Sport

Handball-Bundestrainer Prokop "Wir gehören bei der EM zum Favoritenkreis"

77dd445893ba7a999a7bd74ec9578239.jpg

"Ich spüre eine erhöhte Aufmerksamkeit für unsere Sportart": Christian Prokop.

(Foto: imago/Sportfoto Rudel)

Christian Prokop ist der jüngste Bundestrainer in der Geschichte der deutschen Handball- Nationalmannschaft. Die Europameisterschaft in Kroatien vom 12. Bis zum 28. Januar wird für den 39-Jährigen das erste Turnier sein. Im Interview mit n-tv.de spricht Prokop über die Rolle als Titelverteidiger, die Top-Spieler und seine Vergangenheit als Lehrer.

n-tv.de: Herr Prokop, Deutschland reist als Titelverteidiger zur Europameisterschaft nach Kroatien. Ist Ihre Mannschaft damit der Favorit auf den Titel?

Prokop: Wir gehören mit mehreren Nationen zum Favoritenkreis. Dazu zählen Weltmeister Frankreich, Vize-Weltmeister Norwegen, Olympiasieger Dänemark, unser Vorrundengegner Slowenien, Gastgeber Kroatien und die immer starken Spanier. Der Kampf um den Titel ist sehr eng, weil die Leistungsdichte bei einer Europameisterschaft sehr hoch ist. Es gibt nicht den einen Top-Favoriten.

Im ersten Spiel treffen Sie am 13. Januar auf Montenegro. Die weiteren Gegner in der Gruppe C sind Slowenien und Mazedonien. Wie schwer wird das?

Aufgrund der lokalen Verbundenheit der Gegner erwarten uns schwere Aufgaben. Alle drei Nationen liegen direkt bei Kroatien. Das werden also drei Auswärtsspiele. Zudem können diese Gegner einen sehr guten Handball spielen. Unser Auftaktgegner Montenegro ist gespickt mit Champions-League-Spielern. Slowenien wurde bei der Weltmeisterschaft Dritter. Und Mazedonien ist das Land des aktuellen Champions-League-Siegers. Das sagt alles über die Qualität dieser Gruppe.

Deutschland hat im Fußball mit Manuel Neuer und Marc-Andre ter Stegen das vielleicht beste Torwart-Duo der Welt. Ist das im Handball ähnlich?

imago31976805h.jpg

Ein guter Torwart: Andreas Wolff.

(Foto: imago/Pressefoto Baumann)

Wir zählen mit Andreas Wolff, Silvio Heinevetter, Johannes Bitter und Carsten Lichtlein sicherlich zur Weltspitze. Wir alle erinnern uns noch Wolffs phänomenale Leistung bei der Europameisterschaft 2016. Er hat damals gemeinsam mit der Abwehr den Grundstein für den Titel gelegt. Aber auch andere Nationen haben Weltklasse-Torhüter - die Dänen zum Beispiel mit Niklas Landin, der beim THW Kiel spielt.

Auf welchen Positionen ist Ihr Team ansonsten noch top besetzt - und wo eher nicht?

Uwe Gensheimer auf Linksaußen ist unser absoluter Star. Er zählt auf seiner Position zu den besten Spielern der Welt. Auf den Rückraum-Positionen haben wir keinen absoluten Top-Star, sind aber ausgeglichen besetzt. Daher können wir gut auf die Stärken und Strategien der gegnerischen Verteidigungen reagieren.

Alle außer Gensheimer von Paris Saint-Germain spielen in der deutschen Bundesliga. Die Belastung gilt dort als höher als beispielsweise in Spanien, Ungarn oder Kroatien. Könnte das ein Nachteil für die EM sein, weil die Konkurrenten ausgeruhter sind?

Darüber kann man unterschiedlicher Meinung sein. Es ist nicht so, dass meine Spieler total kaputt sind und erst einmal Regeneration brauchen. Für die Zukunft wäre es aber tatsächlich wichtig, die Anzahl der Spiele nicht noch weiter zu erhöhen. Es darf nicht alles auf dem Rücken der Spieler ausgetragen werden.

Bei der zurückliegenden Weltmeisterschaft haben mit Christian Dissinger, Hendrik Pekeler und Matrin Strobel drei Nationalspieler pausiert. Zumindest Pekeler steht wieder im Aufgebot. Müssen Sie damit rechnen, dass auch künftig immer mehr Nationalspieler zurücktreten oder eine Pause einlegen, um sich für die Liga zu schonen?

Nein. Es ist und bleibt eine Ehre, für Deutschland zu spielen. Wir haben jetzt mit der Europameisterschaft in Kroatien ein absolutes Highlight. In einem Jahr folgt die Weltmeisterschaft im eigenen Land. 2020 stehen die Olympischen Sommerspiele in Tokio an. Das sollte genug Motivation sein.

Sie sind nicht nur Trainer, sondern auch studierter Lehrer mit einem abgeschlossenen Referendariat. Inwiefern ergänzt sich das?

Trainer und Lehrer sind zwei ähnliche Berufe. Es macht einfach Freude, mit Menschen und Gruppen zu arbeiten. Ob nun in der Schule oder in der Sporthalle: Es geht immer darum, etwas zu entwickeln. Wer das Studium zum Lehrer absolviert hat und zudem den Trainerschein gemacht hat, entdeckt viele Gemeinsamkeiten in der Pädagogik. Ich bin froh, dass ich beide Ausbildungen habe.

Als Bundestrainer sind Sie in große Fußstapfen getreten. Ihr Vorgänger Dagur Sigurdsson hat Deutschland zum EM-Titel und zur Bronze-Medaille bei Olympia geführt. Befürchten Sie vor ihrem ersten Turnier, an ihm gemessen zu werden?

Erst einmal war es ein großer Vorteil, dass er mir eine gute Mannschaft hinterlassen hat. Natürlich werde ich an Ergebnissen gemessen. Aber ich gehe meinen eigenen Weg und mache mir keinen Druck, etwas im Vergleich mit Dagur Sigurdsson beweisen zu müssen. Ich möchte, dass wir attraktiv und emotional spielen und Deutschland für unseren Sport begeistern. Ich bin im Hinblick auf die EM voller Vorfreude, aber auch voller Anspannung.

Sie haben 14 Jahre als Vereinstrainer gearbeitet. Seit Februar sind Sie nun Bundestrainer. Sind das zwei völlig unterschiedliche Aufgaben?

Ja, die Aufgaben unterscheiden sich sehr. Als Bundestrainer bekomme ich durch viele Beobachtungen einen umfangreichen Blick über den nationalen und internationalen Handball. Die größte Herausforderung besteht darin, innerhalb kürzester Zeit meiner Mannschaft eine entsprechende Taktik und Vorgehensweise zu vermitteln. Ich habe viel weniger Trainingseinheiten als früher im Verein. Im Verein konnte ich das ganze Jahr über meine Mannschaft weiterentwickeln. Was als Bundestrainer ebenfalls neu ist, sind die vielen Medien-Termine.

Kein Wunder: Als Bundestrainer sind Sie das Gesicht des deutschen Handballs. Das beinhaltet auch, dass ein frühes Scheitern mit Ihrer Person in Verbindung gebracht werden würde. Wie sehr spüren Sie diesen Druck?

Ich spüre eine erhöhte Aufmerksamkeit für unsere Sportart - darüber freue ich mich. Letztendlich haben wir als Nationalmannschaft selber eine hohe Erwartungshaltung. Ich bin davon überzeugt, dass unsere Mannschaft stark genug ist, um eine gute Europameisterschaft zu spielen.

Mit Christian Prokop sprach Oliver Jensen

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.