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Sport
Großkonsul Dr. Georg Birgelen besucht die deutsche Amputierten-Nationalmannschaft in Istanbul.
Großkonsul Dr. Georg Birgelen besucht die deutsche Amputierten-Nationalmannschaft in Istanbul.
Samstag, 07. Oktober 2017

Amputiertenfußball-EM : Pionierarbeit vor den Augen des Konsuls

Von Michael Bauer, Istanbul

Amputiertenfußball ist in Deutschland bislang eine Nische. Damit der Sport an Bekanntheit gewinnt, präsentiert sich die deutsche Nationalmannschaft bei der EM in der Türkei - international zählt die Fußballnation jedoch zu den Underdogs.

'Aus den Vollen schöpfen' ist für den deutschen Bundestrainer Claus Bender eine ganz eng gefasste Redewendung. Für die Europameisterschaft der Amputiertenfußballer in der Türkei kann er aus dem ihm zur Verfügung stehenden Pool von rund 20 Spielern die elf besten mitnehmen. Allein daran sieht man: Der Sport an sich ist unterrepräsentiert - zumindest in Deutschland. Gastgeber Türkei betreibt zwei halbprofessionelle Ligen, deren Spiele auch im Fernsehen übertragen werden.

Im Auftaktspiel dieser EM geht es dann gegen den haushohen Favoriten vom Bosporus. "Wie wenn Andorra gegen Deutschland spielt", zieht Trainer Bender vor der Partie einen passenden Vergleich zum normalen Fußball. Dabei übernehmen die Türken in diesem Fall die Rolle der Löw-Elf. Der deutschen Mannschaft ist bewusst, dass sie in Sachen Technik und Tempo mit der Türkei nicht mithalten kann. Ein geordnetes Defensivkonstrukt und deutsche Tugenden wie Kampf und Laufbereitschaft sollen das Spiel so lange wie möglich offen halten. Die Türkei erweist sich an diesem Tag bei der 0:7-Niederlage als übermächtiger Gegner.

Amputierten-Fußball in Kürze
  • Beim Amputierten-Fußball laufen sechs Spieler plus Torwart auf.
  • Prothesen müssen abgenommen werden. Gespielt wird mit Krücken.
  • Feldspieler haben Teile ihrer unteren Gliedmaßen verloren, mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen.
  • Der Torwart hat beide Beine, aber nur noch einen Arm haben, darf den Strafraum aber nicht verlassen.
  • Altersbeschränkung gibt es keine.

Die Organisation ist ähnlich der bekannten Fußballgroßveranstaltungen durchorganisiert bis ins letzte Detail - mit Eröffnungszeremonie, Nationalhymne und allem Drum und Dran - ganz professionell, um den Sport als mögliche Disziplin bei den Paralympics zu präsentieren. Und professionell will auch das deutsche Team das Turnier angehen. Neben Trainer Bender kümmern sich ein Physiotherapeut und ein Teammanager um das Wohl der einbeinigen Kicker und einarmigen Torhüter, deren Programm wie das Turnier eng durchgetaktet ist. Von gemeinsamen Mahlzeiten über Taktikbesprechungen, bis hin zur Gegneranalyse - die Mannschaft soll als Repräsentant der Bundesrepublik ein gutes sportliches Ergebnis einfahren, in erster Linie aber Werbung für den Sport im eigenen Land machen.

Unterstützung erfährt die Mannschaft nicht nur aus dem sportlichen Bereich. Das deutsche Konsulat in Istanbul um Großkonsul Dr. Georg Birgelen ist mit zehn Mitarbeitern vor Ort, um die deutsche Nationalmannschaft zu unterstützen. Birgelen beschreibt die Paarung nach dem 0:7 als "höhere Gewalt". Gleichzeitig lobte er den Einsatz und das Auftreten der Mannschaft. Schließlich sind alle Spieler auf gewisse Weise auch Pioniere. Es ist die erste Europameisterschaft überhaupt, Deutschland stellt eine der zwölf Teilnehmernationen.

Deutsche Nationalmannschaft der Amputiertenfußballer im Spiel gegen Spanien.
Deutsche Nationalmannschaft der Amputiertenfußballer im Spiel gegen Spanien.

Dem Amputiertenfußball in Deutschland fehlt es an finanziellen Mitteln und an der Basis. "Ohne das persönliche Engagement von Dietmar Hopp und dessen Stiftung 'Anpfiff ins Leben' wäre eine Teilnahme an der EM illusorisch", sagt Bender. Rund 20.000 Euro kostet die Teilnahme an der europäischen Endrunde. Auch die Sepp-Herberger-Stiftung und viele weitere Unterstützer machen es erst möglich, dass Fußball für Einbeinige in Deutschland eine Perspektive hat.

Prozess der kleinen Schritte

Um den Sport bekannt und auch interessant zu machen, braucht es aber schlichtweg mehr Spieler. In zwei Mannschaften organisiert sich der deutsche Verband bislang: ein Team hat sein Zentrum in Hoffenheim, das andere in Braunschweig. Und das, obwohl es in Deutschland an die 60.000 Fälle von Amputationen der unteren Extremitäten gibt. Laut Bender müsse der Mensch, der eine Amputation hat, das in erster Linie mit sich selbst ausmachen. Dann könne der Weg in den Sport führen, in eine Mannschaft von Gleichgesinnten.

2018 soll das Jahr des Amputiertenfußballs ins Leben gerufen werden. Dabei soll unabhängig von Alter, Geschlecht und Leistungsfähigkeit Fußball gespielt und der Inklusionsgedanke hochgehalten werden. Daraus sollen sich im Idealfall eigene Zentren wie in Hoffenheim entwickeln, beispielsweise in Berlin oder anderen Ballungsgebieten. Der letzte Schritt wäre dann ein eigener Ligabetrieb aus dem sich die Nationalspieler rekrutieren lassen, "so wie es die Engländer, Polen und Türken es seit Jahren betreiben", sagt Bender.

Es sind nur kleine Schritte möglich, wie beim Turnier in Istanbul. Im zweiten Spiel unterliegt Deutschland den Spaniern knapp mit 1:2. Im letzten Gruppenspiel erreicht das Team ein 1:1-Remis gegen Georgien. Die weiteren Partien bestimmen die Platzierung der deutschen Mannschaft. Platz neun ist noch möglich. Das erste Duell der Platzierungsrunde gewann die Mannschaft bereits mit 2:1 gegen Griechenland. Viel wichtiger ist aber, positive Erlebnisse aus dem Turnier und wichtige Erfahrungen mitzunehmen, um Werbung für den Sport zu machen und einen neue Basis davon zu begeistern.

 

Quelle: n-tv.de

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