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"Sie hat überhaupt kein Konzept" Kerbers Auftritt schockiert auf ganzer Linie

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Augen zu und durch: Angelique Kerber konnte irgendwann selbst nicht mehr hinschauen, was sie in der ersten Runde der French Open auf den Platz brachte.

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Angelique Kerber ist dreifache Grand-Slam-Gewinnerin, ehemalige Nummer eins der Tenniswelt - und doch unterläuft der Kielerin bei den French Open ein Erstrundenmatch, das sprachlos macht. Die 32-Jährige schockiert durch völlige Planlosigkeit.

Nichts wie weg aus der "Roten Zone": Deutschlands beste Tennisspielerin Angelique Kerber machte während ihrer Erstrundenpartie bei den French Open im Corona-Hotspot Paris 67 Minuten lang den Eindruck, als plane sie die Flucht aus dem letzten, arg umstrittenen Grand-Slam-Turnier des Jahres. Gegen die Slowenin Kaja Juvan, vor dem Turnier auf Platz 103 der Weltrangliste notiert, lieferte die einstige Nummer eins der Tenniswelt eine Vorstellung ab, die nicht nur Kerber selbst erschreckte. Am Ende einer über die volle Distanz völlig einseitigen Partie stand ein 3:6, 3:6 aus Sicht der Deutschen. Für ihre Gegnerin war es der erste Matchgewinn bei einem Grand-Slam-Turnier im Erwachsenenbereich.

"Ich bin ein wenig schockiert", zeigte sich Barbara Rittner fassungslos. Rittner ist Frauentennis-Chefin beim Deutschen Tennisbund und Expertin für Eurosport. Betroffen machte die einstige Weltklassespielerin vor allem, dass die routinierte Kerber gegen ihre 19-jährige Gegnerin überhaupt keine Mittel fand. Kerber habe "konzeptlos" gewirkt, "sie hat überhaupt kein Konzept, wie sie zum Punktgewinn kommen soll". Über Paris war in der Corona-Pandemie vor Kurzem "verstärkte Alarmstufe" verhängt worden, Angelique Kerber schaffte es am nasskalten späten Montagabend nicht einmal in den persönlichen Wettkampfmodus.

Verheerende Körpersprache

"Ich konnte nie meinen Rhythmus finden, konnte mich nicht gut bewegen. Kaja hat gerade am Anfang sehr gut gespielt", klagte Kerber. Nach einer Dreiviertelstunde war das Match entschieden, Juvan führte da schon 6:3, 3:0 und Kerber war längst geschlagen. Juvan, eine erfolgreiche Juniorin, auf der Profitour bisher aber mit übersichtlichem Erfolg unterwegs, diktierte von Beginn an das Tempo, war die variablere Spielerin und kam sowohl mit klug eingestreuten Stopps als auch mit krachenden Grundschlägen zu Punkten - ohne dabei Wunderdinge zu vollbringen.

Kerber, die dreifache Grand-Slam-Gewinnerin schaute den Bällen Juvans bisweilen beinahe abwesend wirkend hinterher. Als könnte sie nicht fassen, was gerade passiert. Ihre Körpersprache auf dem Platz war verheerend: Kein Aufbäumen, kein "Komm jetzt", kein sichtbarer Versuch, das drohende Unheil doch noch abzuwenden, stattdessen hängende Schultern und ein fast stoischer Gesichtsausdruck. Dabei hat Kerber oft genug bewiesen, dass sie einen schwachen Start in große Turniere kompensieren und sich in Matches zurückarbeiten kann. In Paris, in der Roten Zone, schaffte sie es nicht mehr in den Grünen Bereich. Es fehlten die Mittel und die Ideen. "Es gibt solche Tage, es ist nicht so gelaufen, wie ich es mir vorgestellt habe", gestand Kerber, die nun in Paris in den letzten fünf Jahren viermal in der ersten Runde gescheitert ist.

"Ich könnte jetzt nach Entschuldigungen suchen, aber so bin ich nicht", zeigte sich Kerber völlig ratlos. "Natürlich war es auch nicht leicht, sich zehnmal warmzumachen. Aber das Problem hatten wir ja beide." Dem kurzen Match auf Platz 14 war eine epische Schlacht vorausgegangen, die beide Spielerinnen zur stundenlangen Warterei verdammte. Über sechs Stunden bearbeiteten sich der Italiener Lorenzo Giustino und der Franzose Corentin Moutet, ehe Giustino das zweitlängste Match der French-Open-Geschichte mit 18:16 im fünften Satz nach Hause brachte. Aber wie Kerber sagte: Die nervenzehrende Wartezeit betraf beide - und wenn hätte das Problem doch eher für die deutlich Erfahrenere beherrschbar sein sollen. Am eigenen Körper war Kerber jedenfalls nicht gescheitert. "Mir geht es gut. Ob Verletzungen oder das Wetter, das nehme ich nie als Ausrede. Im Training lief es sehr gut, aber letztlich war wohl die Zeit auf Sand nach New York für mich zu kurz."

Beziehungsstatus: "Vielversprechend"

Kerber hatte erst vor Turnierstart ihren Beziehungsstatus zum Sand noch von "es ist kompliziert" in "vielversprechend" geändert. "Natürlich ist Sand für mich persönlich ein schwieriger Belag", hatte die Kielerin bei Eurosport gesagt. Sie habe aber in Paris schon zweimal das Viertelfinale erreicht und in Stuttgart sogar zwei Turniersiege geschafft, betonte Kerber: "Ich weiß, dass ich auf Sand noch mehr aus mir herausholen muss. Das werde ich so gut es geht dieses Jahr versuchen." Nun sind ihre vorsichtigen Hoffnungen im durch die nasskalten Bedingungen noch schwereren, noch langsameren Pariser Sand versickert.

Wie es mit ihr nun weitergeht, wusste Kerber selbst noch nicht. Für die Ostrava Open vom 19. bis 25. Oktober hat die Kielerin gemeldet, im Dezember soll es dann noch ein Turnier in Limoges und eventuell eines in Linz geben. "Die Herren haben noch einige große Turniere, bei uns sieht es ganz anders aus. Ich nehme, was sie uns geben und das ist momentan nicht so viel", sagte Kerber über ihre weiteren Pläne. Vielleicht kommt sie aber auch zu dem Entschluss, dass ihr das Tennis so, wie es wegen der Corona-Krise im Moment ist, keinen Spaß macht. "Ganz ehrlich, ich weiß noch nicht, wie es für mich weitergeht", sagte die 32-Jährige, bevor sie sich viel zu schnell aus dem letzten Grand-Slam-Turnier des Jahres verabschiedete. Sie meinte die kurzfristige Turnierplanung. Ein Gedanke, den sie aber den ganzen Wettkampftag mit sich rumgetragen haben muss.

Quelle: ntv.de

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