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Wie Arbeiter im Fußball-WM-Land Katar leiden Kein Lohn, kein Essen, kein Entkommen

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Ein Mann in einer typischen Unterkunft für ausländische Arbeiter.

(Foto: Amnesty International)

Amnesty International hat die unmenschliche Lage der Gastarbeiter in Katar dokumentiert. Ein Fall zeigt beispielhaft die Dimension des Skandals: Die Arbeiter bekommen kein Geld, können ihre Familien nicht unterstützen - doch sie dürfen weder den Job wechseln, noch das Land verlassen.

Was hat das mit der WM 2022 zu tun?

Die Stadienbauten für die Weltmeisterschaft 2022 haben noch nicht begonnen. Allerdings gehen Experten davon aus, dass spätestens Ende dieses Jahres die ersten Vorbereitungen getätigt werden. Da 95 von 100 Arbeitnehmern in Katar Gastarbeiter sind, werden auch auf den WM-Baustellen sehr viele Ausländer arbeiten. Der Weltfußball-Verband Fifa hat nach dem Bericht von Amnesty International an Katar appelliert, die Bedingungen für Gastarbeiter zügig zu verbessern. Die Menschenrechtsorganisation selbst schreibt von positiven Signalen aus dem Land. Der Chef des WM-Organisationskomitees, Hassan Al-Thawadi, versprach den Arbeiter "Sicherheit, Würde und Gesundheit."

"Ich habe noch nicht einen einzigen Sklaven in Katar gesehen. Die laufen alle frei rum, weder in Ketten, gefesselt und nicht mit Büßerkappe am Kopf. Ich habe mir vom arabischen Raum ein anderes Bild gemacht und ich glaube, mein Bild ist realistischer." Das sagte Franz Beckenbauer, Ehrenspielführer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, nachdem die ersten Berichte über die unmenschlichen Arbeitsbedingungen im Austragungsland der Fußball-WM 2022 erschienen waren.

Amnesty International hat sich in einem 169 Seiten starken Bericht umfassend mit der Lage der Arbeiter in Katar beschäftigt - und tatsächlich, von Ketten steht darin nichts. Wohl aber von Zwangsarbeit, Freiheitsberaubung, Körperverletzung, kurz: barbarischen Zuständen. Mit über 200 Arbeitern haben die Autoren gesprochen, und einige Fälle genau dokumentiert. Wie den der Arbeiter von "Krantz Engineering", die ein Jahr lang um ihren Lohn kämpften - und schließlich um ihr Überleben.

Eine Katastrophe für die Familien

"Krantz Engineering" erledigt elektronische Arbeiten an Gebäuden. Auf einer Baustelle rund 50 Minuten nördlich von Doha beschäftigte die Firma ab 2010 rund 250 Arbeiter. Die meisten stammen aus Indien, Nepal und Sri Lanka. Sie sind es gewohnt, dass der Lohn von Krantz zu spät kommt - einige Tage, einige Wochen warten sie manchmal auf das Geld. Doch im Juli 2012 hören die Zahlungen plötzlich ganz auf - für ausländische Arbeiter ein besonders großes Problem, senden sie doch oft Teile ihres Lohns nach Hause, um ihre Familien zu unterstützen. In Nepal beispielsweise kommen fast ein Drittel der Einkommen aus solchen Transferleistungen.

Ein Schweißer sagte den Amnesty-Mitarbeitern, er habe von seinen 384 US-Dollar Monatslohn rund ein Drittel an seine Familie geschickt - hauptsächlich, um eine Hypothek auf sein Haus in Höhe von 5865 Dollar zu bedienen. Als Krantz nicht mehr zahlt, kann der Arbeiter seine Familie nicht mehr unterstützen. Mehrere Befragte berichten Amnesty, dass ihre Familien zu Hause ihre Wohnungen verloren hätten.

Leere Versprechungen

Die Rechte ausländischer Arbeiter

  • Jeder ausländische Arbeiter braucht einen "Sponsor"
  • Ein Jobwechsel erfordert die Erlaubnis des Sponsors - wer dagegen verstößt, muss mit einer Haftstrafe oder einer Abschiebung rechnen
  • Ohne Erlaubnis des "Sponsors" darf ein Arbeiter Katar nicht verlassen
  • Nach Erledigung der Formalitäten muss der "Sponsor" dem Arbeiter seinen Pass aushändigen - was häufig nicht passiert
  • Der Sponsor kümmert sich um die Aufenthaltsgenehmigung der Arbeiter - hat der Arbeiter keine gültigen Aufenthaltsdokumente, muss er mit einer Geldstrafe rechnen. Erst wenn er diese gezahlt hat, kann er Katar verlassen
  • Der Sponsor stellt eine Unterkunft zur Verfügung
  • Gastarbeiter dürfen Gewerkschaften weder beitreten noch gründen

Die Firma behauptet, sie warte auf Zahlungen eines Vertragspartners. Am 8. November sollen alle ausstehenden Löhne überwiesen werden - was nicht passiert. Zu diesem Zeitpunkt schuldet Krantz den Arbeitern durchschnittlich drei Monatslöhne. Die meisten Arbeiter entschließen sich zum Streik. Krantz reagiert mit einer schriftlichen Anweisung: Wer nicht zur Arbeit erscheint, muss pro Tag sieben Dollar Strafe zahlen.

Die Männer beschweren sich bei den katarischen Behörden - ohne Erfolg, wie ein indischer Krantz-Arbeiter schildert: "Ich habe es fünf oder sechs Mal versucht (…). Es passierte nichts." Gewerkschaften konnten den Arbeitern nicht helfen - denn in die dürfen ausländische Arbeiter in Katar nicht eintreten, geschweige denn selbst welche gründen.

Eine weitere Besonderheit des katarischen Rechts machte es ihnen unmöglich, einfach zu kündigen: das "Kafala"-System. Wer als Ausländer in Katar arbeiten möchte, braucht einen "Sponsor" - meist ist das die eigene Firma. Der Sponsor muss für ihre Unterkunft und Verpflegung garantieren. Dafür dürfen die Arbeiter ohne die Zustimmung des Sponsors weder den Job wechseln noch das Land verlassen. Sie sind ihren Herren ausgeliefert - wie Sklaven eben.

Ohne Lohn nach Hause

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Kein Strom, kein Essen: Eine Unterkunft von Krantz im März 2013.

Ein Krantz-Mitarbeiter schildert, welche Konsequenzen dieses System hat: "Er (der Direktor von Krantz) sagte, ich könne gehen. Aber das Unternehmen hatte ja meinen Pass." Krantz hatte auch die Aufenthaltsgenehmigung für die Arbeiter nicht verlängert - was eine Strafe von 820 Dollar nach sich zog. "Krantz sagte, ich solle erst die Strafe zahlen, wenn ich gehen will", berichtet der Arbeiter weiter.

Trotz einiger Protestnoten der indischen und der nepalesischen Botschaft (von "Erpressung" war die Rede) mussten im Februar immer noch rund 80 Arbeiter von Krantz in Katar bleiben - ohne Lohn, ohne Pass, ohne Aufenthaltsgenehmigung. Ein Nepalese erzählt, die Arbeiter hätten Krantz sogar angeboten, auf den Lohn zu verzichten, wenn sie nur nach Hause zurückkehren dürften. Die Firma reagiert auf das Angebot: Die Arbeiter dürfen Katar verlassen - wenn sie Dokumente unterschreiben, in denen steht, sie hätten den ausstehenden Lohn erhalten, und keine weiteren Ansprüche gegen die Firma. Die Arbeiter sehen keinen Cent, aber sie können nach Hause fliegen.

Zurück nach Katar

Wer bleibt und auf sein Geld pocht, auf den wartet die Hölle: In den Unterkünften von Krantz wird teilweise der Strom abgeschaltet, ab April schickt die Firma nicht einmal mehr Essen. Lokale Hilfsorganisation organisieren die Verpflegung der Arbeiter. Weil Krantz weiterhin die Aufenthaltsgenehmigungen nicht verlängert, verstecken sich die Arbeiter vor der Polizei. Bei Razzien werden einige verhaftet und kurzzeitig ins Gefängnis gesteckt.

Erst im Juli 2013 - ein Jahr, nachdem Krantz keinen Lohn mehr zahlte - verlassen die letzten Mitarbeiter Katar. Im August 2013 gelingt es Amnesty International, Kontakt zu einem der Arbeiter aufzunehmen. Geld von Krantz hat er nicht erhalten - stattdessen hat er Schulden angehäuft. Er sah nur einen Weg, sie wieder abzuzahlen:Er ging nach Katar zurück, um zu arbeiten.

Quelle: n-tv.de

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