Sport

"Putin muss eingreifen" Russlands Sport steht vor der Ohnmacht

imago93304930h.jpg

Wladimir Putin soll eingreifen und den russischen Sport retten. So will es der Chef der Anti-Doping-Agentur.

(Foto: imago images / ITAR-TASS)

Vier lange Jahre soll Russland erneut von allen sportlichen Wettbewerben ausgeschlossen werden. Zu den Olympischen Spielen 2020 und 2022 dürfte der Staat dann wohl keine Athleten schicken. Und auch der Fußball könnte betroffen sein. Dabei gehört Russland sogar zu den EM-Gastgebern.

Die Vorwürfe wiegen schwer, die Strafen werden konkreter - doch die Funktionäre der Uefa und der Fifa halten sich bedeckt. Dabei droht dem Weltsport nach den nächsten russischen Betrügereien ein Beben mit seismischen Wellen, die sich über die Olympischen Spiele in Tokio ausbreiten könnten und das Potenzial haben, auch den Fußball zu erschüttern.

Sollte die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada am 9. Dezember in Paris die Sanktionen gegen Russland beschließen, die ihr Ermittlungskomitee am Montag empfohlen hat, verliert nicht nur die russische Anti-Doping-Agentur Rusada ihre Zulassung. Die gesamte Nation würde ein Bann treffen, ein Ausschluss von vier Jahren steht im Raum. Damit wären die Olympia-Teilnahme, der Start bei der Fußball-EM, aber auch die Ausrichtung internationaler Top-Events bedroht. Zumindest dürfte erneut kein Athlet unter der russischen Fahne starten.

imago35363076h.jpg

Im Krestowski-Stadion sollen vier Spiele der Euro 2020 stattfinden.

(Foto: imago/Jan Huebner)

Dabei sind drei Gruppenspiele und ein Viertelfinale der Euro 2020 in St. Petersburg geplant, das russische Team hat sich sportlich für das Turnier qualifiziert. Zu den möglichen Konsequenzen eines Komplettausschlusses wollte sich die Europäische Fußball-Union zunächst jedoch nicht äußern. Wie die Nachrichtenagentur AFP berichtet, sollen zumindest die Spiele in St. Petersburg nicht von den Sanktionen betroffen sein. Der Weltverband Fifa will das Urteil der Wada-Exekutive abwarten, bis er "eine mögliche wichtige Entscheidung trifft", die zunächst die Qualifikation zur WM 2022 in Katar betrifft.

"Knappes Hickhack"

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) kündigte an, auch die härtesten Sanktionen gegen die Verantwortlichen möglicher Manipulationen zu unterstützen. Den Russen wird vorgeworfen, Daten aus dem Moskauer Kontrolllabor gefälscht zu haben. Sollte die Nation gesperrt werden, wird der Gang vor den Internationalen Sportgerichtshof Cas und damit eine Hängepartie wie 2016 erwartet, als Russland durch den McLaren-Report institutionelles Doping nachgewiesen worden war, aber noch während der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro um die Deutungshoheit gestritten wurde.

"Die Zeit bis zu den sportlichen Großereignissen 2020 ist sehr kurz. Ich befürchte, dass es ein knappes Hickhack geben wird - und das ist für den Sport ganz schlecht", sagte Sportrechtsexperte Michael Lehner. Noch nach der Eröffnungsfeier der Spiele 2016 herrschte Verwirrung über die tatsächliche Größe des russischen Teams, ein denkbar ungünstiges Szenario, das sich wiederholen könnte. Denn: "Die Rechtslage ist so wie damals", sagt Lehner. Allerdings berichtet die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", dass in dem ab 2021 geltenden Wada-Kodex eine relevante Regel aufgeweicht worden ist. Demnach dürften zwar Funktionäre ausgeschlossen werden. Sportler aber nur von Wettbewerben, die nicht die Olympischen Spiele sind. Offen ist, was das für die Winterspiele 2022 bedeutet.

Putin soll Einfluss geltend machen

Kritik hatte es bereits an der verfrühten Wiederaufnahme der Rusada im vergangenen Jahr gegeben, nun zeigt sich, dass der geforderte Mentalitätswandel im russischen Sport nicht stattgefunden hat. Vielmehr wehrt sich Russland dagegen, an den Pranger gestellt zu werden. "Manche möchten Russland in eine Verteidigungshaltung und Lage eines Beschuldigten drängen - in allem und überall", sagte Außenminister Sergej Lawrow der Agentur Interfax zufolge. Es könne nicht sein, dass Russland immer schuld sei und gegen alles verstoße, "und alle anderen nach den Regeln leben, die sie selbst aufgeschrieben haben". Er forderte einen ehrlichen Dialog auf Augenhöhe.

imago93520237h.jpg

Juri Ganus fordert Putins Hilfe.

(Foto: imago images/ITAR-TASS)

Für Rusada-Chef Juri Ganus offenbart sich "eine neue Phase von Russlands Dopingkrise". Er forderte Wladimir Putin zum Handeln auf: "Präsident Putin muss eingreifen. Ehrlicherweise warte ich darauf", so Ganus. Der Staatspräsident soll dabei helfen, die sportliche Führung im Riesenreich neu aufzustellen.

Welchen sportpolitischen Einfluss Putin besitzt, hat er immer wieder bewiesen und dazu genutzt, Russland nach außen als die Sport-Großmacht erscheinen zu lassen, als die sich das Land gerne selbst sieht. Die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi, dem Höhepunkt des russischen Dopingskandals, und die Fußball-WM 2018 waren auch Putins Projekte. Der Umgang der russischen Organisatoren und der Fußball-Funktionäre mit dem Skandal vor der WM könnte sich vor der Euro wiederholen. Schon damals war die Rusada suspendiert, Auswirkungen auf die WM hatte dies kaum. Ein Bauernopfer - Organisationschef Witali Mutko verlor alle seine Ämter im Sport - und das bunte Spektakel ging reibungslos über die Bühne. Das Aussitzen großer Krisen hat im Weltsport Tradition.

Quelle: ntv.de, ara/sid/dpa