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"Größte Sorge sind die Kosten" Olympische Hängepartie lässt Japan zweifeln

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Das Olympische Feuer ist immerhin schon in Japan.

(Foto: imago images/UPI Photo)

Mit der Ausrichtung der Olympischen Spielen im Blick wünschen sich viele Menschen in Tokio mehr Transparenz und klare Entscheidungen. Doch stattdessen wirkt das Krisenmanagement inkonsequent. Dass die Spiele wie geplant im Sommer stattfinden, glaubt kaum noch jemand.

Die Bilder vom vergangenen Wochenende aus Miyagi haben viele Japaner mit Unverständnis aufgenommen. "So viele Menschen auf einem Haufen. Und die Regierung schaut dabei zu. Da muss doch jeder außerhalb Japans das Gefühl bekommen, wir seien hier völlig verantwortungslos", sagt Chikage Nose, eine Frau aus Tokio Anfang 40 im Gespräch mit ntv.de. Wie viele ihrer Landsleute vermisst sie eine klare Linie der japanischen Regierung im Umgang mit der Bedrohung durch das Coronavirus.

Stundenlang hatten Fototouristen am Samstag dicht an dicht gedrängt in einer Schlange ausgeharrt, um das Olympische Feuer zu sehen und ein Foto davon zu machen, das kurz zuvor in Japan eingetroffen war. Die Veranstalter hatten mit 10.000 Leuten gerechnet. Sie ließen sogar die fünffache Menge gewähren.

"Nicht sicher, ob wir die richtigen Zahlen kennen"

Vier Monate vor dem geplanten Termin der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele scheint Japan noch weitgehend verschont zu sein von einem flächendeckenden Ausbruch der weltweit grassierenden Lungenkrankheit Covid-19. Doch längst machen sich Zweifel breit, dass die Zahl der offiziell Infizierten der Realität entspricht. Am Sonntag stand sie bei knapp über 1000 mit wenigen Dutzend Toten. "Ich bin mir da wirklich nicht sicher, ob wir die richtigen Zahlen kennen, und ob wir überhaupt alle Menschen testen, die wir eigentlich testen müssten", sagt Nose.

Es gibt eine Hotline für jene, die glauben, sie hätten sich angesteckt. Betroffene aber klagen, die Leitung sei völlig überlastet, es dauere Stunden, bis man jemanden dort erreiche. Wer durchkommt, erhält den Tipp ins Krankenhaus zu gehen. Wer dann nicht nachweisen kann, mit einem Infizierten in Kontakt gewesen zu sein, hat schlechte Aussichten auf einen Test. Auch wer nicht mindestens eine erhöhte Temperatur aufweist, muss gehen. 37,5 Grad sind das Minimum, um getestet zu werden.

Hinzu kommt eine kulturelles Problem, wie Rochelle Kopp erklärt, eine interkulturelle Beraterin mit Sitz in Fukuoka und Kalifornien. Es sei nicht unüblich, dass Erkrankte lieber keine Diagnose wollen, weil sie fürchteten, von anderen Vorwürfe zu bekommen, dass sie sich selbst nicht ausreichend geschützt hätten und nun ihre Mitbürger gefährdeten. Kopp selbst wurde kürzlich von einem japanischen Seminarteilnehmer kritisiert, weil sie trotz Erkältung ihrer Arbeit nachging. "Ähnlich könnte es mit Corona sein", glaubt sie. "Es ist deine Schuld, dass du im Ausland warst und keine Maske getragen hast, und du hättest häufiger deine Hände waschen sollen."

Nur jeder Dritte glaubt noch an Olympia 2020

Dass die Spiele, wie geplant, am 24. Juli in Tokio eröffnet werden, glauben inzwischen nur ein 30 Prozent der Japaner. Nicht einmal mehr Premierminister Shinzo Abe will eisern an dem Termin festhalten. Langsam sickert den Gastgebern ins Bewusstsein, dass die Kraft von Corona auch die Standfestigkeit der olympischen Ringe ins Wanken bringen kann. Die schlechten Nachrichten prasseln auf die Organisatoren ein wie ein Asteroidenschauer auf die Oberfläche der Urerde. Australien und Kanada haben angekündigt, nicht teilnehmen zu wollen, wenn alles wie geplant durchgezogen werden sollte. Andere Staaten dürften sich ein Beispiel nehmen. Was für einen Sinn würden die Spiele noch ergeben, wenn es so weiter geht?

Dennoch lassen die Verantwortlichen ein kleines Zeitfenster geöffnet. Spätestens in vier Wochen soll eine endgültige Entscheidung getroffen werden. Es ist der Funke Hoffnung, der langsam, aber sicher verglüht. Die Angst vor den wirtschaftlichen Konsequenzen ist immens. "Unsere größte Sorge sind die Kosten für eine Verlegung", gestand Yoshiro Mori, Chef des Organisationskomitees. Tokio hat bereits bis zu 40 Milliarden Euro investiert, um die Stadt olympiatauglich zu machen. Große japanische Unternehmen haben zusammen rund drei Milliarden Euro investiert, um dabei zu sein als Unterstützer. Es ist die größte Summe, die ein lokales Organisationskomitee jemals in der eigenen Wirtschaft eingesammelt hat.

Umso merkwürdiger ist, dass die japanische Regierung nicht alle Hebel in Bewegung setzt, um die termingerechte Ausrichtung des Großereignisses noch zu retten. Die meisten Schulen des Landes sind zwar geschlossen. Aber auch nur, wenn ein Stadtbezirk das für die beste Lösung hält. Premierminister Abe hatte Ende Februar lediglich eine Empfehlung ausgesprochen und dann den Schulen selbst überlassen, wie sie handeln wollen. Die meisten entschieden sich dichtzumachen. Doch tatsächlich soll es Anfang April für japanische Kinder mit dem neuen Schuljahr weitergehen.

Japan ist machtlos

Yoko ist eine Frau Ende 30. Sie arbeitet für die Stiftung eines großen japanischen Konzerns. Zurzeit tut sie dies von zuhause aus. Sie vermeidet es, sich mehr als nötig außerhalb ihrer Wohnung aufzuhalten. Viele andere können das nicht und müssen weiterhin jeden Morgen mit der U-Bahn zur Arbeit fahren. Pendler posten Bilder im Internet von großen Menschenmassen, die sich in Tokio durch die Rushhour drängeln. "Weshalb haben wir nicht schon vor Monaten ganz Japan einfach dicht gemacht", sagt Yoko zu ntv.de unter der Bedingung, dass ihr Nachname nicht genannt wird. "Wir hätten schon im Januar die Flughäfen abriegeln müssen. Wir sind eine Insel", sagt sie.

Die Regierung verzichtete auch auf ein generelles Einreiseverbot aus China, solange die Gäste nicht aus Wuhan stammten, dem globalen Ausgangspunkt des Virus. Erst seit vergangener Woche gibt es strengere Grenzkontrollen von Besuchern aus der Volksrepublik, aber auch aus Südkorea, Italien, Iran, Island sowie Teilen von Spanien und der Schweiz.

Japans stellvertretender Premierminister Taro Aso gestand am Mittwoch das Dilemma ein, in dem sich die Regierung befinde. "Wie es der Premierminister sagte, ist es wünschenswert die Olympischen Spiele in einem sicheren und fröhlichen Umfeld auszurichten. Aber das ist nichts, was Japan allein entscheiden kann."

Quelle: ntv.de