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Für die lavierende Gangart des IOC in der Russland-Frage hat Travis Tygart kein Verständnis.
Für die lavierende Gangart des IOC in der Russland-Frage hat Travis Tygart kein Verständnis.(Foto: imago/Martin Hoffmann)
Donnerstag, 30. November 2017

Tygart zu Russlands Dopingfarce: "Wäre verheerend, wenn IOC erneut versagt"

Mit spektakulären Dopingskandalen kennt sich Travis Tygart aus – und damit, sie kompromisslos aufzuklären. Als Chef der US-Antidopingagentur Usada leitete der 46-jährige Jurist die Ermittlungen, die 2013 zur Aberkennung der sieben Tour-Siege von Lance Armstrong führten. Härte und Konsequenz fordert Tygart auch vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) im Skandal um russisches Staatsdoping. Im Interview mit n-tv.de machte der Dopingjäger auf der Konferenz Play the Game in Eindhoven vor der IOC-Entscheidung am kommenden Dienstag deutlich: "Es wäre verheerend, wenn das IOC erneut versagt." Und er erklärte, warum das russische System selbst das DDR-Doping übertrifft – und wieso Russlands Verhalten seit Aufdeckung des Skandals eine "Farce" ist.

n-tv.de: Am 5. Dezember entscheidet das IOC, ob Russland bei den Winterspielen 2018 antreten darf. Welche Sanktionen fordern Sie angesichts der bekannten Fakten über das russische Staatsdoping im McLaren-Report?

Tygart: 37 nationale Anti-Doping-Agenturen einschließlich der Usada sowie die Athletenkommission der Wada und andere Gruppen von Sportlern fordern eine Suspendierung des Russischen Olympischen Komitees. Mit einer Ausnahme: Wenn einzelne russische Sportler nachweisen können, dass sie nicht in das Dopingprogramm involviert waren, dürfen sie unter neutraler Flagge starten.

Sie sehen also genug Beweise für eine Kollektivstrafe gegen Russland?

Travis Tygart sieht die Art der Führung des IOC durch Thomas Bach kritisch.
Travis Tygart sieht die Art der Führung des IOC durch Thomas Bach kritisch.(Foto: dpa)

Ja! Der McLaren-Report beweist zweifelsfrei, dass der Staat in die Koordination, Überwachung und Finanzierung dieses ausgetüftelten Systems involviert war, mit dem die Olympischen Spiele hintergangen werden sollten und gezielt Sportler in internationalen Wettbewerben gedopt wurden, um zu gewinnen. Bisher wurden fast 15 Olympia-Medaillen von 2012 annulliert und 10 Medaillen der Sotschi-Spiele 2014. Die Beweise sind da.

Sie hoffen auf einen Olympia-Ausschluss Russlands. Welche IOC-Sanktion befürchten Sie tatsächlich?

Wir werden sehen. Das IOC hat erneut eine wundervolle Gelegenheit, zu beweisen: Sauberer Sport zählt, die Olympische Idee zählt. Sie können die kraftvolle Botschaft senden, dass man die Welt nicht absichtlich betrügen, die Olympischen Spiele nicht korrumpieren kann – und dann einfach so damit durchkommt und ohne Narben davonspaziert. Es ist eine schwierige Situation. Vor Rio hat das IOC nicht die Entscheidung getroffen, um die Wada und die Nadas (Anmerk. d. Red: Welt-Anti-Doping-Agentur und Nationale Doping-Agenturen) gebeten hatten. Aber sie haben noch eine Chance, das Richtige zu tun. Weltweit warten Sportler und viele andere Leute mit Sorge, ob das IOC seinen Worten endlich Taten folgen lässt.

Bislang kann der Umgang mit dem russischen Dopingskandal durch das IOC und Thomas Bach als eine Serie verpasster Chancen beschrieben werden. Warum tut sich das IOC so schwer, ernsthafte Schritte gegen Russland zu unternehmen und damit die Olympischen Werte hochzuhalten?

Ich bin nicht sicher, aber ich weiß: Es ist nicht immer einfach, das Richtige zu tun. Wenn du ein Sportpromoter bist, ist es dein Job, deinen Sport zu größer zu machen. Dann harte Entscheidungen zu treffen, andere zur Rechenschaft zu ziehen, die hässliche Seite des Sports aufzudecken und Gerechtigkeit sicherzustellen - das ist nicht einfach. In gewisser Weise verstehe ich das sogar. Aber ich akzeptiere es natürlich nicht.

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Erst kürzlich hat die Weltantidopingagentur Wada die Suspendierung der russischen Anti-Doping-Agentur Rusada verlängert. Anders als vor den Rio-Spielen fordert die Wada diesmal aber nicht explizit Russlands Olympia-Ausschluss. Hat das irgendeinen Sinn?

Es hat sich nichts verändert im Vergleich zur Situation vor Rio. Tatsächlich ist die Beweislage jetzt sogar noch weitaus klarer, dass der Staat und das Russische Olympische Komitee in den Plan eingebunden waren, die Welt zu betrügen. Nichts hat sich verändert und wir sind natürlich enttäuscht, dass die Wada nicht auch den nächsten Schritt gemacht hat. Aber: Vor Rio hat es auch nichts Gutes bewirkt. Letztlich hat immer noch das IOC die Macht und die Kontrolle über die Entscheidung. Hoffen wir, dass sie diesmal das Richtige machen.

Fühlen Sie sich dennoch in Ihrer wiederholten Kritik bestärkt, dass es der Wada mit ihrer aktuellen Struktur an der nötigen Unabhängigkeit vom Sport fehlt, um effektiv zu arbeiten und saubere Athleten zu schützen?

Wir reden jeden Tag mit den Athleten, wir hören ihnen zu. Sie sind die Kritiker des Systems. Und sie haben entweder schon das Vertrauen verloren oder ihr Glaube daran ist schwer erschüttert, dass IOC und Wada saubere Athleten tatsächlich beschützen können. Das ist sehr bedauerlich, weil ihr Vertrauen ins System unsere einzige echte Chance ist, um sie zu überzeugen: Fair spielen und fair gewinnen ist der einzig richtige Weg. Wenn das Vertrauen der Athleten einmal gebrochen ist, lässt es sich ohne echte Veränderungen nur unglaublich schwer wiederherstellen. Kosmetische Korrekturen reichen nicht. Wir müssen das System reparieren, fundamentale Dinge ändern. Und ein entscheidender Schritt dabei ist: Warum nicht Sportfunktionäre aus dem Antidopingkampf entfernen?

Warum nicht?

Es gibt keinen guten Grund. Außer, dass sie die Kontrolle verlieren würden. Wenn die Sportfunktionäre ehrlich wären, würden sie das auch zugeben. Denn genau deshalb stecken sie jetzt in der Klemme: Weil sie die Situation kontrollieren wollten, anstatt zuzulassen, dass die Regeln fair und im Sinne der sauberen Athleten angewendet werden. Der einzige Grund, Sportfunktionäre nicht aus der Wada-Exekutive zu entfernen, ist, dass sie weiterhin kontrollieren können.

Der Ehrenpräsident des russischen NOK hat letzte Woche gefordert, Whistleblower Grigori Rodschenko zu erschießen. Präsident Putin bestreitet jede staatliche Verstrickung und wirft dem Westen eine Verschwörung vor, andere russische Funktionäre drohen mit einem Olympiaboykott. Wie bewerten Sie das russische Verhalten im Dopingskandal und das Fehlen jeglicher öffentlicher Reue?

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Es ist unglaublich, dass die Taktiken eines Sportsystems, das die Welt betrogen hat, nicht einmal davor zurückschrecken, nun auch noch das Leben derjenigen zu bedrohen, die hervortreten, um ehrlich zu sein. Es ist schockierend, es ist verabscheuungswürdig, dass sie solch ein Statement abgeben. Und was dabei besonders traurig ist: Das IOC schweigt, anstatt dieses Verhalten und diesen Ton umgehend zu verurteilen. Es ist eine Farce. Wir lassen jene, die sich nicht den olympischen Werten des Fair Play, von Inklusion, menschlichem Anstand und Menschenrechten verschreiben, letztlich die Ergebnisse der vergangenen zwei Olympischen Spiele und möglicherweise noch von dritten Spielen kontrollieren. Mit Taktiken, die nichts mit dem Olympischen Geist gemein haben. Es ist unglaublich, dass die IOC-Führung unter Thomas Bach das hinnimmt. Dass sie nicht bereit ist, entschlossen zu handeln, um sicherzustellen: Diese Art Anti-Olympische-Idee wird nicht toleriert.

Sind Sie persönlich enttäuscht von Thomas Bach?

Das IOC ist eine Organisation. Aber das Führungsverhalten von Einzelnen ist natürlich absolut entscheidend für die Handlungen dieser Organisation. Es gibt für Präsident Bach jetzt eine Gelegenheit, sein Vermächtnis zu definieren – auf die eine oder die andere Weise. Hoffen wir, es wird diesmal anders definiert als vor 15 Monaten bei der wirklich enttäuschenden Entscheidung vor Rio.

Der erste Bericht zu systematischem Doping in der russischen Leichtathletik 2015 deutete an, dass Russland nur die Spitze des Eisbergs sein könnte und empfahl, auch andere Länder zu untersuchen. Zwei Jahre später bleibt Russland das einzige Land, gegen das gründlich ermittelt wird. Wie plausibel ist das?

Ich finde, dass nicht einmal Russland gründlich untersucht wurde. Deshalb haben wir erst in dieser Woche von neuen Beweisen zur Fifa und dem russischen Fußball gehört. Deshalb haben wir kürzlich von der neuen Datenbank aus dem Moskauer Labor erfahren, die die Wada erhalten hat. Die Wada muss erst noch eine vollständige Untersuchung aller Fakten durchführen, die in den vier Russland-Berichten ans Licht gekommen sind.

Trotzdem: Scheint es Ihnen plausibel, dass Russland das einzige Land mit einem systematischen Dopingplan ist?

Mein Job ist es nicht, wie ein Sportpromoter immer nur das Gute zu denken. Zu 50 Prozent besteht mein Job daraus, zu denken: jeder dopt. Und dann alles zu tun, um sicherzustellen, dass die Doper nicht gewinnen. Wenn es Beweise dafür gibt, dass andere Regierungen oder Systeme oder Individuen in bestimmten Ländern dopen, dann muss das selbstverständlich untersucht werden. Wir haben dafür aber nicht den Berg an Beweisen, den wir aktuell bei Russland haben. Deshalb, denke ich, sind die Ressourcen und der Fokus auf Russland gerichtet. Beweistechnisch übertrifft Russland alles, was wir in anderen Ländern sehen oder gesehen haben.

Wie würden Sie den russischen Dopingskandal historisch einordnen?

Sie haben ein Programm aufgezogen, wie es die Welt wohl seit dem DDR-Doping nicht mehr gesehen hat. Ich glaube, es übertrifft sogar das, was in der DDR passiert ist. Und zwar deshalb, weil wir dank der Wada einen internationalen Vertrag haben: mit Regeln und mit Ländern, die sich seit mehr als einem Jahrzehnt zur Durchsetzung von Fair Play verpflichtet haben. Dazu gehört auch, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um saubere Teams zu den Spielen zu schicken. Und trotzdem haben wir jetzt einen ganzen Haufen Beweise, dass ein Land in die exakt entgegengesetzte Richtung marschiert ist.

Was würde es für den Kampf gegen Doping bedeuten, wenn Russland trotz allem unter eigener Flagge bei den Winterspielen antreten dürfte?

Es wäre der nächste verheerende Schlag für das Vertrauen der Athleten in das System, wenn das IOC erneut dabei versagt, echte, wirksame Sanktionen gegen ein staatlich-institutionalisiertes Dopingprogramm zu verhängen. Ein Programm, mit dem auf höchstem sportlichem Niveau gezielt in internationalen Wettbewerben betrogen werden sollte. Es ist extrem frustrierend für Athleten, zu wissen, dass sie in der Vergangenheit gegen Doper verloren haben und dass es praktisch keine Aussicht gibt, auf die richtige Art und Weise gewinnen zu können, eben weil diese Dopingmittel einen Unterschied machen. Die Sportler müssen aber Hoffnung und Vertrauen haben, damit sie nicht das Handtuch werfen und entweder aufhören – oder versuchen, sich den Dopern anzuschließen.

Mit Travis Tygart sprach Christoph Wolf

Quelle: n-tv.de

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