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"Wahnsinn, irre, ey" Zehnkampf-Abele krönt sich zu König Arthur

Jahrelang setzen Verletzungen den Zehnkämpfer Arthur Abele schachmatt. Doch jetzt wird der 32-Jährige bei der Leichtathletik-EM sensationell Europameister. Gefeiert wird mit seiner Zehnkampf-"Familie" und einer Pappkrone.

Die Krone setzt ihm Berlino auf - stellvertretend für die mehr als 35.000 völlig euphorisierten Zuschauer im Olympiastadion, die nicht so dicht an den neuen Zehnkampf-Europameister herankommen. Leichtathlet Arthur Abele ist - so steht es auf seiner Pappkrone - "King of 2018". König Arthur, das passt doch. "Hier hat einfach alles funktioniert", erklärt der 32-Jährige seinen Erfolg bei der Heim-EM in Berlin. 8431 Punkte nach zwei harten und überaus heißen Tagen sind der Lohn. Sie reichen zum souveränen Sieg vor dem als neutralen Athleten startenden Ilja Schkurenjow aus Russland (8321) und dem Weißrussen Vitali Schuk (8290). "Das waren magische Momente."

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Abele, Brugger, Kaul: Die Zehnkampf-Familie geht durch dick und dünn.

(Foto: imago/Jan Huebner)

Endlich ist er mal dran, endlich kann Abele sein Potenzial in Edelmetall verwerten. Die Verletzungsmisere des Ulmers ist so lang, da hätten viele längst aufgegeben: Schon vor zehn Jahren ist er in Peking bei den Olympischen Spielen dabei, muss den Wettbewerb aber vor dem 400-Meter-Lauf wegen einer Oberschenkelverletzung abbrechen. Es folgen fünf Jahre ohne Wettkampf, er ist quasi dauerverletzt. Und das geht immer so weiter: Ein Achillessehnenriss etwa verhagelt seine WM-Teilnahme 2015. In diesem Winter dann der nächste Schock: Von Dezember bis Januar ist seine Gesichtshälfte gelähmt. Der Grund ist eine "Spontaninfektion", wie Abele sagt. Von den Mandeln hat sie sich auf Kiefer und Mittelohr ausgebreitet und schließlich auch einen Gesichtsnerv getroffen. Statt sich wie seine Konkurrenten auf die Saison vorzubereiten, muss er eine Kortisontherapie ertragen, in deren Folge er sechs Kilogramm Gewicht zulegt. Das strapaziert seine Sehnen und Bänder, seine Achillessehne verhindert bis März das Training.

"Wie viele Arschtritte"

Und trotzdem steht er nun als strahlender König Arthur mit der Pappkrone auf dem blonden Schopf und Deutschlandfahne um die muskulösen Schultern im Berliner Olympiastadion und darf sich feiern lassen. "Wahnsinn. Also Arthur hat es auf jeden Fall verdient. Wenn nicht er, wer dann. Nach so vielen Rückschlägen, so noch einmal zurückzukommen, großen Respekt", sagt Niklas Kaul, der als 20-jähriger Youngster sensationell Vierter mit neuer persönlicher Bestleistung von 8220 Punkten wird. "Da muss ich auch sagen, er hat mich auch selbst in den zwei Tagen immer wieder unterstützt und mir da geholfen mit seiner Erfahrung. Also Arthur, Riesenrespekt!"

"Wahnsinn, irre, ey", meint Abele selbst. "Wie viele Anläufe, wie viele Niederschläge, wie viele Rückschläge, wie viele Arschtritte, wie viele Trainingseinheiten, wie viele Reha-Maßnahmen, unfassbar, das geht auf keine Kuhhaut. Unglaublich, was für eine Genugtuung das ist." Seine Freude lässt er im abschließenden 1500-Meter-Lauf heraus. Meter vor dem Ziel reißt er die Arme nach oben, im Ziel bricht er in Tränen aus. "Man hat’s ja gesehen, was dann auch für Emotionen aus einem herauskommen, wenn man weiß, man hat’s endlich geschafft, endlich. Und das in diesem Rahmen, hier, vor heimischen Publikum in Berlin den Zehnkampf zu gewinnen ist das Schönste überhaupt, das ist so emotional gewesen, krass. Ich könnte schon gleich wieder losheulen", so der Sportsoldat, der gleichzeitig das Strahlen an diesem Abend gar nicht aus dem Gesicht bekommt.

Krabbeln mit erhobenem Haupt

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Das Weitsprung-Scheitern des französischen Gold-Favoriten Kevin Mayer ebnet Abele den Weg.

(Foto: imago/Panoramic International)

So wie seine Karriere im ständigen Auf und Ab verläuft, passiert es häufig auch im Zehnkampf. Auf eine Bestleistung folgt nicht selten ein Dämpfer. Als ersten trifft es in Berlin ausgerechnet den ausgemachten Goldmedaillen-Gewinner, Kevin Mayer aus Frankreich. Statt überlegen zum Sieg zu marschieren, kegelt sich dieser bereits nach der zweiten Disziplin raus - dreimal im Weitsprung übertreten. "So Junge, jetzt ist deine Zeit", denkt sich Abele. "Jetzt musst du gucken, dass du deine Sachen zusammenkriegst, dann ist was drin." Dass seinem Kumpel und Trainingskollegen Matthias Brugger das gleiche Missgeschick wie Mayer passiert, entsetzt Abele. Doch "Zehnkampf ist wie Familie", und so macht Brugger weiter - pusht seinen Freund sowie Kaul sogar noch am zweiten Morgen im Hürdenlauf. Nach dem Wettkampf ist Brugger wieder da, auf der Hälfte der traditionellen und völlig verdienten gemeinsamen Ehrenrunde aller Zehnkämpfer fallen sich die beiden vor dem Marathontor in die Arme und wiegen sich sekundenlang hin und her.

Während am ersten Tag alles ziemlich prima läuft - Abele ist vor allem unglaublich stolz auf seine tolle 400-Meter-Zeit - muss er am zweiten Tag mit einem für den im Zehnkampf eben so üblichen Dämpfer leben. Im Stabhochsprung schlägt für ihn nur seine Einstiegshöhe von 4,60 Meter zu Buche. Das "war schon heftig, das hat mental geschlaucht", so der Mann, der bereits 5,01 Meter übersprungen hat. Plötzlich ist das komfortable Punktepolster weg, er ist sogar nur noch Dritter im Feld. Aber dann kommt der Speerwurf - und der 32-Jährige schafft die Tagesbestweite von 68,10 Meter. "Nach dem Speerwerfen wusste ich, dass mir das eigentlich fast keiner nehmen kann." Und so kann er schon vor dem 1500-Meter-Ziel die Arme hochreißen: "Die letzten 200 Meter habe ich einfach nur noch genossen. Es war zwar trotzdem anstrengend, aber die Menge hat getobt, es war einfach sensationell."

So anstrengend der Zehnkampf und insbesondere der abschließende Lauf ist, an Schlaf will Abele überhaupt nicht denken. "Die Nacht gibt es nicht", erklärt er mit einem Grinsen. Auch wenn in den kommenden Tagen viele Pressetermine auf den 32-Jährigen warten. "Irgendwann muss ich halt krabbeln", sagt er lachend. Auf die Bitte, dies doch mit erhobenem Haupt zu tun, damit die Krone, die er tatsächlich auch lange nach dem Wettkampf noch trägt, nicht doch noch herunterfällt, sagt Abele schlagfertig: "Dann binde ich sie halt fest!"

Quelle: n-tv.de

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