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EM-Rechenspiele ums Halbfinale Prokops Handballer hadern und hoffen

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"Auf diesem Niveau entscheiden Kleinigkeiten": Bundestrainer Christian Prokop.

(Foto: dpa)

Die beste Leistung bei dieser EM reicht den deutschen Handballern gegen die Dänen nicht. Sie sind frustriert und brauchen Hilfe, wollen sie ins Halbfinale. Bundestrainer Christian Prokop legt den Finger in die Wunde und wird persönlich.

Der Schweiß war noch nicht getrocknet, da begannen die Rechenspiele. Die 25:26-Niederlage der deutschen Handballer gegen Dänemark im zweiten Spiel der Hauptrunde der EM in Kroatien hatte die Ausgangslage - zumindest aus Sicht der DHB-Auswahl - unübersichtlich gestaltet. Die Frage laute: Wie müssen die restlichen Spiele in der Gruppe ausgehen, damit Gensheimer, Wolf und Co. doch noch ins Halbfinale kommen?

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt jedenfalls würde ein Sieg in der abschließenden Begegnung gegen Spanien am Mittwoch (ab 20.30 Uhr im ZDF und im Liveticker bei n-tv.de), Finalgegner der DHB-Auswahl beim EM-Triumph vor zwei Jahren, nicht ausreichen. Am Ende zogen diejenigen, die es mit der deutschen Mannschaft halten, ein frustrierendes Fazit: Die DHB-Auswahl hat die Entscheidung über eine immer noch mögliche Halbfinalteilnahme aus der Hand gegeben. "Diese Enttäuschung gilt es nun abzuarbeiten", sagte ein sichtlich mitgenommener Christian Prokop in Varazdin. Der Bundestrainer ärgerte sich über die erste Pleite in diesem Turnier vor allem deshalb, weil seine Mannschaft, die sich in den ersten Spielen verkrampft und verunsichert durch die EM gespielt hatte, gegen die Dänen, immerhin Olympiasieger, endlich die Handbremse lösen konnte.

Abgesehen von den ersten zehn Minuten funktionierte das zuletzt hart kritisierte deutsche Angriffsspiel über weite Strecken des Spiels noch nicht wie gewünscht, aber deutlich besser. Vor allem Julius Kühn, dem zuletzt das Wurfglück abhandengekommen war, präsentierte sich in Torlaune. Mit sechs Treffern war er bester Schütze seines Teams. Dennoch langte es nicht für zwei weitere Zähler. "Ausgerechnet mit der besten Turnierleistung", sagte Präsidiumsmitglied Bob Hanning, "fährst du hier die erste Niederlage ein."

"Bittere Niederlage akzeptieren"

Wie klappt's mit dem Halbfinale?

Es gibt viele Varianten, doch die Rechnung ist einfach: Gibt Mazedonien gegen Tschechien am Dienstag und Dänemark am Mittwoch noch zwei Punkte ab, bekommt das DHB-Team sein Endspiel um das EM-Halbfinale gegen Spanien am Mittwoch ab 20.30 Uhr. Also: Verliert Mazedonien eines der beiden Spiele oder spielt zwei Mal remis, reicht Titelverteidiger Deutschland ein Sieg, egal in welcher Höhe, gegen Spanien.

Während einige Spieler mit Tränen in den Augen in der Mixed Zone standen, versuchte Prokop analytisch zu bleiben. Dass der ansonsten hochdiplomatische Bundestrainer dabei den Finger in die Wunde legte und neben der erneut zu hohen Fehlerquote auch im Detail Kritik an einzelnen Mannschaftsteilen übte, war ungewohnt. "Auf diesem Niveau entscheiden Kleinigkeiten. Insbesondere im zentralen Rückraum, wo das Spiel gesteuert wird, müssen wir zulegen."

Ohne Namen zu nennen, durfte sich Philipp Weber angesprochen fühlen. Der 25-jährige Spielmacher vom SC DHfK Leipzig blieb wie schon im Spiel gegen Tschechien weit hinter seinem Können zurück und enttäuschte einmal mehr die in ihn gesetzten Erwartungen. Gerade in der entscheidenden Spielphase unterliefen ihm zu viele Fehler. Aber auch die Abwehr, über weite Strecken auf absolutem Weltklasseniveau, stand nach der taktischen Umstellung der Dänen, mit sieben Feldspielern zu agieren, plötzlich vor schwer zu lösenden Problemen. "In der Summe", sagte Prokop, "müssen wir deshalb diese bittere Niederlage akzeptieren."

Die Hoffnung auf Halbfinale lebt weiter

Dennoch wurde nach dem Spiel viel Lob für die engagierte Leistung des Teams ausgesprochen. Es war ein Schritt nach vorn, da waren sich alle einig, nur geliefert hatte die Auswahl nicht. Dabei hatte sich auch Prokops bislang letzte Korrektur in der Zusammensetzung des Kaders als richtig erwiesen. Kiels Linksaußen Rune Dahmke, erst am Samstag für Maximilian Janke ins Team gerutscht, überzeugte mit körperlicher Präsenz, Kampfgeist und Treffsicherheit. Mit seiner gestrigen Leistung vertrat er den zuletzt müde wirkenden Kapitän Uwe Gensheimer überzeugend. "Ich habe Rune deshalb nachnominiert", sagte der Bundestrainer, "weil ich mit der Leistung auf Linksaußen nicht zu 100 Prozent zufrieden war".

Ungewöhnliche zwei Tage Spielpause haben er und sein Team nun Zeit, ihre Wunden zu lecken. Trotz der Niederlage deutete der noch amtierende Europameister an, zu alter Klasse zurückkehren zu können. Auch, weil allmählich die Erkenntnis reift, dass ein großer Unterschied besteht zwischen den #badboys von 2016 und dem Titelverteidiger 2018. Noch vor zwei Jahren gingen weitgehend unbekannte deutsche Handballer unbelastet in die EM, heute müssen sie sich mit immens gewachsenen Erwartungen und großem Druck auseinandersetzen. Daran müssen auch Helden sich erst gewöhnen. Dieser Prozess könnte mit einer Qualifikation für das Halbfinale beschleunigt werden. Allein: Das hängt nicht mehr nur von der deutschen Mannschaft ab. Sollte es schief gehen, so wird es wohl nicht nur an diesem Match gegen Dänemark gelegen haben. "Der Punkt, der uns am Ende fehlen könnte", so Hanning lange nach Spielschluss, "den haben wir nicht heute, sondern in der Vorrunde verloren."

Am Ende hatte der späte Abend dann doch noch eine gute Nachricht parat. Die Spanier hatten in ihrem ersten Hauptrundenspiel die Mazedonier mit 31:20 abgefiedelt, womit zumindest in diesem Match die erste erhoffte Hilfe eintraf, um am Mittwoch gegen Spanien doch noch ums Halbfinale zu spielen. Die Hoffnung lebt weiter.

Quelle: ntv.de