Formel1

Alarm nach Bearman-CrashDer Feind im Cockpit - "Chaostheorie" der neuen Formel 1 erzürnt die Fahrer

30.03.2026, 19:23 Uhr
imageVon Martin Armbruster
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Oliver Bearman kann von Glück reden, dass er Japan ohne schwere Verletzungen verließ.

Einen hinkenden Formel-1-Fahrer hat man lange nicht mehr gesehen. Oliver Bearmans 50G-Crash in Japan zeigt, wie gefährlich die "neue" Formel 1 ist. Die Gefahren schlummern in Cockpit-Knöpfen und Softwares – und können die Piloten völlig überraschen.

Lando Norris ist Formel-1-Weltmeister und seit Sonntag auch Prophet selbsterfüllender Prophezeiungen. "Wir warten eigentlich nur darauf, dass etwas schrecklich schiefgeht, das ist kein schönes Gefühl", hatte der McLaren-Pilot schon nach dem Saisonstart vor drei Wochen in Melbourne gewettert: "Es ist Chaos – und wir werden bald einen großen Unfall haben."

Manch einer tat Norris' als enttäuschten Grantler ab, der jetzt, da sein McLaren nicht mehr das Maß der technischen Dinge ist, über die neuen Regeln mosert. Aber: Der Grand Prix von Japan hat Norris' Chaostheorie bestätigt. Haas-Pilot Oliver Bearman verlor beim Versuch, seinen Williams-Rivalen Franco Colapinto in der Spoon-Kurve zu überholen, mit rund 300 Sachen auf dem Tacho die Kontrolle über seinen Boliden, rauschte über die Wiese und krachte in einen Reifenstapel. Die Wucht des Einschlags betrug 50G. Bearman schaffte es aus dem Wrack und humpelte vom Unfallort. Sorge machte sich breit im Fahrerlager. Wenig später gab es Entwarnung. Von einer Knieprellung abgesehen ist Bearman nicht schwerer verletzt.

"Beängstigend" sei der Highspeed-Crash seines Piloten gewesen, räumte Haas-Teamchef Ayao Komatsu nach dem Rennen in Suzuka ein. Zugleich zeigt der Unfall, wie unglaublich sicher ein Formel-1-Auto ist. Allerdings wäre die Geschichte an anderer Stelle womöglich anders ausgegangen. Nicht nur schief, sondern wie von Norris vorhergesagt "schrecklich schief".

Formel 1 muss handeln, wenn "es" nicht passieren soll

"Hier gab es zum Glück eine Auslaufzone. Jetzt stellt euch vor, was in Baku, Singapur oder Las Vegas passiert wäre", sagte Williams-Pilot Carlos Sainz, der Vorsitzende der Fahrer-Gewerkschaft (GPDA). Man habe den Weltverband FIA gewarnt, "dass diese Unfälle passieren werden. Jetzt müssen wir etwas ändern. Bald! Wenn wir nicht wollen, dass es passiert", schlug der Spanier Alarm. Unnötig auszuführen, was mit "es" gemeint.

Auf der von allen Fahrern so geliebten Strecke in Suzuka, mit ihren vielen Highspeed-Kurven, hat sich ein abnormaler Formel-1-Unfall abgespielt. Jedenfalls nach den Standards der "alten" Formel 1, was wiederum bedeutet, dass Bearmans Crash ein neuartiger ist. Ein Unfall der "neuen" Formel 1. Der Geschwindigkeits-Vorteil, den Bearman in Runde 21 bei der Anfahrt auf die Löffelkurve gegen Colapinto hatte, und der den Briten zu seinem Manöver animierte, war schlichtweg absurd "Aus Fahrersicht fahren wir mit 50 km/h Unterschied gegeneinander – das ist kein Racing mehr", kritisierte Sainz.

Laut Haas-Teamchef Komatsu war sein Fahrer in den Runden vor dem Crash an der entsprechenden Stelle bereits 20 km/h schneller als Colapinto. Der Grund liegt im Batterie-Management der Fahrer respektive der Teams. 50 Prozent der Motorpower ist seit dieser Saison elektrisch, der Rest kommt vom "klassischen" Verbrenner. Das Auf- und Entladen der Batterie über eine Runde spielt eine entscheidende Rolle: für die Rundenzeit, aber auch für mögliche Überholmanöver. Haas und Bearman gaben vor Spoon Corner deutlich mehr E-Power frei als Williams und Colapinto. Bearman witterte seine Chance: Der 20-Jährige drückte den "Boost-Button" an seinem Lenkrad, um seine Batterie vollends auszuquetschen. Ferrari-Star Charles Leclerc hatte das Prozedere mit einem Pilz bei "Mario Kart" verglichen, der Super Mario, Luigi, Donkey Kong und Co. für kure Zeit mittels Raketenturbo nach vorne schießt.

Boost-Knopf erwischt Bearman auf dem falschen Fuß

Bearman wurde von seinem eigenen Tun völlig überrumpelt. Der Haas schoss mit 50 km/h mehr auf die Spoon-Kurve zu. Weil Vordermann Colapinto diese etwas enger, wenngleich noch völlig im Rahmen des Erlaubten anfuhr, um seine Position zu verteidigen, zog Bearman nach links und kam aufs Gras. Ab diesem Moment war er nur noch Passagier im Geschwindigkeits-Chaos. Der Youngster hatte Glück, dass etwas Extra-Asphalt und das Kiesbett den Abflug leicht entschärften, ehe es knallte.

"Das ist das Problem, wenn du nur auf die Teams hörst. Die denken, die Rennen sind okay, weil sie im TV unterhaltsam sind", ätzte Arbeiterführer Sainz. Leidtragende des Entertainment-Drangs – oder vielleicht besser gesagt: Risikoträger – sind noch immer die 22 Fahrer, die ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, jedes Mal, wenn sie sich ins Cockpit zwängen. Die Formel 1 vor der elektrischen Regel-Revolution war gefährlich. Die Formel 1 2026 ist gefährlicher. Weil das Neue unerprobt, weil vieles unausgegoren ist. Wie viele Boost-Fallen warten im Rennkalender noch auf die Piloten? Wen trifft der Hammer des Speed-Überschusses als nächstes?

Der Feind im eigenen Cockpit dank Überhol-Modus und Boost-Button. Das ist eine Gefahr, die sich im Bearman-Crash manifestiert. Die andere ist die Software, die die Cockpits neuerdings steuert – eine Fremdgefahr, wenn man so will. Denn im Streben nach einem idealen "State of Charge", dem bestmöglichen Batterie-Ge/Verbrauch, bestimmen Software-Befehle der Ingenieure, wie schnell ein Auto fährt. Der Fahrer mag zwar voll auf dem Gas stehen. Wenn ihn die Software drosselt, um die Batterie zu laden, ist er trotzdem signifikant langsamer als ein Rivale, dessen Auto andere Befehle entgegennimmt. Die Folge: plötzliche, eklatante Geschwindigkeitsunterschiede, die die Fahrer kalt erwischen, an bestimmten Stellen einer Strecke brandgefährlich sind und unvorhersehbares Chaos auslösen können. Auch Colapinto stand voll auf dem Gas, als Bearman heranflog.

Weltverband verspricht "sorgfältige Analyse"

Die neue Formel 1 mag sich bis dato am Fernseher zwar ganz gut anschauen lassen. Mit dem klassischen Rennfahren haben die vielen Batterie-Manöver aber nicht wirklich etwas zu tun. Wenn ein Fahrer dank Ladevorteil 20 bis 30 km/h schneller fährt, kann der vorne Fahrende ein noch so guter Pilot und Positions-Verteidiger sein – es ist witzlos. An der wirklichen Kunst des Rennfahrens mit all seinen Facetten hat die Königsklasse die (vielleicht mittlerweile zu alten) F1-Fans dieses Jahr noch nicht erfreut. Das oft qualvolle Herankämpfen an einen Rivalen. Ein echtes Überraschungsmanöver an unerwarteter Stelle. Auf der letzten Rille bremsen, um in eine vorhandene (oder auf den ersten Blick nicht vorhandene) Lücke zu stechen – all das fehlt.

Die Macher der Königsklasse halten sich angesichts der Piloten-Kritik bedeckt. Es sei stets geplant gewesen, die ersten drei Rennen abzuwarten, "damit ausreichend Daten vorhanden sind", wenn man nun zusammenkomme und darüber verhandelt, Regeln anzupassen oder zu ändern. Im April, in dem wegen des Krieges am Persischen Golf keine Rennen stattfinden, soll es mehrere Treffen zwischen den Rennställen, Motorenherstellern, der FIA und den F1-Bossen geben.

"Jegliche Anpassungen, besonders in Bezug auf Energiemanagement, verlangen sorgfältige Simulationen und Analysen", gab der Automobil-Weltverband zu Protokoll: "Die FIA wird weiterhin eng und konstruktiv mit allen Beteiligten zusammenarbeiten, um das Bestmögliche für den Sport zu erzielen, und Sicherheit wird immer ein zentrales Element der Mission der FIA sein." Geht es nach Lando Norris, Carlos Sainz und Co. drückt der Schuh. Gewaltig.

Quelle: ntv.de

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