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Idol geschlagen, Pfiffe kassiert: Für Alexander Zverev endete sein Halbfinal-Coup gegen Roger Federer bittersüß.
Idol geschlagen, Pfiffe kassiert: Für Alexander Zverev endete sein Halbfinal-Coup gegen Roger Federer bittersüß.(Foto: AP)
Samstag, 17. November 2018

"Gerade ein bisschen verloren": Zverev schafft Tennis-Coup und erntet Pfiffe

Mit einem coolen Sieg gegen "Idol" Roger Federer zieht Jungstar Alexander Zverev als erster Deutscher seit 22 Jahren ins Endspiel des ATP-Saisonfinals ein. Getrübt wird seine Tennis-Sternstunde vom Fauxpas eines Balljungens, der in einem Pfeifkonzert endet.

Alexander Zverev stand auf dem Tenniscourt in London und kämpfte mit den Tränen. Immer wieder musste er schlucken, bevor er überhaupt antworten konnte. Es waren aber keine Glücksgefühle, die ihn nach einem der größten Siege seiner noch jungen Tenniskarriere übermannten. Der 21-jährige Deutsche war überfordert von der Wucht der Wut, die ihm nach seinem überraschenden Zweisatzerfolg im Halbfinale des ATP-Saisonfinals gegen Grand-Slam-Rekordsieger Roger Federer von Tausenden Zuschauern entgegenschlug. Denn die feierten nicht etwa, dass Zverev mit seinem Finaleinzug bei der inoffiziellen Tennis-WM in die riesigen Tennis-Fußstapfen von Boris Becker getreten war. Sie pfiffen Zverev beim Siegerinterview aus.

Die Unachtsamkeit eines Balljungen kostete Federer die Chance auf einen wichtigen Punkt im Tiebreak des zweiten Satzes - und brachte das Publikum gegen Zverev auf.
Die Unachtsamkeit eines Balljungen kostete Federer die Chance auf einen wichtigen Punkt im Tiebreak des zweiten Satzes - und brachte das Publikum gegen Zverev auf.(Foto: AP)

Was war passiert? Weil ein Balljunge im Tiebreak mitten im Ballwechsel den Ball fallen ließ, reklamierte Zverev zurecht. Der Punkt musste wiederholt werden. Federer beschwerte sich beim Schiedsrichter, doch die Entscheidung war völlig regelkonform. Wenig später machte Zverev die Überraschung perfekt - und erntete danach von vielen der Federer-Fans in London erboste Pfiffe. Anstatt seinen Erfolg zu bejubeln, stammelte Zverev beim Siegerinterview erstmal eine Entschuldigung ins Mikrofon. "Ich wollte nicht, dass es so endet", sagte Zverev nach dem 7:5, 7:6 (7:5) gegen sein Kindheitsidol aus der Schweiz: "Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich bin gerade ein bisschen verloren."

Kein Groll von Federer

Sein denkwürdiger Finaleinzug rückte durch das Pfeifkonzert ein wenig in den Hintergrund. Die Szenen in London erinnerten an die Siegerehrung bei den US Open, als die wütende Reaktion der Zuschauer der jungen Japanerin Naomi Osaka nach ihrem Sensationssieg gegen Serena Williams den bislang größten Moment ihrer Karriere verdorben hatte. Letztlich löste die deutsche Nummer eins die knifflige Situation auf dem Platz aber so souverän wie zuvor im Spiel gegen Federer. "Es tut mir leid, ich wollte keinen enttäuschen hier", sagte Zverev: "So sind nun einmal die Regeln und Roger hat meine Entschuldigung am Netz auch bereits angenommen."

Wobei Federer gar keine Entschuldigung erwartet hatte, er sagte später zu der Szene am Netz: "Ich habe ihm gesagt: Halt die Klappe. Dafür gibt es keinen Grund." Der Schweizer zeigte sich nach der Niederlage zwar enttäuscht, ein unsportliches Verhalten hatte Federer beim Deutschen aber auf keinen Fall gesehen. "Nein, überhaupt nicht, alles in Ordnung. Ob man den Ballwechsel unterbrechen muss, weiß ich nicht", sagte Federer zwar, stellte aber klar: "Pfiffe haben beim Tennis absolut nichts zu suchen."

"Ich bin unglaublich stolz"

Zverev muss die Buhrufe abhaken, am Sonntag (19.00 Uhr MEZ/Sky) spielt der gebürtige Hamburger im Finale gegen Novak Djokovic (Serbien) um den Titel. Er ist damit der erste Deutsche seit Tennis-Idol Becker 1996 in Hannover, der diese Chance bekommt. Damals war Zverev nicht einmal geboren. "Ich bin unglaublich stolz", sagte Zverev: "Dafür haben ich und mein Team so hart gearbeitet." Becker ist (noch) der letzte deutsche Sieger beim Turnier der acht Saisonbesten. 1988, 1992 und 1995 hatte er triumphiert, Michael Stich setzte sich 1993 in Frankfurt gegen die Besten der Tenniswelt durch.

Während Zverev die Saison mit einem Knall beenden kann, muss der 37-jährige Federer mindestens bis zum kommenden Jahr auf seinen 100. Titel auf der ATP-Tour warten. Der 20-malige Grand-Slam-Champion verabschiedete sich mit einem gemischten Fazit in den Urlaub. "Es war eine gute Saison mit einigen Enttäuschungen in engen Matches, wie in Paris oder Wimbledon. Aber ich bin glücklich und freue mich aufs neue Jahr", sagte Federer.

Zverev hat dagegen noch ein Match vor der Brust, ehe es in die langersehnten, aber äußerst kurzen Ferien geht. Das bislang größte seines Tennislebens. Und da es nicht gegen Roger Federer geht, darf der Jungstar sogar auf ein wenig Unterstützung hoffen.

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Quelle: n-tv.de