stehen für ihn insgesamt 8691 Punkte zu Buche. Er hat seinen ärgsten Konkurrenten Maicel Uibo aus Estland mit einem ebenso konsequenten wie cleveren Steigerungslauf abgehängt. Die TV-Kommentatoren überschlagen sich, seine Eltern Stefanie und Michael, die auch seine Trainer sind, jubeln auf der Tribüne. Unten auf der Tartanbahn muss Kaul dagegen sieben Sekunden auf seinen ersten Gratulanten warten, erst dann läuft sein Kumpel Tim Nowak als Zweitschnellster ins Ziel. Anschließend lässt sich der neue Weltmeister ausgepumpt auf die Tartanbahn fallen. Er reißt die Augen weit auf, schüttelt den Kopf, schlägt die Hände vors Gesicht, rappelt sich wieder hoch, schaut ungläubig, schüttelt wieder den Kopf, reibt sich übers Gesicht, bis der dritte deutsche Zehnkämpfer Kai Kazmirek zu ihm kommt, ihn in die Arme schließt und gratuliert.

Weltrekord, aber wohl nicht für immer

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Der Arm gibt mehr her als den aktuellen Weltrekord, sagt Kaul.

(Foto: REUTERS)

Zehnkampf-Weltmeister reifen meist mit wachsender Erfahrung, sie fallen nicht einfach mit einem lauten Knall in die Weltspitze ein. Kaul ist eine Ausnahmeerscheinung. So wie es auch seine Wettkämpfe sind. Zwei Tage liegen hinter dem amtierenden U23-Europameister, die kaum unterschiedlicher hätten sein können - also eigentlich ein normaler Wettkampf für den Mainzer. Am ersten Tag scheint Kaul die Konkurrenz in Sicherheit zu wiegen, bevor er traditionell am zweiten Tag so richtig aufdreht. Dann kommen seine Paradedisziplinen, allen voran der Speerwurf. "Schadensbegrenzung" habe er nach dem ersten Tag betreiben wollen, den er nur an elfter Stelle abschloss. Plötzlich fallen mit seinem eigenen Teamkollegen Kazmirek, der über eine Hürde stolpert, Lindon Victor aus Grenada im Diskuswurf und vor allem dem Weltrekordhalter Kevin Mayer aus Frankreich im Stabhochsprung drei Medaillenkandidaten aus dem Wettkampf - und so rückt das Podest in Reichweite für den jüngsten Athleten im Feld. Mit übersprungenen fünf Metern im Stabhochsprung legt er ordentlich vor, bevor der Wahnsinn die Konkurrenz verstummen lässt. Den Speer knallt er raus auf 79,05 Meter - Zehnkampf-Weltrekord. Kaul erklärte später: "Ich und mein Speerwurf-Trainer waren uns schnell einig, das ist nicht der perfekte Wurf gewesen."

Nur noch 19 Punkte liegt der Führende Este Uibo nach dieser neunten Disziplin vor dem Deutschen, ein Hauch von Vorsprung für die so mit Hassliebe erfüllten 1500 Meter. Kaul hat Angst, alles noch zu ruinieren. Die große Chance nicht zu nutzen, am Ende als Depp dazustehen. Eine völlig unbegründete Angst, wie sich dreieinhalb Runden später zeigt. Da ist er der erste deutsche Weltmeister seit Torsten Voss, der vor 32 Jahren noch für die DDR Gold gewann.

"Nicht der beste Zehnkämpfer"

Nun, im kommenden Jahr, könnte Kaul der erste deutsche Zehnkampf-Olympiasieger seit Christian Schenk im Jahr 1988 werden. Oma Ella warnt schon vor den großen Erwartungen, fürchtet, dass der Druck auf ihren Enkel zu groß werden könnte. Die Gefahr ist wohl aber eher gering, Kazmirek ist nur einer von vielen, der Kaul attestiert, "sehr weit für sein Alter, auch im Kopf" zu sein. Das bestätigte der 21-Jährige gleich mal völlig rational nach seinem WM-Sieg mit dieser Einschätzung: "Ich bin nicht der beste der Zehnkämpfer, die hier teilgenommen haben, aber vielleicht der konstanteste."

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Weltrekordler Kevin Mayer musste verletzt aufgeben.

(Foto: imago images/Kyodo News)

Diesmal scheitern andere Favoriten, er profitiert. Beim nächsten Mal könnte er schon selbst dran sein. Anders als seine ältere Konkurrenz könnte er auch später noch Olympiasieger werden. Seine Eltern und er haben im verletzungsanfälligen Zehnkampf ohnehin auf eine langfristige Entwicklung gebaut. Tokio kam in ihren Planungen gar nicht vor, geliebäugelt wurde mit Olympia 2024 und 2028. Doch der Sohn ist dem Plan einfach rasant entwachsen - und sein Kopf mit ihm, so abgeklärt ist er, so selbstreflektiert. "Das Leistungsvermögen der Konkurrenz kann ich eh nicht beeinflussen", stellt er fest. Er kann nur selbst dafür sorgen, dass das Projekt Tokio erfolgreich wird.

Sein Unipensum wird er im Sommersemester reduzieren. Ganz will er auf die willkommene Ablenkung zum Sport aber nicht verzichten. Aber alles dafür tun, gesund zu bleiben. Möglichkeiten, seine persönliche Bestleistung weiter hochzuschrauben, sieht Kaul allemal. Es gebe ein, zwei Disziplinen, "in denen ich Punkte verloren habe". Die Traummarke von 9000 Punkten - die bislang überhaupt nur drei Athleten übertroffen haben - ist noch fern.

80 Meter im Blick

Der Zeitplan im Jahr 2020 ist mehr als sportlich: Der Zehnkampf in Tokio findet am 5./6. August statt, am 26. August startet bereits die Europameisterschaft im 9710 Kilometer entfernten Paris. Gut möglich, dass der Deutsche Leichtathletik-Verband wie schon 2016 verschiedene Athleten für die Meisterschaften nominiert. Dann könnte sich Kaul verstärkt auf einen anderen Traum konzentrieren: Den von den 80 Metern im Speerwurf.

Einen Platz im Speerwurf-Kader hatte ihm der Bundestrainer bereits angeboten. Aber er ist dem Zehnkampf treu geblieben, "weil es so etwas Besonderes ist". Und wenn Kaul dann Ende 2020 wieder den Trainingsanzug gegen den feinen Zwirn tauscht, auf einer Bühne steht und einen Preis entgegennimmt, hat er erneut bewiesen, dass er sich richtig entschieden hat.

Quelle: ntv.de

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