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Dänische Handball-MaschineLieber auf die Fresse als Pause

01.02.2026, 14:03 Uhr
imageVon Till Erdenberger, Herning
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Manchmal ist es hart, Mathias Gidsel zu sein. (Foto: picture alliance / Maximilian Koch)

Wenn Deutschland am Abend gegen Dänemark um EM-Gold spielt, hängt der Ausgang des Spiels maßgeblich von Mathias Gidsel ab. Der Superstar kennt keine Schonung.

Mathias Gidsel ist eine Maschine. Aber eine freundliche Maschine. Nach den ständigen Siegen der dänischen Übermannschaft plaudert der beste Handballer der Welt so lange mit den Journalisten, bis er vom Pressesprecher des Serien-Weltmeisters weggezogen wird. Gidsel spricht mit einem spitzbübischen Lächeln, er lacht viel und ist überhaupt in der Regel blendend gelaunt. Auch wenn nicht zu übersehen ist, dass er schwer gezeichnet aus einem Spiel herauskommt. Striemen im Gesicht, am Hals, oft hat er einen Eisbeutel am Knöchel oder sonst wo. Aber auf Schonung hat der Welthandballer überhaupt keinen Bock. Im Gegenteil: Er will keine Minute des Kampfes verpassen, schon gar nicht am Abend im Finale gegen Deutschland (18 Uhr/ZDF und im Liveticker auf ntv.de).

Rund 440 Minuten stand Gidsel bei diesem Turnier in acht Spielen auf der Platte, mehr als jeder andere Spieler - inklusive aller Torhüter. Er schnauft im Schnitt also nur fünf Minuten durch in jeder Partie. Dabei kassiert der Rückraumspieler, der den Handball durch seine rasante, raffinierte Spielweise auf ein neues Level gehoben hat, regelmäßig Prügel. "Ich werde nicht schöner von Spiel zu Spiel", sagte er Sport1 mit Blick auf seine zahlreichen Blessuren nach zwei Wochen EM-Kampf. "Du merkst deinen Körper jetzt, aber du vergisst es, wenn du in die Halle gehst. Klar, der Körper merkt das, aber ein Spiel schaffe ich noch."

Gidsel passt nicht in diese Welt

Immer wieder fliegt Gidsel in die massiven Abwehrreihen, auf Hüfthöhe, auf Schulterhöhe, immer mit Arm und Kopf voran. In der Regel stößt er in eine Lücke, die vorher noch gar nicht zu sehen war, oft tut es auch einen Schlag. So wie bei der schockierenden Niederlage der Dänen gegen Portugal in der Vorrunde, als Portugals Abwehrkante Viktor Iturriza seine Hände so vehement in Gidsels Gesicht rammte, dass er nachträglich dafür aus dem Verkehr gezogen wurde. Gidsel schüttelte sich und machte nach kurzer Behandlung weiter.

Eine große Sache wollte er danach nicht daraus machen: "Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ob ich mir wünsche, dass die Schiedsrichter mich mehr schützen? Das weiß ich eigentlich nicht. Ich finde, dass die Portugiesen clevere Verteidiger sind und hart spielen", sagte der Rückraumstar des Serien-Weltmeisters anerkennend - und fuhr fort: "Manchmal kann man vielleicht darüber diskutieren, ob es zu hart ist. Aber sie finden wahrscheinlich auch, dass wir manchmal etwas hart rangehen. So ist Handball eben." "Handballspiel" heißt auf Dänisch "håndboldkamp" und das fühlt sich mit Blick auf den Umgang mit Gidsel passend an.

"Unfassbare" Belastung

Mathias Gidsel passt eigentlich nicht in eine Welt, in der viel von Belastungssteuerung die Rede ist. Wo Trainer sich über jede Gelegenheit freuen, ihre Stars frühzeitig vom Feld nehmen zu können, und wo ein Scheitern nicht selten mit Verweis auf die überhohe Belastung der Schlüsselspieler erklärt wird. Auch Gidsel steckt die kaum menschlichen Herausforderungen für die Profis nicht ohne Weiteres weg, auch er nennt sie "unfassbar". Neun Spiele in rund zwei Wochen, schon wenige Tage nach dem Finale müssen die Stars bereits wieder in der Bundesliga ran. Aber Pause? Schonung? Auf gar keinen Fall.

Oft wurde Dänemarks Erfolgstrainer Nikolaj Jacobsen in den vergangenen Jahren kritisiert, dass er seinem Topstar zu wenige Pausen gönnen würde. Der Ex-Profi reagierte ärgerlich: Gidsel wolle am liebsten immer spielen. Wenn er vom Platz müsse, werde sein bester Spieler stets sehr sauer. Jede Minute Schonung muss hart verhandelt werden. Inzwischen scheint Jacobsen aufgegeben zu haben, Gidsel spielt immer. Auch, weil Topfavorit Dänemark bei diesem Turnier ungewohnt viele enge Spiele bestreiten muss.

Alle Welt weiß: Wer gegen Dänemark etwas ausrichten will, muss Super-Gidsel bearbeiten. Mit allem, was erlaubt ist, und mit vielem darüber hinaus. Stoppen kann man ihn nicht. Mit 61 Treffern nach acht Spielen wird Gidsel gegen Deutschland den EM-Rekord des Norwegers Sander Sagosen (65 Tore) brechen, dagegen kann man kaum etwas tun. "Egal, wer gegen ihn verteidigen wird: Mathias findet immer seine Wege zu Toren und Assists", sagte Dänemarks Handball-Legende Hans Lindberg zu ntv.de.

"Die Besten müssen das entscheiden"

Der Körper ist müde, aber wenn es hart auf hart kommt, lädt sich Gidsel das Spiel persönlich auf die Schultern, so war es auch im Vorrundenduell der beiden Teams. Bis zur 40. Minute war Deutschland in Schlagdistanz (15:17), dann drehte Gidsel auf. Er hat überhaupt keine Lust auf Understatement: "Die Start-Sieben, die besten Spieler, müssen das morgen entscheiden. So ist das bei einem Finale", sagte der 26-Jährige.

Darauf, dass der Super-Däne, der in Kürze wohl zum dritten Mal in Serie zum Welthandballer gekürt wird, am Abend abbaut, müssen die Deutschen nicht hoffen: "Ich habe von einigen unserer deutschen Kollegen gehört, dass sie etwas überrascht waren, dass wir 60 Minuten lang in den Zweikämpfen Druck machen konnten. Das ist wohl der große Unterschied zwischen uns und den anderen", sagte Gidsel nach dem hart erkämpften Halbfinalerfolg über Island (31:28), den er mit sieben Treffern aus sieben Versuchen maßgeblich mitherausschoss. "Wir halten den Druck in den Zweikämpfen und in der Gegenphase konstant aufrecht. Und ich bin mir sicher, dass wir das auch im neunten Spiel schaffen werden."

Vor der deutschen Mannschaft hat Gidsel, der in der vergangenen Saison die Füchse Berlin zur ersten deutschen Meisterschaft ihrer Geschichte geschossen hat, großen Respekt: "Sie spielen ihre Chancen total herunter. Ich finde, es ist an der Zeit, dass sie sich damit abfinden, dass sie zur absoluten Spitze gehören. Zusammen mit Dänemark und Frankreich", sagte der Topstar vor dem großen Spiel. "Wir haben einen riesigen Respekt." Das Endspiel werde für sein Team eine "unfassbar schwere Aufgabe. Aber das ist vielleicht auch okay in einem EM-Finale, dass es ein bisschen schwierig ist." Mathias Gidsel hat Bock auf einen weiteren schmerzhaft-schönen håndboldkamp.

Quelle: ntv.de

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