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"Bin nicht Roger Federer" Petkovic schließt Frieden mit ihrem Ego

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“Ich freue mich wahnsinnig, bilde mir aber jetzt nicht ein, dass ich Roger Federer bin”, sagte Petkovic nach ihrem Zweitrundenerfolg.

(Foto: imago images / Paul Zimmer)

Andrea Petkovic war mal Deutschlands beste Tennisspielerin. Das ist einige Jahre her. Bei den US Open lässt "Petko" derzeit ihr Können wieder aufblitzen - und sorgt mit ihrem Zweitrundensieg gegen die Tschechin Kvitova für eine Überraschung.

Im Interview-Raum 2 des Billie Jean King National Tennis Center von Flushing Meadows war es eng. 27 deutsche und internationale Journalisten drängten sich am frühen Donnerstagnachmittag auf einer Fläche von knapp zwölf Quadratmetern. Vor der Medienmenge saß Andrea Petkovic. Die Darmstädterin ist zwar in der Weltrangliste auf Position 88 abgerutscht, aber mit ihrer offenen und eloquenten Art immer interessant. Und diesmal war sie ein besonderer Quell der Freude, denn ihr war gerade der wichtigste Sieg des Jahres gelungen. Petkovic hatte in der zweiten Runde der US Open die an Nummer sechs gesetzte Tschechin Petra Kvitova 6:4, 6:4 bezwungen. "Ich freue mich wahnsinnig, bilde mir aber jetzt nicht ein, dass ich Roger Federer bin", betonte sie.

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Erstmals seit 2015 steht "Petko" bei den US Open wieder in der dritten Runde. Auf dem Weg dorthin hat sie noch keinen Satz abgegeben. Und so stark, wie die fast 32-Jährige gegen die zweimalige Wimbledon-Siegerin und diesjährige Australian Open-Finalistin Kvitova gespielt hat, dürfte sie auch gegen ihre nächste Kontrahentin, die an Nummer 25 gesetzte Belgierin Elise Mertens durchaus Chancen haben.

Lobende Worte von Kontrahentin Kvitova

Knapp 20 Meter entfernt von Interview-Raum 2, einmal den weißen Gang entlang, befindet sich auf der rechten Seite der große Interviewsaal dieser US Open. Dort sprach Kvitova über ihre Niederlage. Sie klang zwar enttäuscht, machte sich aber keine großen Vorwürfe. Sie habe "nicht schlecht gespielt", sagte die 29-Jährige, "alles versucht, gekämpft." Und dann sagte sie etwas, das wiederum viel über Petkovic aussagt: "Sie war großartig, hat sich sehr gut bewegt."

Symbolisch dafür war ihr Matchball beim Stand von 6:4, 5:4, 40:15 und Aufschlag Kvitova. Die Tschechin hatte die Deutsche mit einem platzierten Volley in die Defensive gedrängt, Petkovic den Ball nur mit einem hohen Rückhandschlag zurückspielen können. Als ihre Kontrahentin anschließend im Halbfeld zum Schmetterschlag ausholte, hätte Petkovic auch stehenbleiben und sich auf ihren zweiten Matchball konzentrieren können. Doch sie lief hinüber in die rechte Ecke, wo der Ball hinkam, machte ihren Arm so lang es ihr möglich war und brachte die Filzkugel tatsächlich zurück übers Netz - und zwar so hoch, dass Kvitova sie nur noch mit dem Schlägerrahmen erreichen konnte. Von dort prallte der Ball ins Aus. Punkt und Sieg Petkovic.

Zurück ins Rampenlicht

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Erstmals seit 2015 erreichte Petkovic die dritte Runde der US Open.

(Foto: imago images / Paul Zimmer)

Es war für sie ein willkommener Ausflug zurück auf die ganz große Bühne. Petkovic spielte im Louis Armstrong Stadium, der zweitgrößten Arena dieser US Open. Knapp 10.000 der insgesamt 14.053 Plätze waren besetzt - und das um 11 Uhr. Vor einem Jahr hatte Petkovic in der ersten Runde auch dort gespielt, sich mit der Lettin Jelena Ostapenko ein enges Match geliefert und den dritten Satz 5:7 verloren. Damals, erinnerte sie sich, seien nur wenige Zuschauer in der Arena gewesen und nur zum Ende hin seien etwas mehr gekommen. Diesmal hatte sie Ähnliches erwartet - und war umso mehr überrascht, dass das Stadion derartig gut gefüllt war. "Ich hoffe, die Leute konnten das Match genießen, denn es war hochklassig", meinte Petkovic.

Ihr Sieg mag keine Sensation sein, doch er ist zumindest eine Überraschung. Andrea Petkovic war mal Deutschlands beste Tennisspielerin, 2011 die Nummer neun der Welt und stand 2014 im Halbfinale der French Open. Aber all das liegt eben schon einige Zeit zurück. In den vergangenen Jahren hatte sie zwischendurch mal über Motivationsprobleme geklagt und wenn sie bei Turnieren die erste Runde überstand, war das schon ein Erfolg. Es mag daher etwas komisch klingen, wenn Petkovic sagt, dass sie sich jetzt als "zehnmal bessere Spielerin" ansieht als zu ihren besten Zeiten. Allerdings, fügt sie erklärend an, habe sich das Frauentennis eben auch sehr entwickelt. "Wenn du heute nicht dein bestes Tennis spielst, bist du gleich raus."

"Im Herbst der Karriere"

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Ob sie sich bereits auf der Zielgeraden ihrer Karriere sehe oder noch in der Zielkurve, konnte Petkovic nicht genau beantworten. "Auf jeden Fall noch im Herbst, nicht im Winter", sagt sie. Und so lange es ihr körperlich gut gehe, will sie weiterhin Tennis spielen. Was so einfach dahingesagt klingt, hat bei ihr einen durchaus ernsten Hintergrund. Vor einem Monat spielte Petkovic beim Turnier in San Jose und hatte physische Probleme. Sie nennt es "Angela-Merkel-Gedächtnis-Zittern" - in Anspielung auf die Schwächeanfälle der Kanzlerin im Juli. Sie sei "von Arzt zu Arzt gerannt", so Petkovic, habe sich gar nicht mehr mit Tennis beschäftigen können. Letztlich sei herausgekommen, dass ihre Blutwerte nicht in Ordnung sind. Sie versuche nun, mehr Kalorien in Form von Smoothies und Säften zu sich zu nehmen, erklärt die Hessin.

Am 9. September wird Petkovic 32 Jahre. Mit dem Älterwerden habe sie keine Probleme. Im Gegenteil. Noch einmal in den Zwanzigern sein? "Niemals." Sie lacht heute über die jüngeren Kolleginnen und Kollegen, die bei ihrem ersten Karriere-Knick gleich alles in Frage stellen würden. Dabei seien die doch so talentiert und hätten noch so viel Zeit. Ihr eigenes Spiel sieht Petkovic mittlerweile ganz anders als noch vor einigen Jahren. Sie sei "nicht fokussiert auf das Ergebnis, sondern den Prozess."

Vergangene Woche beispielsweise war Petkovic nach ihrer 6:3, 5:7, 6:7-Achtelfinal-Niederlage bei einem Turnier in der New Yorker Bronx gegen die Italienerin Camilla Giorgi "eine Stunde sauer." Erst dann habe sie realisiert, wie gut sie selbst gespielt habe. "Ich habe gelernt, Frieden mit meinem eigenen Ego zu schließen und Niederlagen in Perspektive zu setzen."

Quelle: n-tv.de

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