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Markus Rehm blieb der Sprung zur EM verwehrt.
Markus Rehm blieb der Sprung zur EM verwehrt.(Foto: AP)
Mittwoch, 30. Juli 2014

Fairness oder vertane Chance?: Rehms EM-Ausschluss spaltet den Sport

Nach dem EM-Startverbot für den behinderten Weitspringer Markus Rehm streiten nun Experten und Verbände. Darüber, wie seriös die Entscheidungsgrundlage war, ob Rehms EM-Aus ethisch vertretbar ist - und ob Inklusion im Spitzensport gescheitert ist.

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Nach der Nicht-Nominierung des behinderten Weitspringers Markus Rehm für die Leichtathletik-EM geht die hitzige Diskussion weiter. Neben Zustimmung für den Deutschen Leichtathletik-Verband DLV gibt es auch harte Kritik an der Entscheidungsfindung. Die beruhte auf Daten, die Biomechaniker während Rehms Sieg bei den deutschen Meisterschaften am vergangenen Wochenende erhoben hatten. Aufgrund dieser Daten sei es laut DLV nicht auszuschließen gewesen, dass Rehm dank seiner Sprungprothese einen Vorteil gegenüber seinen nichtbehinderten Konkurrenten habe. Deshalb wurde er nicht nominiert.

Gert-Peter Brüggemann vom Institut für Biomechanik und Orthopädie der Deutschen Sporthochschule Köln kritisierte dieses Vorgehen als inakzeptabel. "Mit dieser Studie kann ein Vorteil nicht seriös nachgewiesen worden sein", sagte Brüggemann: "Ich finde es nicht gut, wenn solche Entscheidungen auf Spekulationen beruhen. Damit wird man behinderten Sportlern nicht gerecht."

Eckhard Meinberg, Sportethik-Experte der Deutschen Sporthochschule Köln, verteidigte Rehms Nicht-Nominierung hingegen. "Für den Sport ist die Entscheidung nur zu begrüßen, weil das Fairnessprinzip im Wettkampfsport höher zu bewerten ist als das Inklusionsprinzip", sagte Meinberg. Durch den Einsatz technischer Hilfsmittel werde der Fairnessgedanke verfälscht. "Rehm hat dank technischer Hilfsmittel sein Naturleid um ein technisches Kunstprodukt ergänzt. So besteht keine Chancengleichheit."

"Wir wissen nichts über die Prothese"

Nicht alle Sportwissenschaftler folgen der DLV-Meinung, dass Rehm durch seine Prothese eindeutig bevorteilt wird.
Nicht alle Sportwissenschaftler folgen der DLV-Meinung, dass Rehm durch seine Prothese eindeutig bevorteilt wird.(Foto: dpa)

Der Sportwissenschaftler Brüggemann kann dieser Argumentation nicht folgen, er monierte: "Wir wissen nichts über die Prothese." Brüggemann forderte eine tiefgreifendere biomechanische Analyse: "Wir brauchen eine verlässliche Studie, wie sich Prothesen auswirken."

Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes DOSB, sagte: "Der DLV hat sich seine Entscheidung sicher nicht leicht gemacht. Für Markus Rehm ist das persönlich eine bittere Enttäuschung, dennoch hat er am vergangenen  Wochenende in Ulm mit seiner herausragenden Leistung Sportgeschichte  geschrieben." Laut Hörmann stünden Rehms Fall als auch die generelle Frage nach Inklusion im Spitzensport mit der heutigen Entscheidung nicht am Ende, sondern am Anfang einer Entwicklung.

Die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Verena Bentele, nahm die Entscheidung mit Bedauern auf: "Ich finde es nicht glücklich, dass sie so gefallen ist", sagte die zwölfmalige Paralympics-Siegerin, "ich hätte es gut gefunden, wenn der DLV ein Statement abgegeben und die Inklusion ernsthaft vorangetrieben hätte. Es wäre konsequent gewesen und eine politische Entscheidung."

Rückschritt statt Gleichstellung?

Der Deutsche Behindertensportverband (DBS) teilte mit, "es wäre normal und üblich gewesen, dass der deutsche Meister der deutschen Mannschaft angehört". Allerdings ist weiter unklar, ob Rehm den Meistertitel behalten darf. Den DLV-Entscheid wertete der DBS generell "als Rückschritt bei den Bemühungen, eine Gleichstellung nichtbehinderter und behinderter Sportler und Sportlerinnen anzustreben". Trotzdem riet der DBS Rehm von einem Einspruch gegen die Entscheidung ab.

Der Sportwissenschaftler Brüggemann räumt einem solchen Schritt derweil große Chancen ein. "Ich bin bei der aktuellen Datenlage fest davon überzeugt, dass ein Protest vor dem Internationalen Sportgerichtshof gute Aussichten hätte", sagte Brüggemann. Rehm hatte sich juristische Schritte vorbehalten.

Sportethiker Meinberg hält die DLV-Entscheidung indes für richtungsweisend. Auch für die Zukunft des Wettkampfsports hält er eine Trennung von behinderten und nicht-behinderten Sportlern für angebracht. Die kontrovers geführte Debatte der vergangenen Tage habe das Bewusstsein für die Inklusionsproblematik im Sport aber eindeutig geschärft.

Quelle: n-tv.de