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Toronto holt erstmals NBA-Titel Wie aus einem Witz ein Champion wurde

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In Toronto brachen nach dem entscheidenden vierten Sieg im sechsten Spiel der NBA-Finalserie alle Dämme.

(Foto: imago images / Icon SMI)

Das gab es noch nie. Und das ist vielleicht noch ein wenig gewöhnungsbedürftig. Ein kanadisches Team gewinnt den Titel in der NBA. Die Toronto Raptors entthronen die Golden State Warriors - und sorgen in ihrer Heimat für nie gekannte Basketball-Euphorie.

Kawhi Leonhard rannte nach Spielschluss mit ausgestreckten Armen über das Parkett. Er kannte das Gefühl des Titelgewinns ja aus dem Jahr 2014, als er mit den San Antonio Spurs Meister geworden war. Nick Nurse indes schien von der Macht des Moments ein wenig erschlagen zu sein. Der Trainer der Toronto Raptors stand nach dem entscheidenden 114:110-Sieg bei Titelverteidiger Golden State Warriors regungslos an der Seitenlinie, holte tief Luft und musste mit der rechten Hand erstmal seinen dunklen Schlipskragen ein wenig lösen. Erst langsam schien er zu realisieren, was ihm da in seiner ersten Saison als Chef gelungen war. Das einzige NBA-Team aus Kanada ist erstmals Meister geworden - und hat somit in der 73. Saison der besten Basketball-Liga der Welt für eine Premiere gesorgt.

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Etwas mehr als 4000 Kilometer nordöstlich des kalifornischen Oakland, wo die Raptors auswärts Geschichte schrieben, wurde beim Public Viewing in Toronto kiloweise Konfetti in den Abendhimmel geschossen. "24 Jahre, ein Ziel", stand auf einem Plakat geschrieben. Fast ein Vierteljahrhundert mussten sie in Kanadas größter Stadt auf diesen Moment warten. "Wir haben 36 Millionen Kanadier, die unsere Raptors anfeuern. Diese Trophäe ist für alle Kanadier", betonte Team-Eigner Larry Tanenbaum, als er die Larry O’Brien-Trophy überreicht bekam.

Es mag ein bisschen übertrieben sein, dass ein ganzes Land den Raptors die Daumen drückte. Aber mit jedem Spiel und jedem Sieg stiegen zumindest die Sympathiewerte. Lagen die TV-Einschaltquoten zu Beginn der Playoffs noch im sechsstelligen Bereich, waren sie in den Finals mehr als zehnmal so hoch. Und nicht nur in Toronto hatten sich die Menschen zum Public Viewing versammelt. Sondern auch in Montreal, in Halifax, in Saskatchewan. Und selbst an der Westküste, in British Columbia. "In den vergangenen zwei Monaten haben die Kanadier ein Gefühl wiederentdeckt, das sie schon vergessen hatten. Das Gefühl, einen Sieger anzufeuern", schrieb die Tageszeitung "The Globe and Mail".

Denn dieser Titelgewinn der Raptors ist der erste für ein kanadisches Profiteam in den wichtigsten Profi-Ligen NBA, NHL und MLB seit 1993. Seitdem hatten vor allem die Eishockey-Fans im Mutterland des Kufensports immer wieder darauf gehofft, dass eines ihrer Teams endlich den Stanley Cup gewinnt. Doch spätestens im Endspiel kam die große Enttäuschung. Auch die Raptors sorgten für so manche Träne in den Augen ihrer Fans. Seit 2014 waren sie in jedem Frühjahr in den Playoffs dabei, zuletzt jedoch dreimal nacheinander an Superstar LeBron James und dessen Cleveland Cavaliers gescheitert.

Volles Risiko wurde belohnt

Als vor einem Jahr in Runde zwei mit vier Niederlagen nach nur vier Spielen das Aus kam, sah sich Team-Präsident Masai Ujiri zum Handeln gezwungen. Er entließ Dwane Casey - der gerade Trainer des Jahres geworden war. Und Ujiri ging ein noch viel größeres Wagnis ein. Er schickte das Gesicht des Vereins und Fanliebling DeMar DeRozan zu den San Antonio Spurs und verpflichtete im Gegenzug Kawhi Leonard - obwohl dieser fast die gesamte Saison 2017/2018 verletzungsbedingt verpasst hatte. Zudem wusste Ujiri, dass Leonard nur einen Vertrag bis 2019 hatte - Toronto somit in diesem Sommer wieder verlassen und er selbst somit ohne jeglichen Gegenwert in der Hand dastehen könnte.

Dennoch ging Ujiri dieses Risiko ein. "Ich kam in ein Team, dessen Spieler und dessen Trainer die selbe Einstellung hatten, wie ich: die Meister-Trophäe zu gewinnen. Dafür arbeite ich hart - und ich bin glücklich, dass sich dieser Einsatz ausgezahlt hat." Leonards berufliche Zukunft ist zwar immer noch offen, nach dem Titelgewinn wollte er sich nicht dazu äußern, sondern vielmehr "mit meinen Mitspielern feiern". Doch selbst wenn der wertvollste Spieler der Finalserie (MVP) zu einem US-Klub wechseln sollte - die Los Angeles Clippers gelten als ernster Anwärter - hätte sich Ujiris Vabanque-Spiel gelohnt.

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Bleibt er? Kawhi Leonard.

(Foto: dpa)

Denn dieser Titel rechtfertigt alles. Und dieser Titel ist verdient. Die Raptors setzten sich im Halbfinale in sechs Partien gegen das beste Vorrunden-Team, die Milwaukee Bucks, durch. Und sie entthronten nun in den Endspielen die Golden State Warriors ebenfalls in sechs Spielen. Natürlich kam ihnen entgegen, dass die Kalifornier große Verletzungsprobleme hatten. Klay Thompson fiel in Spiel drei aus und zog sich im sechsten Match, nach 30 Punkten, zum Ende des dritten Viertels einen Kreuzbandriss zu. Kevin Durant saß wegen Wadenproblemen die ersten vier Spiele draußen, probierte es dann in der fünften Partie und riss sich prompt die Achillessehne.

Doch Torontos Titelgewinn nur auf die Verletzungen des Gegners zurückzuführen, wäre falsch. Die Mannschaft hatte in Leonard einen überragenden Anführer, in Kyle Lowry einen starken Allstar an Leonards Seite - und in Pascal Siakam, Fred VanVleet oder auch Danny Green ganz wichtige weitere Puzzleteile. Zudem stellte sich die Verpflichtung von Center Marc Gasol im Februar als weiterer genialer Schachzug von Ujiri heraus.

Basketballursprung in Kanada

"Das ist unglaublich. Toronto, Kanada, wir bringen den Titel nach Hause", sagte Lowry. Diese Aussage mag so manchen verwundern. Schließlich gilt Basketball als eine der uramerikanischen Sportarten. Doch er wurde tatsächlich vom Kanadier James Naismith erfunden. Und das erste Spiel der NBA-Geschichte gab es am 1. November 1946 in Toronto zwischen den einheimischen Toronto Huskies und den New York Knicks.

Mit dem Titel haben die Raptors das zweifelhafte Image ihrer ersten 20 Jahre abgelegt. Denn zu Beginn kamen sie laut "The Globe and Mail" einer "Fernsehkomödie" gleich. So mussten sie anfangs in einem Baseball-Stadion spielen, weil es in der Millionen-Metropole Toronto schlichtweg keine Arena für sie gab. Profis, die als potenzielles Gesicht des Vereins galten, zogen es vor, lieber woanders zu spielen. Und weder auf der Trainer-Position, noch dem Präsidenten-Stuhl oder dem Manager-Posten gab es irgendeine Konstanz. Nun hingegen, im Juni 2019, sind die Raptors die erste Adresse der NBA geworden.

Quelle: n-tv.de

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