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Im Halbfinale patzt die Abwehr Norwegen nutzt DHB-Schwächen eiskalt aus

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Der Traum vom Titel ist kurz vor dem Finale geplatzt.

(Foto: imago/wolf-sportfoto)

Im ersten K.o.-Spiel ihrer Heim-WM müssen sich Bundestrainer Christian Prokop und sein Team erstmals geschlagen geben. Während Halbfinal-Gegner Norwegen im Finale auf Co-Gastgeber Dänemark trifft, kämpft Deutschland gegen Frankreich um Bronze.

Die Flucht war keine Flucht. Dass die deutschen Handballer den Ort der Niederlage, der sie die Teilnahme am WM-Finale am Sonntag kostete, nur rund eine Stunde nach Spielschluss verließen, war von langer Hand geplant. Einen kompletten Tag zur Regeneration – ein Luxusgut bei einem Großturnier in dieser Sportart – sollten die Spieler haben, um so frisch, wie es nach neun Spielen auf allerhöchstem Niveau geht, in die große Schlussvorstellung zu gehen. Jetzt, nach der 25:31-Niederlage gegen die Norweger in der Vorschlussrunde in Hamburg, bleibt ihnen der große letzte Auftritt verwehrt. Den Applaus für eine sehr erfolgreiche Heim-WM werden sie nun im Vorprogramm im dänischen Herning ernten müssen. Als Warm-up für die Skandinavien-Festspiele, dem großen Finale zwischen Mit-Gastgeber Dänemark und Norwegen.

Der Co-Gastgeber des deutschen Verbandes hatte in einem einseitigen Halbfinale den Titelverteidiger und großen Mitfavoriten Frankreich zuvor mit 38:30 (21:15) aus dem Turnier gekegelt. Beide Teams waren aber lang schon auf den Weg nach Herning, als sich die deutsche Delegation am späten Freitagabend mit einer ersten Analyse des Geschehens befassen musste. "Einige Dinge – das muss man unserem Gegner heute lassen – hat er richtig gut gemacht” konstatierte nach Spielende Bundestrainer Christian Prokop, der zuvor hatte mitansehen müssen, wie sein Team zunächst die Kontrolle, später fast logisch auch das Spiel verlor. "Die Norweger haben über 60 Minuten kräftig an unseren Ketten gezerrt."

"Ganz Deutschland verzaubert"

Die Enttäuschung war riesig, auch wenn sich die Spieler Minuten nach dem Ende der Begegnung vom Hamburger Publikum feiern ließen. Mit 12.500 Besuchern war die Barclaycard Arena in Hamburg zwar restlos ausverkauft, unter den bisherigen WM-Spielen der deutschen Mannschaft bedeutete das allerdings nach den Standorten Berlin (13.500 Zuschauer) und Köln (19.250) Minuskulisse. Angefühlt hatte es sich in den ersten Minuten der Begegnung nicht so. Mit besten Wünschen von Bundeskanzlerin Merkel begleitet hatten ihre Ballwerfer ihr WM-Halbfinale überzeugend begonnen und rasch eine 3:1-Führung herausgeworfen.

Die deutsche Handball-Welt schien in Ordnung, zumal noch ein offener Brief des nicht berücksichtigten Rechtsaußen und Europameisters Tobias Reichmann, der nach seinem überstürzten Urlaubsantritt zu Turnierbeginn offensichtlich die Büßerkutte übergestreift hatte, die außergewöhnliche Turnierleistung seiner Kollegen herausgestrichen hatte. "Ihr habt ganz Deutschland verzaubert und verdient die höchste Anerkennung für eure Leistung", so Reichmann vor der Begegnung. Recht hatte er. Doch in einem Punkt irrte der von Prokop verschmähte Rechtsaußen."Hamburg wird euch nun bis ins Finale tragen. (…) Euch kann keiner mehr aufhalten!", schrieb er. Das stimmte nicht. Norwegen hielt vor allem die deutschen Rückraumspieler auf, denen es einmal mehr an internationaler Durchschlagskraft fehlte.

Der Auftritt der DHB-Auswahl offenbarte die alten Probleme: Aus dem gebundenen Spiel tut sich das Team schwer. Und wenn dann nicht zumindest ein Akteur einen Ausnahmetag erwischt – so wie Steffen Fäth gegen Island oder Fabian Wiede gegen Kroatien – dann ist das letztlich nicht genug, um ein WM-Halbfinale zu meistern. "Wir wollten uns von Deutschland eigentlich anders verabschieden", sagte Rückraumspieler Paul Drux in der Mixed Zone. "Aber es hat heute einfach nicht gereicht."

Viel zu viele Zeitstrafen

Auch, weil die so hochgelobte Abwehrreihe mit dem Innenblock Hendrik Pekeler und Patrick Wiencek einmal nicht in der Weise zugreifen durfte, wie es ihr über weite Strecken des Turnierverlaufs gestattet war. Die beiden tschechischen Schiedsrichter pfiffen eine kleinliche Linie, die sehr viele Zeitstrafen und den Verlust der Führung für die deutsche Mannschaft zur Folge hatte. Zur Halbzeit führten die Skandinavier, bei denen vor allem Magnus Rod mit sieben Treffern, sowie Superstar Sander Sagosen und der mittlerweile 36-jährige Kreisläufer Bjarte Myrhol (beide sechs Tore) überragten, mit 14:12.

"Die Referees waren ein Thema vor dem Spiel, weil wir sie und ihre Linie bereits aus dem Island-Spiel kannten", so Bundestrainer Prokop. "Wir haben dennoch aufgrund der zahlreichen Zeitstrafen unsere Kompaktheit verloren. Das war nicht der Matchplan." Und ohne eine zupackende Deckung fehlte dem deutschen Spiel die Basis. Die Norweger hingegen präsentierten sich so, wie sie sich im Turnierverlauf bis ins Halbfinale gespielt hatten: mit hohem Tempo und einer extrem hohen Angriffsfrequenz – der höchsten des gesamten Turniers. Und sie gewannen am Ende hochverdient.

"Alles gegeben"

Insofern war die Enttäuschung am Ende eines holprigen Halbfinal-Abends groß. Der WM-Express, der zwei Wochen lang durch das Land gedonnert war und mehr und mehr Menschen mitgenommen hatte, kam abrupt an der Zwischenstation Hamburg zum Stehen. Herning bleibt damit ein Sehnsuchtsort der deutschen Nationalspieler und allen, die es mit ihnen halten. Jene Kleinstadt im dänischen Nirgendwo mit gut 40.000 Einwohnern, die eine Eventarena hat, in der fast die halbe Stadt Platz findet, wurde in der Nacht dennoch angesteuert.

Immerhin bleibt den Mannen von Christian Prokop am Sonntag noch die Chance, mit einem Sieg im sogenannten kleinen Finale die erste WM-Medaille seit 2007 gewinnen zu können. Das sollte Anreiz genug sein, noch einmal professionell aufzutreten und am Ende mehr zu erreichen als die meisten Handball-Fachleute dieser Mannschaft vor Turnierbeginn zugetraut hatten. "Jetzt aber gilt es, die Enttäuschung erst einmal zu verarbeiten", sagte Paul Drux kurz vor der Abreise. Und Abwehrhüne Finn Lemke ergänzte: "Wir haben in den letzten zwei Wochen alles gegeben." Wer wollte ihm da widersprechen…

Quelle: n-tv.de

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