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Personalrochade beim DHB-Team Sigurdsson, du Fuchs!

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Dagur Sigurdsson, der Trainer des DHB-Teams.

(Foto: imago/Camera 4)

Dagur Sigurdsson holt bei der Handball-WM in Frankreich Holger Glandorf und Hendrik Pekeler nach - und bleibt sich damit treu: Der Bundestrainer agiert mit dem kalten Pragmatismus eines Menschen, für den das Resultat über allem steht.

Handballer sind raue Gesellen, die für sich in Anspruch nehmen, nicht nur auf dem Spielfeld, sondern auch in Ansprache hart, aber herzlich zu agieren. Zum Beispiel Oliver Roggisch: Als der Teammanager der deutschen Nationalmannschaft vor Beginn der Weltmeisterschaft in Frankreich auf Holger Glandorf und Hendrik Pekeler angesprochen wurde, hat er doch tatsächlich den Begriff "Notnagel" verwendet. Despektierlich ist das nicht. Roggisch darf das, schließlich hat er in vielen Jahren an der Seite des Flensburgers Glandorf so manche Schlacht geschlagen. Als die Formulierung, die Roggisch da gebraucht hatte, nachhallte, beeilte sich der ehemalige Abwehrchef der deutschen Auswahl, seine Wortwahl zu relativieren: "Notnagel hört sich immer ein bisschen bescheuert an, vor allem bei Spielern mit dieser Qualität."

Was der Mannheimer damit sagen wollte: Wann auch immer Glandorf und Pekeler zum deutschen Team stoßen, sie werden es mit Sicherheit besser machen. Dieser Zeitpunkt ist nun erreicht. Zunächst sickerte am Mittwoch während der Partie gegen Weißrussland (31:25) durch, dass Glandorf den Europameister beim letzten Vorrundenspiel gegen Kroatien am Freitag (ab 17.45 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) im rechten Rückraum verstärken wird. Am Morgen danach wurde beim Medientermin im Mannschaftshotel verkündet, dass auch Pekeler nach Rouen reist.

Er wird in der Defensive im Mittelblock gebraucht, der beim Spiel gegen Weißrussland nicht wirklich stabil stand. Das Opfer der Personalrochade ist Rune Dahmke, der Linksaußen vom THW Kiel wurde kurzerhand ausgetauscht und reiste ab. Sigurdsson referierte über die Personalie ohne Emotionen: "Natürlich war er enttäuscht, aber wir haben solche Dinge in den letzten Jahren ja schon gelebt. Nun hat es also ihn erwischt." Sigurdsson ist ein Vollprofi und zudem ein cleverer Stratege. Er nutzt ganz bewusst den Spielraum, den ihm die Regularien des Weltverbandes IHF bieten. Der Passus des sogenannten "Late Entry" lässt zu, bis zu drei Akteure erst im Verlaufe eines Turniers einzubinden. Der Isländer hatte von vornherein nur 15 statt der erlaubten 16 Spieler mitgenommen, nun tauscht er also aus, um das Mannschaftsgefüge zu stärken.

Warum macht's eigentlich nur Sigurdsson?

Das ergibt sowohl bei Glandorf als auch bei Pekeler Sinn. Der Abwehrhüne von den Rhein-Neckar-Löwen war im abgelaufenen Jahr im Dauereinsatz. Nach mehr als 70 Spielen fühlte sich Pekeler so überspielt und ausgelaugt, dass er in der Nationalmannschaft um eine Auszeit bat. Auch Glandorf benötigt im Herbst seiner Karriere dringend Schonung. Indem Sigurdsson beide Profis während der frühen Turnierphase, in der es gegen internationale Leichtgewichte lediglich um die Höhe der Siege ging, in der Heimat ließ, verfügt er nun über Nachrücker, die tatendurstig und im Vollbesitz ihrer Kräfte sind. Allerdings verzögerte sich die Anreise des Kreisläufers aufgrund eines Zugausfall, sodass er das Nachmittagstraining mit der Mannschaft verpasste. Pekeler wird also gegen Kroatien einen Kaltstart in die WM erleben. Der Schritt, Spieler zum Ende der Vorrunde auszutauschen, ist so stringent, dass man sich fragt, warum andere Trainer nicht mehr Gebrauch von dieser Möglichkeit machen.

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Mittlerweile unverzichtbar: Kai Häfner.

(Foto: dpa)

Sirgudsson weiß genau, was er tut. Bereits vor einem Jahr, als die deutsche Mannschaft in Polen sensationell zum Gewinn der Europameisterschaft stürmte, rochierte der Isländer. Mit dem größtmöglichen Erfolg: Er ließ Kai Häfner (TSV Hannover-Burgdorf) und Julius Kühn (VfL Gummersbach) - beide sind bei dieser WM bereits von Anfang an dabei - nachkommen, die mit ihren Toren zu entscheidenden Bausteinen für den Titelgewinn wurden.

Glandorf, ein Mann für den Unterschied

Ähnliches erhofft sich Sigurdsson nun auch von Pekeler und Glandorf. Der Weltmeister von 2007 war im September 2014 aus der Nationalmannschaft zurückgetreten, weil für ihn die Belastung in drei Klubwettbewerben und in der Auswahl zu groß wurde. Nun ließ er sich vor der WM zum Comeback unter der Prämisse überreden, nicht das volle Programm bestreiten zu müssen. "Wir wissen, dass er keine zehn Spiele binnen drei Wochen mehr schafft", sagt Sigurdsson. Nun macht er aus der Not eine Tugend, weil er darauf hoffen darf, dass ein Glandorf in bester Verfassung für den Unterschied sorgt.

"Er wird uns riesig helfen können", sagt Kai Häfner, der im rechten Rückraum bislang als Alleinunterhalter fungierte und ab sofort mit weniger Spielzeiten rechnen muss. Sigurdsson erhofft sich durch die beiden frischen Kräfte "eine bessere Balance von Abwehr auf Angriff". Dass er mit seinen Personalentscheidungen Härtefälle wie den des Rune Dahmke schafft, nimmt Sigurdsson bewusst in Kauf. Der scheidende Erfolgstrainer, den es nach der WM nach Japan zieht, agiert auch bei seiner letzten Mission mit dem eiskalten Pragmatismus eines Menschen, für den das Resultat über allem steht. Wenn es um den Erfolg geht, regiert beim 43-Jährigen der Kopf, nicht das Herz.

Sigurdsson kann so planen, weil er weiß, dass sich die Statik seiner Mannschaft, in der Teamgeist eine der großen Stärken ist, nicht verändern wird. Pekeler ist als Leistungsträger der Gruppe, die Europameister wurde und Olympiabronze holte, sowieso akzeptiert. Und der unkapriziöse und stets bescheidene Glandorf ist in Spielerkreisen so beliebt, dass die Gefahr von Neid und Missgunst nicht besteht. "Die ganze Mannschaft freut sich auf Holger. Dass er riesen Qualitäten hat, weiß jeder", sagt Häfner: "Wir werden uns gut ergänzen, er wird uns im Turnier noch sehr helfen."

Quelle: n-tv.de

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