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Entscheidung im Dopingskandal Setzt das IOC Russland vor die Tür?

Das Internationale Olympische Komitee entscheidet an diesem Dienstag in Lausanne über Sanktionen gegen Russland im Dopingskandal während der Winterspiele 2014 in Sotschi. Zur Debatte stehen folgende Szenarien, die vom Komplettausschluss bis zu einem - allerdings sehr unwahrscheinlichen - Freispruch reichen:

  • 1. Der Ausschluss aller russischen Athleten von den Winterspielen, die vom 9. bis zum 25. Februar im südkoreanischen Pyeongchang stattfinden. Es wäre das erste Mal, dass ein Land wegen Dopingvergehen komplett gesperrt wird. Allerdings würde das einen harten Kurs gegenüber einer der einflussreichsten Sportnationen erfordern. Nun ist das IOC gefordert, konsequent zu entscheiden und Haltung zu zeigen.
  • 2. Ein Start des russischen Teams unter neutraler Flagge. Das olympische Komitee Russlands wird gesperrt, die Sportler dürfen unter neutraler Flagge starten, die russische Hymne wird nicht gespielt. Eine ähnliche Regelung haben der Leichtathletik-Weltverband und das Internationale Paralympische Komitee. Dieses Szenario erscheint elegant, weil so unbescholtene Sportler teilnehmen dürfen.
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    "Erniedrigung des Landes": Wladimir Putin bei der Auslosung der Gruppen bei der Fußball-WM.

    (Foto: AP)

    3. Eine Geldstrafe von 100 Millionen Dollar. Über eine Geldstrafe in dreistelliger Millionenhöhe für Russland hatten bereits vor Wochen mehrere Medien berichtet. Bei der IOC-Session in Lima im September wurde diese Möglichkeit in die Olympische Charta aufgenommen. Wirklich hart treffen würde eine solche Sanktion Russland sicher nicht. Mehrere nationale Anti-Doping Agenturen und die Athletenkommission des DOSB haben sich klar gegen eine solche Strafe ausgesprochen.
  • 4. Freispruch. Dass Russland nach dem Doping-Skandal ohne Strafe davonkommt, ist so gut wie ausgeschlossen. Zu deutlich sind die Beweise, ein Freispruch wäre nicht vermittelbar. Inzwischen leugnet nicht einmal mehr Russland selbst, dass gedopt wurde. Für die Sport-Großmacht stehen dahinter allerdings Verfehlungen einzelner Personen und kein System.

Womit ist zu rechnen? Viel hängt von den Ergebnissen der IOC-Kommission unter Leitung des früheren Schweizer Bundesrates Samuel Schmid ab. Die Kommission ermittelte in den vergangenen Monaten in der Frage, inwieweit Behörden und Polizei am Dopingsystem in Russland beteiligt waren und stellt ihre Ergebnisse an diesem Dienstag der Exekutive des IOC vor. Bislang sickerten keine Informationen durch.

Wie wurde der Skandal bekannt? Die Dokumentation "Geheimsache Doping - Wie Russland seine Sieger macht" der ARD-Dopingredaktion brachte Ende 2014 den Skandal ins Rollen. Zwei Berichte des Wada-Ermittlers Richard McLaren sowie die Aussagen des Kronzeugen Grigorij Rodtschenkow erhärteten die Vorwürfe. Laut McLaren sollen in der Zeit von 2011 bis 2015 etwas 1000 russische Sportler von dem System profitiert haben.

Welche Strafen gab es bisher? Das IOC ließ mittels einer weiteren Kommission, die unter der Leitung des Schweizer IOC-Mitglieds Denis Oswald steht, die Proben der russischen Sotschi-Starter überprüfen. Oswald griff erstaunlich hart durch und sperrte bislang 25 russische Teilnehmer der Winterspiele 2014, darunter drei Olympiasieger, lebenslang für alle Funktionen bei Olympischen Spielen.

Was genau geschah in Sotschi? Gregorij Rodtschenkow, früherer Leiter des Moskauer Dopinglabors, sagte nach seiner Flucht in die USA aus, dass in Sotschi positive Proben mithilfe des Geheimdienstes ausgetauscht und manipuliert worden sind. Insgesamt sollen über ein Dutzend russische Medaillengewinner von Sotschi gedopt gewesen sein.

Welche Haltung nimmt Russland ein? Bislang hat das Land eine staatliche Beteiligung am Dopingsystem stets ausgeschlossen und sich gegen Sanktionen gewehrt. Selbst ein Start unter neutraler Flagge kommt für das Riesenreich nicht in Frage. Staatschef Wladimir Putin bezeichnete eine solche Anordnung als "Erniedrigung des Landes". Am Montagmittag gab es dann allerdings moderatere Töne. Laut Kreml gebe es keine Pläne für einen Boykott.

Welchen Stellenwert hätte ein Ausschluss Russlands? Wie erwähnt, wäre das in der mehr als 120 Jahre währenden Geschichte der olympischen Neuzeit ein Novum. Noch nie wurde ein Land wegen eines Dopingvergehens für Olympia gesperrt. Zwar gab es schon Ausschlüsse, die waren aber alle politisch motiviert. Russland wäre endgültig gebrandmarkt, sein bislang gutes Verhältnis zum IOC wäre wohl für lange Zeit zerstört.

Wie ist die Meinung in Deutschland? Unterschiedlich. Rechtsexperten wie Michael Lehner oder Sportpolitiker wie Dagmar Freitag fordern den Ausschluss, Vertreter von Sportverbänden warnen davor, unschuldige Athleten aus Russland zu sperren und sprechen sich gegen einen Kollektiv-Bann aus.

Quelle: n-tv.de, Nikolaj Stobbe, sid

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