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Fassungsloser Zverev in RageWar er wirklich verletzt? Großer Wirbel um Tennisstar Carlos Alcaraz

30.01.2026, 12:10 Uhr
imageVon Tobias Nordmann
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Carlos Alcaraz übersteht eine schwere körperliche Krise im Halbfinale gegen Alexander Zverev. Der Spanier kämpft sich in ein episches Match zurück, in dem er zwischenzeitlich kaum noch laufen kann. Doch geht dabei alles mit rechten Dingen zu?

Zum Ende des dritten Satzes, fast drei Stunden waren da schon gespielt, wurde es im ersten Halbfinale der Australian Open völlig absurd. Carlos Alcaraz, der spanische Büffel, konnte plötzlich kaum noch laufen. Er spielte Tennis aus dem Stand. Gegen Alexander Zverev, die Nummer drei der Welt. Wann hatte man so etwas schon mal gesehen? Alcaraz schien nicht mehr in der Lage zu sein, noch Bälle zu erlaufen. Er ging bei jedem Schlag All-in. Winner oder Fehler. Der Plan ging nicht auf. Zverev schnappte sich den dritten Durchgang (7:6) und war zurück im Spiel. Die ersten beiden Sätze hatte er verloren (4:6, 6:7).

Aber was genau war mit Alcaraz passiert? Wenige Minuten bevor er kaum mehr laufen konnte, hatte Zverev seine Box noch gefragt, ob dieses spanische Biest niemals müde würde? Jedem Ball war er hinterhergehetzt und hatte den Deutschen zermürbt. Plötzlich war alles anders. Waren es Krämpfe, die den offiziell besten Spieler der Welt nun plagten? Oder war es ein Stich, ein Ziehen im Oberschenkel, den er gespürt haben wollte? Der Spanier nahm ein Medical Timeout, das darf er, wenn er verletzt ist, wenn es sich um etwas strukturelles handelt. Nicht aber, wenn er Krämpfe hat. Zverev fühlte sich mächtig verschaukelt, redete wütend aufden Oberschiedsrichter ein. "Das ist Schwachsinn, er hat Krämpfe, der kann doch kein Medical nehmen. Das ist doch ein absoluter Scheiß", fluchte er. "Was soll das denn sonst sein?" Für den Deutschen war klar, was los war. Er redete sich weiter in Rage: "Das kann nicht euer ernst sein." Und weiter: "Ihr protectet die beiden. Das kann nicht euer Ernst sein." Damit spielte er wohl auf Alcaraz und Jannik Sinner an, die seinem Empfinden nach von den Veranstaltern besonderes behandelt werden.

Der Spanier ließ sich behandeln, trank dabei offenbar reichlich nicht sonderlich appetitlichen Gurken-Sud. Was genau den Spanier geplagt hatte, wurde bislang nicht aufgeklärt. Und wird es vielleicht final nie werden. "Zverev hat sich zurecht aufgeregt", befand Eurosport-Experte Boris Becker. Er sah in dem Timeout einen Wendepunkt. "Alcaraz ist ein cleverer Junge", sagte Becker. "Hätte er da weiterspielen müssen, hätte er es vielleicht nicht geschafft und der Sieger hätte Alexander Zverev geheißen." Die deutsche Tennis-Legende machte dem Schiedsrichter aber keinen Vorwurf. Es sei sehr schwer einzuschätzen gewesen. Der Alcaraz dann behandelnde Physiotherapeut hatte aber angedeutet, dass es sich nicht um Krämpfe handelte.

Auf der Pressekonferenz nach dem Match sagte Zverev, er wolle nicht zu viel über die Situation sprechen. "Denn ich denke, dass dies einer der besten Kämpfe war, die es jemals in Australien gegeben hat", sagte er: "Es sollte jetzt nicht zum Thema werden."

Wie eine Giftschlange auf Beutejagd

Der Gurken-Sud, das ist medizinisch belegt, lockert Krämpfe. Dafür braucht's ein bisschen Zeit. Alcaraz nutzte das voll für sich aus. Beim Aufschlag reizte er das Zeitlimit aus, in dem Vertrauen darauf, dass seine Fitness zurückkehren werde. Er hatte ja noch einen Satz Vorsprung, also Zeit genug, um wieder zu Kräften zu kommen. Und er kam zu Kräften. Mitte des vierten Satzes lief er wieder runder. Im fünften schien er wieder der Alte zu sein. Aber der wieder einmal stark spielende Zverev, der nach den körperlichen Problemen von Alcaraz kurz den Fokus verloren hatte, war mittlerweile wieder voll drin, hatte nach Sätzen ausgeglichen (6:7) und lag im entscheidenden Durchgang schnell mit Break vorne. Alles sprach für den Deutschen. Für das Fortleben seines Traums.

Doch Alcaraz ist Alcaraz. Ein Biest. Er beißt zu, wenn der Kampf längst verloren scheint. Geduldig wartete er auf seine Chance, verlor nicht die Ruhe. Nur ganz selten wirkte er gestresst, verzweifelt. Wie eine Schlange lauerte er auf seine große Chance, biss dann gnadenlos zu. Passend dazu spielte er in giftgrün. Nach 73 Minuten im finalen Satz ging er erstmals in Führung, 6:5 stand es da. Die Fans eskalierten komplett, sangen völlig enthemmt "Hey Baby". Alcaraz pushte sich und das Publikum hoch, das hatte er zuvor immer wieder gemacht. Er brauchte diese Energie, die ihn mehrfach verlassen hatte. Schon vor seinen Oberschenkelproblemen hatte er sich beim Stand von 3:3 im dritten Satz übergeben. Er erbrach sich abseits der Kameras in sein Handtuch.

Alcaraz wirkte da phasenweise verunsichert, in manchen Momenten aufgebracht. Aber aus seiner Box bekam er wieder Vertrauen zugesprochen. Dort sitzt mittlerweile Samuel Lopez, der zuvor bereits als zweiter Trainer im Team tätig war. Der Trainerwechsel hatte vor dem Turnier Fragen aufgeworfen. Ob Alcaraz die nicht gerade geräuschlose Trennung von Trainer Juan Carlos Ferrero tatsächlich so gut verkraftet habe. Er sei "wirklich dankbar", sagte Alcaraz, der sich im Dezember überraschend von seinem langjährigen Erfolgscoach getrennt hatte, in Melbourne. Aber: Dieses Kapitel in seinem Leben sei nun eben beendet. Mehr wollte er nicht sagen. Viele Experten aber äußerten ihre Sorge, dass Alcaraz im Laufe des Turniers Probleme bekommen könnte aufgrund der einschneidenden Veränderung. Die Antwort ist längst gegeben. Lopez und Alcaraz funktionieren blendend.

So schwer war's für Alcaraz noch nie

"Es war das körperlich schwerste Spiel meiner Karriere. Ich musste mein Herz in jeden Ball reinlegen. Ich bin sehr stolz auf mich, darauf, wie ich gekämpft habe und wie ich im fünften Satz zurückgekommen bin. Entscheidend war, dass ich immer daran geglaubt habe", sagte der Spanier, der tatsächlich erstmals bei den Australian Open im Finale steht. Der Weltranglisten-Erste ging plötzlich wieder jedem Ball nach, hatte wieder volles Vertrauen in seine Ausfallschritte. Zverev dagegen baute im längsten Spiel seiner Kariere, fast fünfeinhalb Stunden, immer mehr ab. Der Blick wurde leer, der Ballwurf beim Aufschlag immer unsicherer. Bis zum 5:4 verteidigte er das Break mit einem unglaublichen Willen, mit einer unbändigen Leidenschaft. Er verteidigte seinen Traum, ehe er zerbrach.

Mit der letzten Chance, Zverev das Match noch zu entreißen, war der Spanier voll da. Mit einer kurzen Rallye nutzt Alcaraz die Chance zum 5:5, eine Rückhand des Deutschen flog ins Aus. Zverev knickte zusammen, Alcaraz sammelte alle Kräfte und bündelte sich zu einer gigantischen Energie. Beim Matchball ging Zverev mutig vor ans Netz, doch gegen den schnellen Passierschlag seines Gegners fand er keine Antwort mehr und sein Volley landete gezwungenermaßen im Netz - nach 5:27 Stunden.

"Ein bitteres Ende für mich, aber ehrlich gesagt hatte ich absolut nichts mehr im Tank", sagte Zverev kurz darauf: "So ist das Leben. Ich bin deutlich zu müde, um emotional zu sein. Wir sind beide an unser absolutes Limit gegangen." Alcaraz fiel nach dem Matchball direkt zu Boden, Zverev wankte auf die andere Seite, drückte den Spanier an sich. Was für große, faire, emotionale Szenen. Was für ein würdiges Ende eines epischen Fights.

Quelle: ntv.de

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