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Vom Löwen- zum Adler-Trikot Nmecha vollzieht seinen Fußball-Brexit

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Guardiola lobt seinen hungrigen Blick: Nachwuchsspieler Nmecha wird bald für Deutschland statt für England auf dem Feld stehen.

(Foto: imago images / DeFodi)

Er schoss England als U19-Nationalspieler zum EM-Titel und spielt seit 2015 für die Manchester-City-Jugend: Lukas Nmecha. Trotz der Verwurzelung in Großbritannien plant der Nachwuchsfußballer gerade seinen persönlichen Brexit - um das DFB-Trikot zu tragen.

In den Nachwuchsnationalteams Englands ist Lukas Nmecha einer der torgefährlichsten Spieler: In der Saison 2016/2017 traf er bei Einsätzen für die U18, U19 und U21 insgesamt 28 Mal - eine Wahnsinnsbilanz. Insgesamt bringt er es bei Länderspielen auf 31 Einsätze für England.  Auch Manchester-City-Trainer Josep Guardiola lobt seinen Nachwuchsspieler: "Lukas hat eine gute Perspektive. Er ist hungrig, hört dir mit offenen Augen zu."

Seit seinem neunten Lebensjahr kickt er für die Jugend von Manchester City, zweimal durfte er sogar schon in der Premier League für seinen Klub auflaufen und trainiert gelegentlich mit der A-Mannschaft des Vereins. Derzeit ist er an den britischen Zweitligaklub Preston North End ausgeliehen, bei dem er zum Stammspieler avanciert. Kurzum: Lukas Nmecha steckt mitten in einer furiosen Karriere im englischen Fußball.

Adé, Three Lions!

Aber damit ist jetzt Schluss. Denn U21-DFB-Trainer Stefan Kuntz hat die 20 Jahre alte englische Nachwuchshoffnung überzeugt, das prestigeträchtige Trikot der Three Lions an den Nagel zu hängen und seinen Weg von der Insel zur DFB-Auswahl zu nehmen. Der Eilantrag zum Verbandswechsel liegt der Fifa bereits vor, einzig die Bestätigung steht dem Einsatz des Jungspielers am Dienstagabend für die U21-DFB-Elf, ausgerechnet gegen sein Ex-Nationalteam England, entgegen.

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Lukas Nmecha spielt aktuell als Leihspieler bei Preston North End.

(Foto: imago images / ZUMA Press)

Doch wie kommt Nmecha überhaupt dazu, England den Rücken zu kehren? Wenn man Nmechas Ausführungen glauben darf, dann ist es die Verbindung zu seiner Geburtsstadt Hamburg: "Ich sehe Deutschland als meine Heimat an. Bis ich neun Jahre alt war, habe ich in Hamburg gelebt und habe auch heute noch einen großen Bezug zur Stadt und den Leuten", erklärt er. Nmechas Mutter stammt aus Deutschland, sein Vater aus Nigeria. Auch in dem afrikanischen Land hatte man sich Hoffnungen auf den offensiven Mittelfeldspieler gemacht.

Kuntz ist begeistert

Fest steht: Nmechas Entscheidung zum Nationenwechsel fiel kurz nach einem Besuch von U21-Trainer Stefan Kuntz in Manchester. Bereits seit 2004 ist es nach Fifa-Regularien für Spieler grundsätzlich möglich, den Verband zu wechseln. Allerdings dürfen die Abtrünnigen zuvor noch kein A-Länderspiel in einem offiziellen Wettbewerb absolviert haben. Von diesem Recht macht Nmecha nun Gebrauch.

Kuntz lobte Nmecha nach seinem Besuch überschwänglich. "Lukas ist ein extrem veranlagter Spieler, der seine komplette sportliche Ausbildung bei Manchester City genossen hat. Somit ist er vor allem ein spielerisch starker Stürmer, der bei seinem Leihverein Preston North End in der englischen Championship nun aber auch den einen oder anderen langen Ball mit dem Rücken zu zwei Türstehern verteidigen muss - das ist dann schon ein Unterschied", erklärte er im Interview mit ran.de.

Bruder-Duo im DFB-Trikot

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Mit seinem Weg von der Insel folgt Nmecha auch seinem jüngeren Bruder Felix, der bereits vor einem Jahr verkündete, lieber für die U18-DFB-Elf auflaufen zu wollen. Neben der biografischen Verbindung zu Deutschland könnten sich die beiden Brüder beim DFB auch höhere Chancen auf einen Startelfplatz und einen Aufstieg in die A-Nationalmannschaft ausrechnen - denn hier scheint die Nachwuchsqualität weniger gegeben, als im englischen Team: England ist mit der U19 amtierender Europa- sowie mit der U17 und U20 amtierender Weltmeister.

Kuntz verriet sport1.de, dass er die Nmecha-Brüder schon länger im Visier gehabt hätte: "Wir haben sie seit Längerem auf dem Zettel und wissen nicht genau, wie sich der Brexit auf ihr Arbeitsverhältnis auswirkt. Da haben wir einfach mal angeklopft und nachgefragt."

Auch vor der U21-Testspiel-Partie warnte DFB-Trainer Kuntz im Interview mit ran.de vor der Stärke der Engländer:  "Viele von den Jungs spielen beispielsweise bei uns in der Bundesliga oder aber in der englischen Premier League. Und dort bekommen sie in ihren Vereinen auch regelmäßige Einsatzzeiten. Das sagt schon alles".

Kein Einsatz gegen England

In Deutschland wartet man sehnsüchtig auf den ersten Start von Nmecha in der U21. Kuntz erklärte: "Wenn man ab dem neunten Lebensjahr bei Manchester City spielt und später bei der A-Mannschaft trainiert, dann ist man sicher ein spielerisch guter Stürmer". Und einen guten Stürmer, den kann Kuntz gut gebrauchen, nachdem Leroy Sané ins A-Team abgewandert ist.

An diesem Dienstagabend (20:45 Uhr im n-tv.de Liveticker) wird es für Nmecha jedoch weder auf der einen noch der anderen Seite zu einem Einsatz kommen. Da die Fifa seinen Einsatz für das DFB-Team noch nicht freigegeben hat, wird er auf der Bank sitzen müssen anstatt sein Debüt im Adler-Trikot zu geben. Ob dann das Herz seiner englischen oder deutschen Heimat lauter schlägt, das weiß nur Nmecha selbst. Er scheint sich jedoch in seiner neuen, alten Fußballnation wohl zu fühlen: "Die Aufregung wird von Tag zu Tag weniger. Die Jungs haben mich super aufgenommen", sagte er nach seinen ersten Tagen im DFB-Trikot. Auch an einer Sprachbarriere sollte sein Durchstarten nicht scheitern. Mit seiner Mutter rede er oft Deutsch, damit er die Sprache nicht verlerne.

Quelle: n-tv.de, jho/sid

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