Sport

Deutschland ist dranDas letzte Kapitel einer grausamen Handball-Geschichte

31.01.2026, 20:32 Uhr
imageVon Till Erdenberger, Herning
Video poster

Die deutsche Handball-Nationalmannschaft kämpft gegen Dänemark um EM-Gold. Es ist das nächste Kapitel einer grausamen Geschichte - oder das letzte.

Eigentlich hätte man die jüngsten Spiele der deutschen Handball-Nationalmannschaft gegen Dänemark vor der laufenden Europameisterschaft tief in die Nacht verbannen müssen - oder sie gleich mit einem "Ab 18"-Stempel versehen müssen: Zu grausam ist das, was dort zu sehen war. Das desaströse 26:39 im Finale der Olympischen Spiele 2024 riss schmerzhafte Wunden, die auch die sensationelle Silbermedaille beim DHB-Team nicht so schnell vernarben ließ.

Zuvor wähnte sich die deutsche Mannschaft, angetrieben von 20.000 Fans in der heimischen Köln-Arena, ganz nahe am EM-Finale, doch nach einem Zwischensprint zerstörten die Dänen die deutschen Träume - 27:25. Hinterher lieferte der tief enttäuschte Topstar Juri Knorr eine unvergessene Selbstvernichtung. Bei der dänischen Heim-WM 2025 in der Jyske Bank Boxen, prügelte der spätere Weltmeister die deutsche Mannschaft so gnadenlos durch die "Hölle von Herning", dass das 40:30 kaum korrekt Auskunft über die wahren Kräfteverhältnisse an diesem Abend gab. Es war die siebte Pflichtspielniederlage gegen die Dänen in Folge, die achte folgte in diesen Tagen. Nun treffen beide Teams im EM-Finale wieder aufeinander (Sonntag, 18 Uhr/ZDF und im Liveticker auf ntv.de). Eine grausame Handball-Geschichte soll dann ein schmerzhaftes Ende finden - für die Dänen.

"Da können wir angreifen"

Letztmals gewinnen konnte die deutsche Mannschaft gegen Dänemark vor beinahe genau zehn Jahren - beim 25:23 im Hauptrundenspiel bei der EM in Polen. Wenige Tage später war Deutschland sensationell Europameister. Während die Dänen sich danach auf ihren eigenen Planeten aufmachten, verabschiedete sich Deutschland Wurf für Wurf aus der Weltspitze. Immer gab es Dresche gegen Dänemark, mal heftiger, mal weniger heftig. Lange Gesichter gab es immer. Nun trifft man sich wieder.

Es gibt tatsächlich Indizien dafür, dass sich das Buch der deutschen Handball-Verzweiflung aber endlich schließen könnte: Da sind die Dänen, die ausgerechnet bei ihrer Heim-EM den versammelten traurigen Rest der Handball-Welt einfach überrollen, wie sie es zuvor so oft getan haben. Die Vorrundenniederlage gegen Portugal (29:31) hat den Serien-Weltmeister mächtig durchgeschüttelt, im Halbfinale gegen Island (31:28) wurde das Starensemble schmerzhaft an seine Grenzen getrieben.

"Wir wollen gucken, ob wir es schaffen, dass sie mal Druck spüren in ihrem Leben. Hier zu Hause, wenn alle erwarten, dass sie gewinnen, und dieses Final-Wochenende gefühlt schon vor der Auslosung ausverkauft war. Vielleicht sind sie dieses Jahr auch nicht ganz so geflogen von Anfang an – da können wir angreifen", sagte Linksaußen Rune Dahmke bei einem Medientermin.

Dass die Jyske Bank Boxen, diese mächtig pumpende Herzkammer des dänischen Handballs, auch zur Belastung für die Dänen werden kann, hat sich in diesen Tagen schon mehrfach gezeigt: Läuft es nicht beim Weltmeister, schleichen sich Zweifel und Verunsicherung auf die Ränge. Und zurück.

"Direkt noch mal draufschlagen"

Und da ist da noch der "EM-Fluch", der das Team nervt. Letztmals holte man 2012 den Titel, in der Zeit seitdem wurden sie viermal Weltmeister - aber mit dem EM-Titel wollte es nie klappen. "Das ist ein großes Thema für uns. Wir wollen endlich dieses Turnier gewinnen", hatte Kapitän Magnus Saugstrup erklärt.

Im deutschen Lager kennen sie die besondere Pein der Dänen natürlich - und wollen den Gastgebern diesmal nach all den schmerzhaften Pleiten endlich auch ein bisschen Gewalt antun. Im übertragenen Sinne natürlich: "Olympiasieger, Weltmeister, aber bei Europameisterschaften haben sie sich in den vergangenen Jahren nicht mit Ruhm bekleckert. Von daher wollen wir da natürlich direkt noch mal draufschlagen", sagte 2016-Europameister Jannik Kohlbacher..

Vor allem ist da aber die deutsche Mannschaft, die im Laufe des Turniers eine phänomenale Entwicklung genommen hat. Von der drohenden Katastrophe nahe am Vorrunden-Aus bis ins Finale gelang ihr die Metamorphose vom nominellen Mitfavoriten mit unregelmäßigen Performanceproblemen hin zum ultraresilienten Spitzenteam.

Wann immer es in den entscheidenden Phasen eng wurde - gegen Frankreich, gegen Norwegen, gegen Spanien, gegen Portugal - fand sich immer jemand, der das Spiel in die richtige Richtung lenkte. Gegen Kroatien zeigte das DHB-Team endgültig, dass es im Verbund die großen Erwartungen auch unter größtem Druck erfüllen kann.

"Wird ein großer Kampf"

Die starke Leistung der Deutschen im Hauptrundenduell (26:31), als man wenigstens 40 Minuten in Schlagdistanz war, hat auch bei den Dänen Eindruck hinterlassen: "Das Hauptrundenspiel gegen Deutschland war unglaublich hart und wurde erst ganz am Ende etwas deutlicher", sagte Dänemarks Regisseur Rasmus Lauge nach dem Finaleinzug. "Am Sonntag wird es ein großer Kampf werden. Wer am meisten Energie übrig hat, wird das Spiel gewinnen."

Die deutsche Mannschaft hat nach der bislang letzten Niederlage gegen den Gastgeber einen gewaltigen Schritt nach vorne gemacht, die Siege gegen Europameister Frankreich und im Halbfinale gegen Kroatien ließen das Team wachsen. Und nur die deutsche Bank kann auf dieser Welt qualitativ mit der dänischen mithalten. Legen die deutschen Torhüter eine große Show auf, tut das auch den dänischen Ausnahmespielern Mathias Gidsel und Simon Pytlick weh.

Von den beiden Rückraumkünstlern hängt bei diesem Turnier noch mehr ab als zuletzt, während die deutsche Mannschaft die Last zuletzt auf viele Schultern verteilte - und Bundestrainer Gislason ein starkes Spielmanagement zeigte. Das beste Beispiel für die deutsche Medaillenbank: Das Wechselspiel zwischen den beiden Klassekreisläufern Johannes Golla und Justus Fischer, mit dem sich die deutsche Mannschaft einen Energieboost für die Crunchtime sichert.

Und schließlich ist das deutsche Torhüter-Duo Andreas Wolff/David Späth das einzige im Turnier, das dem dänischen Weltklasse-Gespann Emil Nielsen/Kevin Möller wohl sogar überlegen ist. "Er ist der weltbeste Torhüter! So wie er Spiele entscheiden kann, kann das keiner! Was er gegen Norwegen gehalten hat, habe ich in 60 Jahren Handball noch nicht gesehen", sagte Weltmeister Brand über Andreas Wolff. Gegen Norwegen hatte der Europameister von 2016 mit 22 Paraden die Handball-Welt geschockt.

"Perfektes Spiel"

"Es ist die talentierteste deutsche Mannschaft seit 50 Jahren – vergleichbar mit unserer Weltmeistermannschaft von 1978. Sie hat ein Riesenpotential und die Konstellation ist ideal. Wir haben einen festen Block mit Torhüter Wolff, Kapitän Golla und Spielerpersönlichkeit Köster", sagte Brand, der Deutschland 2007 sensationell zum WM-Titel im eigenen Land geführt hatte. "Dazu die große Anzahl von Talenten mit riesengroßem Entwicklungspotential. Für mich war der Finaleinzug erwartbar. Alles andere als eine Medaille wäre eine Enttäuschung gewesen."

Der Respekt bei den Dänen ist groß, sie haben das Hauptrundenduell noch sehr präsent - und ihre Sinne sind geschärft: "Es ist keine Überraschung, dass sie bei den letzten Meisterschaften Medaillen gewonnen haben. Sie sind eine sehr gefährliche Mannschaft", sagte Kapitän Magnus Saugstrup. "Wir hatten Mühe, sie in der Hauptrunde zu schlagen. Aber wir sind gewarnt, dass wir ein perfektes Spiel zeigen müssen, um die Meisterschaft zu gewinnen."

Um Dänemark im Endspiel zu schlagen, brauche auch sein Team ein "perfektes Spiel", sagte Bundestrainer Alfred Gislason. Das perfekte Spiel hat die deutsche Mannschaft trotz all der Siege über die Großmächte in der Hauptrunden-"Todesgruppe" noch nicht geliefert. Es ist ihr zuzutrauen, dass ihr das nun gelingt. Und dann wollen wir doch mal sehen, was Dänemark und die "Hölle von Herning" dagegensetzen können.

Quelle: ntv.de

Handball-NationalmannschaftHandball-EMHandball