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Analyse mit Darts-Stimme Paulke "Van Gerwen nutzt das Bayern-Phänomen"

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Michael van Gerwen (MvG) wird Weltmeister, sagt Experte Elmar Paulke.

(Foto: imago/Action Plus)

Es ist das Duell der beiden Darts-Giganten: Mentalitätsmonster und Titelverteidiger Gary Anderson trifft auf Scoring-Maschine und den niederländischen Seriensieger Michael van Gerwen. Wer das Traumfinale der Weltmeisterschaft 2017 im legendären "Ally Pally" gewinnt und was Deutschlands Top-Spieler Max Hopp noch zur absoluten Weltklasse fehlt, verrät Darts-Stimme Elmar Paulke im Gespräch mit n-tv.de.

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Elmar Paulke ist die deutsche Stimme des Darts.

(Foto: imago/osnapix)

Mentalitätsgigant Gary Anderson trifft heute Abend im Finale der Darts-WM auf die irre Scoring-Maschine Michael van Gerwen. Wird es das beste Finale aller Zeiten?

Elmar Paulke: Was in diesem Jahr bei der Darts-WM abgeht, das ist der absolute Wahnsinn. So eine Qualität haben wir bisher noch nie gesehen. Nicht nur das Halbfinale von Michael van Gerwen gegen Raymond van Barneveld war sensationell, auch die Leistung von Gary Anderson in seinem Viertelfinale gegen Dave Chisnall war einfach überragend. Die Vorfreude auf heute Abend ist riesig. Und ja, ich glaube dieses Duell hat das Potenzial das bislang als bestes Match aller Zeiten geltende WM-Finale von 2007 zwischen van Barneveld und Phil Taylor in den Schatten zu stellen. Die Qualität von MvG und Gary ist einfach noch ein bisschen höher – wenn Sie denn das spielen, was sie bisher gezeigt haben.

Das ist Elmar Paulke

  • Elmar Paulke ist Sportjournalist und Moderator.
  • Seit dem Jahr 2005 kommentiert er für Sport1 die WM und andere Übertragungen der PDC-Turniere.
  • Er gilt als die deutsche Stimme des Darts.
  • Gemeinsam mit Spieler Tomas "Shorty" Seyler hat sich Paulke in Deutschland eine große Fangemeinde erarbeitet.
  • Paulke hat auch bereits mehrere Bücher über den Darts-Sport geschrieben.

Haben Sie Sorge, dass die Leistungen ausgerechnet im Finale einbrechen?

Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Dafür spielen beide bislang einfach viel zu stark und überzeugend. Es wird ein ganz, ganz enges Match. Ein Match der Big-Point-Momente. Ein Lauern auf Fehler. Ein ständiges zur Stelle sein und in den wichtigen Phasen dann die 180 zu werfen.

Also gibt's nach dem Halbfinal-Rekord von van Gerwen heute Abend den nächsten Super-Average?

An einen neuen Rekord glaube ich nicht. Aber ich glaube, dass etwas Historisches passieren wird. Vielleicht die meisten 180 in einem Spiel? Beide haben das drauf. Sie spielen einen unglaublich schnellen Rhythmus. Sie wollen in einen Rausch kommen, nicht das Spiel des anderen durch Tempoverschleppung zerstören. Beide denken über sich selbst: Wenn ich mein Topspiel bringe, dann gewinne ich. Das macht es ja so unglaublich spannend.

Was spricht denn für den Titel-Hattrick von Anderson und was für den erst zweiten WM-Titel des, wie ihn der "Spiegel" ehrenvoll nannte, siegenden Holländers?

Anderson hat das absolute Selbstvertrauen im Ally Pally zu gewinnen. Die WM ist sein Turnier. Niemand beherrscht den so selten gespielten Set-Modus besser als er. Er weiß: Ich kann mir Schwankungen erlauben. Anderson wird nicht nervös. Er ist keine Maschine wie van Gerwen, aber in entscheidenden Momenten ist er kaum zu bezwingen. Wie oft er in Entscheidungslegs zwei 180er nacheinander rausschraubt, das ist so unglaublich gut.

Und warum gelingt es van Gerwen dennoch den Schotten zu besiegen?

Darts-WM: So wird gespielt

Bei der Weltmeisterschaft duellieren sich die Kontrahenten in der am weitesten verbreiteten Darts-Variante "501". Jeder Spieler beginnt mit 501 Punkten und muss diese genau auf 0 Punkte herunterspielen. Geworfen wird immer im Wechsel mit je drei Pfeilen. Der letzte Pfeil um auf 0 zu kommen, muss ein Doppelfeld treffen. Die höchstmögliche Punktzahl, die mit einem Pfeil geworfen werden kann, ist 60. Dafür müssen die Spieler in das Triple-20-Feld treffen. Ein Treffer in das Bull's Eye wird mit 50 Zählern belohnt.

Wer als Erster genau 0 Punkte erreicht, gewinnt ein sogenanntes Leg. Drei gewonnene Legs bringen den Gewinn eines Satzes. Die Anzahl der Gewinnsätze erhöht sich im Laufe des Turniers. Im Finale gilt es, sieben Sätze für sich zu entscheiden. Kommt es zu einem finalen 13. Entscheidungsset, braucht der Sieger zwei Legs Vorsprung. Wem das als Erstem gelingt, der gewinnt den Titel.

Besonders begeistert sind die Zuschauer von einem "9-Darter". Man benötigt mindestens 9 Pfeile, um von 501 auf 0 Punkte zu kommen. Ein 9-Darter ist also das bestmögliche Spiel. Er wird bei der WM mit bis zu 25.000 Pfund prämiert.

Ein komplettes Darts-ABC zum Mitreden finden Sie hier.

MvG hat ein Selbstvertrauen für zehn. Der weiß einfach, dass er alles gewinnt, wenn er gut spielt. Viele Matches holt er sich auch schon im Vorfeld, weil die Gegner resignieren. Das ist das aus dem Fußball bekannte Bayern-Phänomen: Die Bayern denken, dass sie gewinnen, der Gegner denkt, dass die Bayern gewinnen und auch die Zuschauer erwarten nichts anderes. Diesen Glauben transportiert van Gerwen wie kein Zweiter. Und spätestens seit dem Halbfinale gestern Abend weiß er auch: Ich halte jedem Druck stand. Diese Leistung muss sich ja selbst für einen wie ihn monstermäßig angefühlt haben.

Worauf wird's denn ankommen?

Es gibt so viele Faktoren. Ein ganz, ganz wichtiger sind die Zuschauer. Als Spieler willst du unbedingt in diesen Tunnel kommen, wo du weißt, es läuft. Aber das ist so unfassbar schwer, wenn diese positiv bekloppte Horde hinter dir diesen Höllenlärm macht. Wem es besser gelingen wird, diese Lärmhölle, dieses Abfeiern durch die Fans auszublenden, sich auf sich selbst und sein Spiel zu konzentrieren, der wird Weltmeister.

Was da im "Ally Pally" Abend für Abend an Begeisterung losgetreten wird, ist ja eigentlich kaum zu verstehen. Da stehen Typen auf der Bühne, die mehr Anti-Held nicht sein könnten. Was ist da los, Herr Paulke?

Die Atmosphäre ist wirklich jedes Mal aufs Neue unglaublich. Aber nicht nur im Ally Pally. Für das Premier-League-Event in Rotterdam waren die Tickets in diesem Jahr in nicht mal 30 Minuten vergriffen und wir reden da von 10.000 Zuschauern! Diese Begeisterung hat, glaube ich, vor allem damit zu tun, dass die Fans sich voll mit den Profis identifizieren können. Anders als bei den Cristiano Ronaldos der Welt, hast du bei den Jungs immer das Gefühl, dass du da rankommen könntest. Das macht es aus. Und die Spitze der Begeisterung ist ja noch längst nicht erreicht …

… was angesichts der Bilder aus London und der medialen Aufmerksamkeit ja kaum vorstellbar ist.

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Party im "Ally Pally".

(Foto: imago/BPI)

Warten Sie mal ab, wenn erst ein Deutscher in der Spitze richtig mitmischt. Da geht's hierzulande nochmal richtig bergauf. Das haben wir ja in anderen Sportarten auch schon gesehen. Aber es ist jetzt schon verrückt, was für Wellen Darts mittlerweile schlägt. Im letzten Jahr wurde ich von einem Unternehmen von der Frankfurter Börse angesprochen, sie wollten Darts als Firmenfeier. Ich dachte mir: Wie passt das zusammen? Aber dann gab's Bier statt Lachshäppchen und es wurde richtig lustig. Das ist schon verrückt.

Wann gibt's denn den ersten deutschen Weltmeister?

Puh, das wird sicher noch ein paar Jahre dauern. Aber wir merken, wie viele Jugendliche sich durch die Fernsehübertragungen mittlerweile für Darts begeistern, hart trainieren und sehr schnell sehr gut werden. Selbst meine beiden Jungs sind heiß wie Frittenfett, dabei sind sie gerade erst sechs und acht. Wie sie eine 65 auschecken müssen, brauch ich denen nicht mehr zu erklären. Das errechnen sie sich schon selbst.

Vor der WM wurde der erst 20 Jahre alte Max Hopp gehypt. Sie stehen ihm dagegen kritisch gegenüber. Warum?

Ich bin der Meinung – er sieht das übrigens anders -, dass Max nicht professionell aufgestellt ist. Darts ist ein Mentalsport, da geht es in der Weltspitze nur um ein paar Prozent. Du musst in der Lage sein, deine Chancen zu nutzen, beim Scoring mitzugehen, die Doppel sicher zu treffen. Und das nicht nur am Practice Board. Dafür musst du dich voll auf das Spiel konzentrieren und fokussieren.

Das tut Max Hopp nicht?

Für mich wird er von zu vielen Nebengeräuschen begleitet, er kümmert sich um zu viele Dinge neben dem Sport. Aber er will es so. Angebote von professionellen und im Darts-Sport bewährten englischen Management-Agenturen hat Max ausgeschlagen, weil er sich auf eigene Faust durchschlagen will. Aber schauen wir uns van Gerwen an: Er bekommt alles abgenommen, er kann sich voll auf sein Spiel konzentrieren …

und wird deswegen heute Abend Weltmeister?

Ich tue mich echt schwer, mit einer Prognose. Aber wenn ich muss, dann sage ich: Ja, van Gerwen wird heute Abend Weltmeister.

Mit Elmar Paulke sprach Tobias Nordmann

Quelle: ntv.de