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NFL-Playoff-Sensation Tennessee Mit der Dampfwalze in den Super Bowl?

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Güterzug, Planierraupe, Dampfwalze: Derrick Henry hält so schnell niemand auf.

(Foto: imago images/UPI Photo)

Die Tennessee Titans sind die große Überraschung der Playoffs in der National Football League. Der Außenseiter hat mit New England und Baltimore bereits zwei schwere Auswärtshürden übersprungen. Grund für den Erfolg sind der Trainer und ein "Güterzug".

In Nashville ist die Football-Saison normalerweise um diese Jahreszeit schon vorbei. In der National Football League wird zwar noch gespielt, aber die Profis und Trainer der Tennessee Titans befinden sich bereits immer im Urlaub und die Sportfans der Stadt fokussieren sich auf die Auftritte der Nashville Predators in der Eishockey-Liga NHL oder die Basketball-Partien der berühmten Vanderbilt-Universität.

Und Mitte Oktober deutete nichts darauf hin, dass es im Januar 2020 anders sein würde. Die Titans hatten nach sechs von 16 Hauptrundenspielen eine Bilanz von zwei Siegen und vier Niederlagen. "Ich war ein schlechter Trainer und wir waren ein schlechtes Team", meint Mike Vrabel selbstkritisch. Er hat seit zwei Jahren das Sagen bei den Titans - und er bringt aus seiner Zeit als Spieler jene Siegermentalität mit, die dem Klub bislang gefehlt hat. Als Aktiver gewann der ehemalige Linebacker zwischen 2002 und 2005 mit den New England Patriots dreimal den Super Bowl. Vrabel war eine der tragenden Säulen, durch die der Verein aus dem Großraum Boston zu einer Dynastie wurde.

"An uns glauben und einander vertrauen"

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Titans-Coach Mike Vrabel hat sein Team zu einem Finalanwärter geformt.

(Foto: imago images/UPI Photo)

Seine Titans spielen mittlerweile so, wie ihr Coach rüberkommt: unnachgiebig, hart und durch die Erfolge der vergangenen Wochen sehr selbstbewusst. "Wir haben trotz des schlechtes Starts versucht, an uns zu glauben, uns zu verbessern, einander zu vertrauen. Und das hat uns hierher gebracht", sagt der 44-jährige Trainer vor dem Halbfinale bei den Kansas City Chiefs (Sonntag, 19. Januar, 21.05 Uhr/ran.de und Dazn).

Die Titanen aus der Countrymusik-Metropole sind in der American Football Conference AFC als sechstes und letztes Team in die K.-o.-Runde gekommen. Und wer an Nummer sechs der Setzliste steht, hat den längsten Weg zum Super Bowl vor sich, muss in den Playoffs immer auswärts antreten, gilt stets als Außenseiter und hat kaum eine Chance, das Finale zu gewinnen. Seitdem die NFL 1990 die Playoff-Plätze in ihren beiden Conferences AFC und NFC auf sechs erhöhte, haben dies nur die Pittsburgh Steelers (2006) und die Green Bay Packers (2011) geschafft.

Lieblingsrolle Außenseiter

Aber die Titans spielen diese Außenseiter-Rolle gerne. Denn in den vergangenen beiden Wochen waren sie bei Meister New England (20:13-Sieg) sowie dem besten Vorrundenteam, Baltimore Ravens (28:12), auch schon die Underdogs gewesen - und stehen nun trotzdem erstmals seit genau 17 Jahren wieder im AFC Championship-Match. Ein Sieg fehlt noch zum Super Bowl am 2. Februar in Miami.

Vrabel ist ein Grund dafür, dass die NFL-Saison in Nashville diesmal noch andauert. Und dann gibt es da noch Derrick Henry - der überragende Mann der bisherigen Playoffs. ESPN bezeichnet den Runningback als "derzeit unaufhaltbarste körperliche Kraft im Football". Andere nennen den 1,91 Meter großen und 112 Kilogramm schweren Profi "Güterzug" (NFL.com) oder "menschliche Planierraupe" (The Tennessean).

Henry stellt Quarterback in den Schatten

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Die Siege bei den Patriots und Ravens waren die große Derrick-Henry-Show.

(Foto: imago images/UPI Photo)

Bei den Patriots und den Ravens hatte sich der 26-Jährige bereits in die NFL-Geschichtsbücher gelaufen, als ihm in beiden Playoff-Spielen ein ligaweit bislang noch nie erreichter Durchschnittswert von 188 Yards Raumgewinn gelang. Zum Vergleich: Quarterback Ryan Tannehill verzeichnete in beiden Partien zusammengerechnet mit seinen Pässen einen Raumgewinn von 160 Yards - und das in einer Liga, in der der Football mittlerweile viel mehr geworfen als getragen wird und die Quarterbacks deshalb die Hauptattraktionen sind. Doch in Nashville steht Spielmacher Tannehill klar im Schatten von Henry.

Natürlich ist Football ein Mannschaftsspiel - und Henry wäre ohne die fünf Kraftklötze der Offensive Line, die ihm die Lücken freisperren, durch die er dann hindurchschlüpft, nur halb so wertvoll. Dennoch sagt es viel aus, dass vor allem über ihn gesprochen wird, wenn von den Titans die Rede ist. "Alles dreht sich in der Offensive um Henry - und glaubt ja nicht, dass sich das im AFC Championship Game ändern wird", schreibt die "Sports Illustrated". Derrick Henry zu stoppen, heißt es weiter, sei "der Schlüssel, um Tennessees Strategie durcheinanderzubringen."

"Beine wegnehmen, dann steht die Maschine still"

Das wissen selbstverständlich auch die Chiefs. Wie Henry aufgehalten werden könne? "Ihm die Beine wegnehmen, dann steht die Maschine still", sagt Chiefs-Linebacker Anthony Hitchens. Soll heißen, Henry muss nicht am Oberkörper gepackt werden, weil er sich dann trotzdem noch vorwärts bewegen und wichtige Meter rausholen kann, sondern tiefer. "Jedem ist klar, wie sie spielen", meint Chiefs-Defensive End Frank Clark. Stimmt. Stoppen konnte die Titans bislang trotzdem niemand. "Je öfter ich den Ball bekomme, desto besser wird mein Rhythmus. Und je länger das Spiel dauert, desto besser werde ich", betont Henry. Doch er kann den Ball nicht nur nach vorne laufen, sondern auch passen. Beim Sieg in Baltimore am vergangenen Wochenende bediente er mit einem Sprungwurf Teamkollege Corey Davis in der Endzone zum Touchdown.

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Eigentlich ist es Henrys Aufgabe, selbst mit dem Ball zu laufen - doch beim Sieg Baltimore glänzte er auch als Passgeber.

(Foto: imago images/UPI Photo)

Vor allem dank Henry scheint der Super Bowl-Traum in Nashville realistisch. Bislang standen die Titans nur einmal im Finale und verloren am 30. Januar 2000 gegen die St. Louis Rams mit 16:23. Zum zweiten Einzug ins Endspiel fehlt noch ein Sieg in Kansas City. Nashvilles älteste Zeitung, "The Tennessean", fragt: "Können die Titans einen weiteren Elite-Quarterback demontieren?" Gemeint ist Patrick Mahomes, der wertvollste Spieler (MVP) der vergangenen Saison. Tennessees Defensive Coordinator Dean Pees bezeichnet Mahomes als "kompletten Quarterback". Soll heißen: gutes Auge, starker Arm, schnelle Beine. Mahomes kann exzellent werfen und laufen. Vor einer Woche lagen die Chiefs daheim gegen die Houston Texans 0:24 zurück - dann wurde Mahomes warm, warf fünf Touchdowns und Pässe für einen Raumgewinn von sagenhaften 321 Yards.

Doch warum sollten sich diese Titanen vor ihm fürchten? Sie haben ja bereits mit New Englands Spielmacher Tom Brady den Super Bowl-Rekordsieger (sechs Titel) und mit Baltimores Playmaker Lamar Jackson den designierten MVP dieser Saison vorzeitig in die Saisonpause geschickt. Und sie haben Derrick Henry - ihre personifizierte Dampfwalze.

Quelle: ntv.de