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Vetters spektakuläre Rekordshow Speerwurf-Boygroup rockt und schockt

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Johannes Vetter setzt an zum großen Wurf - und verbessert den Deutschen Rekord.

(Foto: imago/Beautiful Sports)

"Exorbitante" Weiten wie am Fließband, den 22 Jahre alten Deutschen Rekord mehrfach geknackt - "diese Speerwurf-Generation ist außergewöhnlich", sagt der Bundestrainer. Die interne Konkurrenz beflügelt - und so ist eine Medaille bei der WM Pflicht.

Er fliegt und fliegt - ein Speer, der schließlich weit jenseits der 90-Meter-Marke landet. 94,44 Meter - Deutscher Rekord. Der zweite innerhalb von nur zehn Wochen. Olympiasieger Thomas Röhler steht im Anlauf im Stadion von Luzern und applaudiert. Denn nicht etwa er - der Überüberflieger unter den aktuellen Überfliegern der deutschen Leichtathletik - verbessert seinen eigenen Rekord. Sondern Kollege Johannes Vetter übertrumpft den 25-Jährigen aus Jena um 54 Zentimeter.

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"Ich war schon nach den ersten beiden Versuchen voller Adrenalin", so der Olympia-Vierte Vetter. "Das ist unglaublich. Nach dem Aufwärmen habe ich 90 Meter erwartet, aber 94,44 Meter - unglaublich. Ich werde einige Tage brauchen, um das zu begreifen." Da steht er, der 1,88 Meter und 105 Kilogramm schwere Modellathlet - und hat selbst kaum Worte für seine Leistung. Er hat eben den zweitweitesten Wurf der Geschichte abgefeuert. Nur Weltrekordler Jan Zelezny aus Tschechien hat je weiter geworfen (98,48 Meter) als der Dresdner, der in Offenburg beim ehemaligen Weltklasse-Athleten und heutigen Bundestrainer Boris Obergföll trainiert. Dessen Bestweite hat "Jojo" nun ganz nebenbei auch übertroffen - die liegt seit 1995 bei 90,44 Meter.

Wachablösung kurz vor der WM?

Bisher standen für den 24-jährigen Vetter in dieser Saison 89,68 Meter, 89,35 Meter, 88,74 Meter und 88,15 Meter zu Buche. Eine gigantische Serie, er war hinter Röhler in dieser Saison die Nummer zwei der Welt. Doch am Dienstagabend ist Sportsoldat Vetter zur Nummer eins aufgestiegen und dem exklusiven Klub der 90-Meter-Werfer beigetreten. Und das nicht mit einem Wurf: gleich viermal fliegt sein 800 Gramm schwerer Speer in Luzern über diese magische Grenze.

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Thomas Röhler applaudiert brav.

(Foto: imago/Geisser)

Zuletzt war er am Wochenende bei den Deutschen Meisterschaften noch knapp an der Schallmauer gescheitert. Sein Meistertitel dürfte ihn allerdings darüber hinweggetröstet haben. Denn zum zweiten Mal in Folge hatte er in Erfurt seinen ärgsten Konkurrenten - und guten Freund - Röhler geschlagen. Dabei werfen die beiden sowie der ebenfalls 25-jährige Andreas Hofmann "exorbitante" Weiten, wie Obergföll es nennt. Die internationale Konkurrenz wird regelmäßig geschockt - und kann nur staunend zusehen. "Es muss das Ziel sein, dass sie regelmäßig 87 bis 90 Meter werfen, das wäre besser als bei Raymond Hecht und mir damals", so Obergföll gegenüber n-tv.de. Weiten, die die drei derzeit scheinbar problemlos abliefern. Dass die stärkste Konkurrenz ausgerechnet aus dem eigenen Land kommt, ist ein Segen für den nicht gerade reich an Superstars bestückten Leichtathletik-Verband (DLV).

Diskuswerfer Robert Harting ist zwar immer noch Weltklasse, aber schon fast als Altmeister zu bezeichnen. Ein erneuter Sieg bei der im August anstehenden WM ist längst nicht sicher. Sein Bruder Christoph, der ihn im vergangenen Jahr als Olympiasieger abgelöst hat, steckt im Formtief und wird gar nicht erst nach London reisen. Die Sprinterinnen und Hürdensprinterinnen sind zwar gut wie lange nicht, aber international wird es auch eine Gina Lückenkemper schwer haben. Kugelstoßer David Storl kommt nur langsam in Fahrt und Mateusz Przybylko könnte bei den Hochspringern für eine Überraschung bei der WM sorgen. Immerhin ist er der Zweitbeste des Jahres. Auch Dreispringer Max Heß ist in Topform und amtierender Europameister, doch weltweit steht er nur auf Platz 13.

"Spaß im Team"

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Das Speerwerfen aber boomt in Deutschland. Spätestens seit sich Thomas Röhler im vergangenen Jahr zum Olympiasieger von Rio gekrönt hat. Die drei Jahresbesten 2017 kommen aus dem eigenen Land. Zudem haben mit Lars Hamann, Julian Weber und Bernhard Seifert drei weitere Athleten die WM-Norm von 83 Metern um mindestens eineinhalb Meter übertroffen. Obergföll kann damit jetzt die Früchte seiner jahrelangen Arbeit ernten. "Viele Jahre habe ich versucht, aus den vielen Individualisten ein Team zu formen. Wir wollen unser Know-how gegenseitig nutzbar machen", erklärt der Bundestrainer. Jetzt klappe das ziemlich gut. Wichtig dabei sei auch die Harmonie - sowohl der Athleten als auch der Trainer. Der Konkurrenzkampf sporne an, aber "sie arbeiten miteinander und haben Spaß im Team", so Obergföll. Das bestätigt auch Vetter: "Wir sind ein gutes Team, das ist der Grund für unseren Erfolg."

Trotzdem: "Diese Speerwurf-Generation ist außergewöhnlich", so Obergföll. Röhler schreibt noch am Dienstagabend: "Wenn 89 Meter der Durchschnitt sind, passiert etwas verrückt Gutes!" Dazu postete er ein Foto von sich und Kumpel Vetter. Auch andere deutsche Athleten feiern die Überflieger: "Hut ab! Wahnsinnsleistung von Johannes Vetter!", schreibt der seit Langem verletzte Ex-Weltmeister Matthias de Zordo. "Fetten, fetten Glückwunsch an dich und dein Team, Jojo", schrieb Hürdensprinter Gregor Traber. Sprinter Julian Reus gratuliert: "Wow … einfach nur wow … Was für ein Wurf, was für eine Serie." Und Lückenkemper kommentiert: "Jojo, du Tier!"

Mindestens eine WM-Medaille ist eingeplant

Die Deutschen sorgen also für beste Voraussetzungen für die Weltmeisterschaft. Alles läuft auf ein Giganten-Duell der beiden so unterschiedlichen Athleten heraus. Vetter kommt über seine unbändige Kraft, nennt sich selbst einen "Hau-Drauf-Typen"  - Röhler ist explosiv und technisch enorm versiert. Natürlich sei mindestens eine Medaille das Ziel, bestätigt auch Obergföll. "Wenn ich was anderes sagen würde, würden mich alle für verrückt erklären." Zuerst aber sei das wichtigste, dass alle drei in den kommenden Wochen gesund bleiben. "Speerwurf ist eine Sportart, bei der einen leichte Verletzungen extrem zurückwerfen können", so Obergföll. Auf dem Weg zum Titel prophezeit der Bundestrainer einen "heißen Kampf, der auch was für die Zuschauer sein wird." Heimliche Träume von zwei bis sogar drei Medaillen sind da natürlich erlaubt.

Etwas ruhiger lässt es Röhler angehen: "Auch wenn wir die Nummer eins, zwei und drei in der Weltrangliste sind, wird die WM noch lange kein Selbstläufer." Er hatte in Erfurt erleben müssen, dass er nicht auf Kommando 90-Meter-Würfe hinlegen kann - die rutschige neue Anlaufbahn hatte ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Und so flog sein weitester Wurf bei den Meisterschaften "nur" auf 85,24 Meter. In Luzern bewies er, dass er im Hinblick auf London mehr drauf hat: 89,45 Meter. Doch das war ob des Rekords von Johannes Vetter kaum mehr als eine Randnotiz.

 

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Quelle: n-tv.de

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