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Mittwoch, 05. Februar 2014

Wie der Diktator die Olympia-Stadt prägte: Sotschis Charme und Stalins Beitrag

Von Christian Bartlau, Sotschi

Anfang des 20. Jahrhunderts ist Sotschi ein mückengeplagtes Nest am Schwarzen Meer. Vierzig Jahre später machen tausende Arbeiterfamilien Urlaub in schmucken Sanatorien. Es ist der Diktator Stalin, der Sotschi zum Kurort macht.

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Es ist nicht so einfach, zu Stalin zu kommen. Der Wachmann weigert sich, die Schranke hochzulassen. Seine Miene verrät, dass er seine Meinung nicht ändern wird. Der Dolmetscher zuckt mit den Schultern. Er hatte mit dem Museum einen Termin vereinbart, doch davon will heute keiner mehr etwas wissen.

Vor 75 Jahren war hier auch kein Weiterkommen. Damals patrouillierten Soldaten und Scharfschützen lagen auf der Lauer, denn in der Datscha auf einem Hügel Sotschis machte der mächtigste Mann der Sowjetunion Urlaub: Josef Stalin.

Der Diktator entdeckte die segensreiche Wirkung der Heilbäder am Schwarzen Meer Ende der 1920er-Jahre für sich. Den Machtkampf um Lenins Nachfolge in der Kommunistischen Partei hatte er da schon für sich entschieden, aber ihn plagten ganz profane Probleme: Ein Hexenschuss setzte ihm zu. Die Kuren im Schwefelwasser Sotschis brachten Linderung und bereiteten ihn auf die harte Zeit im Moskauer Winter vor. 1937 ließ er sich eine Datscha bauen, auf einem Hügel in 160 Meter Höhe, geschützt von einem Wäldchen. Der "Grüne Hain" wurde sein bevorzugter Rückzugsort, immer wieder verbrachte er ganze Monate in Sotschi. In dieser Zeit entwickelte sich die Stadt zum bekanntesten Kurort der Sowjetunion.

Kampf gegen die Malaria

Heute hat Sotschi sein Gesicht komplett verändert. Die Olympischen Spiele brachten Investitionen von 50 Milliarden Euro, brachten Hochhäuser, ganz neue Stadtviertel, neue Bahnhöfe, einen neuen Flughafen. Doch die Spuren von Stalins Sotschi, sie sind weiterhin überall zu sehen. Dutzende Sanatorien stehen noch mit ihren neoklassizistischen Fassaden. In diesen Kurhotels erholten sich die Arbeiterfamilien der Sowjetunion. Sie tragen die Namen von Parteigrößen wie Grigori Ordschonikidse, dem Volkskommissar für die Schwerindustrie. Ende der 1920er hatte es in Sotschi sechs Sanatorien mit rund 650 Betten gegeben. 1940 waren es schon 60 Sanatorien und Krankenhäuser mit rund 9000 Betten.

Das Orschonikidse-Sanatorium ist seit 2010 geschlossen.
Das Orschonikidse-Sanatorium ist seit 2010 geschlossen.(Foto: REUTERS)

Doch die größte Herausforderung waren nicht die Bauten. In Sotschi grassierte Anfang des 20. Jahrhunderts die Malaria, das sumpfige Gebiet bot Mücken ein ideales Brutgebiet. Also ließen die Behörden ab 1920 Eukalyptus-Bäume pflanzen, die extrem viel Wasser benötigen und die Sümpfe austrockneten. Zusätzlich siedelten sie Koboldkärpflinge an, die sich von den Larven der Stechmücken ernähren. So konnte die Malaria schnell eingedämmt und Sotschi als Kurort etabliert werden.

Im Zweiten Weltkrieg diente die Stadt als eines der größten Lazarette an der Ostfront. Zwar wurden Teile der Stadt zerstört. Doch sie wurden schnell wieder aufgebaut, so dass Sotschi seine Stellung als bedeutendster Kurort der Sowjetunion behielt. Während des Krieges hielt sich Stalin nicht in seiner Lieblings-Datscha auf. Zum letzten Mal besuchte er den "Grünen Hain" 1947. Nach seinem Tod 1953 verbrachten hohe Parteifunktionäre dort ihren Urlaub. Als sein Nachfolger Nikita Chruschtschow in einer berühmt gewordenen Geheimrede die Entstalinisierung der Sowjetunion einleitete, verschwanden die Spuren des Diktators zunächst auch aus seiner Datscha.

Ein Becken für den Nichtschwimmer

Wer heute in die Datscha eingelassen wird, bekommt wieder einen Eindruck vom mächtigsten Mann der Sowjetunion. Auch von der Paranoia des Mannes, der seine Widersacher kaltblütig ausschalten ließ. Das Ledersofa im Arbeitszimmer ist mit kugelsicherem Rosshaar gepolstert. Einen Springbrunnen ließ Stalin gleich wieder entfernen - er fürchtete, das plätschernde Wasser könnte anschleichende Attentäter übertönen.

Die Räume des Diktator zeigen aber auch, wie Stalin sich entspannte: beim Billard und in seinem Kinosaal, wo er stets allein Filme schaute, damit niemand seine Gefühlsregungen sehen konnte. Auch über ein Schwimmbecken verfügte die Datscha, angeblich, weil Stalin sich genierte, in der Öffentlichkeit zu baden. Seine Tochter Swetlana Allilujeva erinnert sich in ihren Memoiren allerdings, dass ihr Vater nie geschwommen sei. "Er war Nichtschwimmer. Auch die Sonne mochte er nicht. Das Einzige, was ihm wirklich gefiel, waren Spaziergänge im Schatten des Waldes."

Noch schwerer als in Stalins "Grünen Hain" kommt man übrigens zur "Botscharow Rutschei". Diese Datscha steht seit den 1950er-Jahren in Sotschis Stadtteil Dagomys - und dient dem russischen Präsidenten als Landsitz. Wladimir Putin wird dort wohl auch während der Spiele ranghohe Staatsgäste empfangen und ihnen sein neues Sotschi zeigen.

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Quelle: n-tv.de