Formel1

Podiumsplätze sind nicht genug Bei Mercedes steigt die Gier nach Formel-1-Siegen

Zu Beginn der Saison fährt Seriensieger Mercedes weit hinterher, die Laune beim Rennstall und bei Lewis Hamilton ist schlecht. Den Boliden bekommt das Team langsam besser in Griff, erste Podestplätze stellen sich ein. Doch Teamchef Toto Wolff macht deutlich: Damit gibt sich niemand zufrieden.

Die Zeiten haben sich geändert: Im vergangenen Jahr war Mercedes in vielen Rennen das Maß der Dinge, bis zum letzten Rennen, wortwörtlich bis zur letzten Kurve war Lewis Hamilton in Griffweite zum achten Titel. Was folgte, ist bekannt. Neue Regeln traten in Kraft, eine neue Ära begann. Und, man muss es so sagen: Mercedes hat den Start kräftig verpatzt.

Zunächst wurden die schlechteren Zeiten bei den Tests und das Geraune des Mercedes-Lagers als traditionelles Understatement der Champions abgetan. Doch zum Saisonstart und den Rennen darauf manifestierte sich die neue Hackordnung. Mercedes ist nicht mehr der Branchenprimus. Stattdessen kämpft Red Bull nun mit der wiedererstarkten Scuderia Ferrari um die Krone der Motorsport-Königsklasse.

Mercedes bleibt nur die Rolle als Nummer drei. Ein harter Cut für das Team, das mit dem Selbstverständnis eines Seriensiegers an den Start geht. Ein Rang drei im Rennen wäre 2021 fast schon gleichbedeutend mit einem Misserfolg gewesen, aktuell ist es das Maximum nach oben. Immer wieder kämpfte das Team zu Saisonbeginn mit dem Porpoising oder Bouncing. Die Renner wurden durchgeschüttelt, negativer Höhepunkt: Lewis Hamilton kroch nach dem Aserbaidschan-GP gebeutelt aus seinem Bolieden. Seitdem war das Holpern nur in geringem Maße ein Problem. George Russell sprach schon davon, dass man endlich den Schlüssel gefunden habe, das Auto zu verstehen.

Komplett verstanden aber hat der Rennstall den Wagen immer noch nicht. Toto Wolff scherzte im RTL-/ntv-Interview mit Bezug auf die Russell-Analyse: Den Schlüssel habe man dann doch auch einige Male wieder im Gras verloren. "Jetzt müssen wir ihn wieder suchen."

"Auf der einzelnen Runde fehlt es uns einfach immer noch"

Das Hauptproblem aber ist: Die Renngeschwindigkeit der Silberpfeile ist zwar da, man ist wettbewerbsfähig, auch um vorne mitzumischen. Nur auf eine schnelle Runde, also im Qualifying, da schmierten Hamilton und Russell im Vergleich zu Red Bull und Ferrari weiter ab. Die Rechnung ist einfach: Wer im Rennen weit hinten startet, hat es eben deutlich schwerer, ganz nach vorne zu fahren. "Ich denke, wir sind in der Racepace, also das, was wir am Sonntag hinkriegen, fast dran, wenn nicht sogar bei manchen Rennen schon gleich schnell. Aber auf der einzelnen Runde fehlt es uns einfach immer noch", sagt Teamchef Wolff.

Wobei Zugang Russell in den ersten neun Rennen bewiesen hat, dass man mit dem vorhandenen Material dennoch konstant in die Top fünf fahren kann. Erst in Silverstone durch den Crash mit Guanyu Zhou verpasste er erstmals in der Saison die ersten fünf Ränge. Beim Teamkollegen Hamilton zeigt das Trendbarometer nach oben. Drei Podiumsplätze in Folge. Wie gesagt: aktuell das Maximum.

Mit einem größeren Update vor dem Heimspiel in Silverstone galt Mercedes sogar plötzlich wieder als Geheimfavorit. Die Pakete in Barcelona und England brachten das Team in der Tat nach vorne. Und wenn es nicht die Safety-Car-Phase gegen Ende des Rennens gegeben hätte, wer weiß, ob Lewis Hamilton nicht sogar seinen Heim-Grand-Prix gewonnen hätte.

Trotzdem sind die Leistungen des W13, der nicht als Gewinner-Auto in die Geschichtsbücher eingehen wird, zu inkonstant. Das weiß auch Wolff. "Wir haben wieder gute Rennen gehabt. Wir waren auch wirklich von der Pace her mit dabei, aber es ist einfach ein ständiges Up and Down." Die Woche darauf in Spielberg hatte Mercedes gegen Ferrari wieder keine Chance. Auch für den Frankreich-GP hat Mercedes neue Teile am Start - zum Beispiel eine neue Nase. Das Team verspricht sich einen erneuten Push, um weitere Zehntel einzusammeln.

Wieder Upgrades in Frankreich

Wolff steckt für die weiteren Rennen daher hohe Ziele ab. "Wir wollen wieder siegfähig sein. Ob du dann gewinnst oder nicht, ist dann eine andere Frage, aber wir sind sicher mit einer großen Vorfreude nach Frankreich gekommen." Für die zweite Saisonhälfte gelte die Erwartungshaltung, "Rennen zu gewinnen", wie viele "auch immer". Das Team würde gerne in die Winterpause gehen mit dem Wissen, "dass wir dieses Auto einfach verstanden haben. Mit dem Wissen, dass wir von der Pace her dabei sind und dann einfach über den Winter einen guten Job machen müssen, um nächstes Jahr wieder Teil des Spaßes vorne zu sein."

Noch aber ist es nicht so weit. Dass George Russell und Lewis Hamilton in Le Castellet schon aus eigener Kraft um den Sieg fahren, erscheint nach dem Freitag mehr als fraglich. Im Training fehlte wieder fast eine Sekunde auf die Ferrari-Bestzeit. Welcher seiner beiden Piloten dann in Zukunft den Sieg einfahren soll, ist dem Österreicher dabei nach eigener Aussage egal. "Beide verdienen zu gewinnen", sagt Wolff. Russell habe lange darauf warten müssen nach seinen Lehrjahren bei Williams, so Wolff. "Und Lewis verdient natürlich die Siege, er hat unheimlich hart gearbeitet in diesem Jahr und ich bin davon überzeugt, dass beide wieder gewinnen werden. Wer er es dann ist, ich freue mich für beide."

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Eines schließt der Mercedes-Mann aus: Eine Stallorder wird es nicht geben. Die Piloten fahren "gegeneinander Rennen", betont er. "Wir lassen sie auch gegeneinander Rennen fahren. Es gibt da keinen Zwischenruf der Boxenmauer. Da werden wir mit Sicherheit nicht eingreifen, vor allem nicht, wenn wir nicht um die Meisterschaft fahren."

Alleine die Aussicht, überhaupt um Rennsiege zu fahren, wäre schon eine Genugtuung. Elf Rennen sind noch Zeit. Und das Potenzial ist da. Der Teamchef verdeutlicht das mit einem eindrücklichen Bild: "Wir sind die dritte Kraft. Ich würde sagen, es ist nicht peinlich, aber es ist nicht so, dass das unser Anspruch ist. Und jetzt muss man sich einfach mit Ruhe und Ambition, mit Drive mit Intelligenz aus diesem Loch herausarbeiten und das können wir. (…) Es ist nicht so, als ob wir eine Dummpille geschluckt hätten."

Quelle: ntv.de

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