Formel1

F1-Experte Danner im Interview "Ohne Saison schaut es zappenduster aus"

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Christian Danner ist als Experte ganz nah dran am Formel-1-Geschehen.

(Foto: imago images / Mandoga Media)

Die Formel 1 steht wegen der Coronavirus-Pandemie still. Der für März geplante Saisonstart ist dahin, auch im April und Mai wird kein Rennen gefahren. Frühestens Ende Juni geht es los - womöglich mit Geisterrennen ohne Zuschauer. Was Formel-1-Experte Christian Danner davon hält, in welchen Nöten die Rennställe sind und was er sich für dieses Jahr wünscht, erzählt er im Interview.

Sind Geisterrennen in der Formel 1 wirklich eine Option?

Christian Danner: Also ganz grundsätzlich ist das - wie beim Fußball - eine klare Option. Mit 150.000 Zuschauern an einem Ort tut man sich etwas schwerer als mit den Aktiven, 500 oder 600 Leuten vor Ort. Allerdings ist die eigentliche Frage: Wo darf ich hin, wie schauen die Einreisebedingungen aus in den Ländern mit Rennstrecken?

Wie würde so ein Geisterrennen aussehen?

Christian Danner (*4. April 1958) ist ein ehemaliger deutscher Rennfahrer und Formel-1-Kommentator bei RTL. Er begann seine Karriere als Rennfahrer im R5 Cup, wurde 1981 Werksfahrer in der Formel 2 und konnte vier Jahre darauf die Fia-Formel-3000-Meisterschaft für sich entscheiden. Anschließend fuhr er bei den Teams von Osella, Arrows BMW, Zakspeed und Rial in der Formel 1. Seit 1998 ist Christian Danner als Co-Kommentator und Formel-1-Experte für RTL im Einsatz.

Ich glaube, was die Teams angeht, das ist sicherlich kein Thema. Da wird man mit 50, 60 Mann über die Runden kommen. Das mal zehn für die Teams - aber im Grunde genommen kommt es ja auch darauf an: Wer macht das Fernsehbild? Wenn die da ohne Zuschauer fahren, merkt es ja keiner, wenn da keine Kamera läuft. Ein Fußballstadion ist da kompakter, als eine Rennstrecke mit fünf oder sechs Kilometern. Bei der Formel 1 braucht man viel Logistik. So etwas ist leichter gesagt als getan. Aber es gibt auch Locations, zum Beispiel Bahrain, wo man über kurz oder lang mit den Zertifikaten - Negativ auf Corona getestet - eine Einreiseerlaubnis bekommt und dann vielleicht länger dort bleibt und nicht nur ein Rennen fährt, sondern zwei oder drei. Aber wer zahlt für was? Wer zahlt, dass der Tross dort hinreist? Aber schön, dass die Diskussion jetzt endlich begonnen hat.

Wie viele Leute müssten da mindestens an der Strecke sein?

Ich glaube schon, dass wir da um die 1000, 1500 Leute haben, die sicherstellen, dass das Ding nicht nur ablaufen kann, sondern auch sichtbar wird. Da gehört alles dazu: Von den Stewards, zu den Marshalls, den Ärzten, der Helikopter, da gehört alles dazu, was einen modernen Grand Prix auszeichnet.

Aber ginge das Flair dann nicht völlig verloren?

Naja gut, ich würde sagen, da geht es dem Motorsport weder besser noch schlechter als anderen Sportarten. Keine Frage, das ist ein Kompromiss. Allerdings ein Kompromiss, den wir hoffentlich eingehen können, damit wir überhaupt stattfinden. Die Globalität der Formel 1 hat sonst immer dazu geführt hat, dass wir relativ krisensicher waren. Aber ein globales Unternehmen hat eine globale Bühne und wenn die nicht zu betreten ist wie im Moment, dann muss ich ganz ehrlich sagen: Lieber fahren wir ohne einen einzigen Zuschauer und ohne einen einzigen Journalisten, Hauptsache wir fahren. Denn das ist das wovon der Motorsport profitiert und was das Überleben absichert.

Ist ein Saisonstart in Silverstone ein denkbares Szenario, weil die meisten Teams dort in der Nähe ihre Werke haben?

Das ist sicher ein denkbares Szenario, aber viele heißt nicht alle. Ein Team, Sauber, ist in der Schweiz, zwei, Ferrari und Alpha Tauri, in Italien und Haas ist mit einem Fuß in Italien, mit dem anderen etwas in England und den USA. Ob Silverstone realistisch ist, da muss man noch etwas abwarten. Denn diese englische Lösung schmeckt den englischen Teams. Aber die Situation in England ist im Moment alles andere als entspannt. Deswegen würde ich Silverstone als Möglichkeit sehen, aber in welcher Form und wann, da müssen wir warten.

Wann wäre denn ein Saisonstart dieses Jahr wirklich realistisch?

Es gibt ja einen sehr ambitionierten Vorstoß der Österreicher, die sagen, die fahren den GP auf jeden Fall im Juli. Ich würde mir das wahnsinnig wünschen. Das ist ein engagierter Promotor, Red Bull, ich würde mich freuen, wenn das klappt. Inwieweit sich das in die Gesetzeslage einbaut, kann ich nicht absehen. Was Silverstone angeht, da bin ich skeptisch, was den ursprünglichen Termin angeht. Wenn man Wimbledon sieht, das eine Woche vorher ist und abgesagt wurde. Mal abwarten. Mir ist ein früher Einstieg gerade recht. Inwieweit das realistisch ist, ich weiß nicht. Ich vermute, dass wir später im Jahr zum Formel-1-Auftakt kommen. Ich wünsche mir sehr, nicht nur für die Fans, sondern auch für das Überleben der Teams, dass das dieses Jahr auf jeden Fall passiert. Ohne die Saison 2020 schaut es zappenduster aus.

Gäbe es Vorteile für Teams auf bestimmten Strecken? Wie könnte man es lösen, wenn dann mehrfach auf einer Strecke gefahren wird, wo etwa Mercedes stärker ist?

Grundsätzlich sind sich die Teams sicher nie einig. Aber in diesem Fall geht es bei der Formel 1 ums Überleben und damit verbunden auch ums Überleben der Teams. In solchen Ausnahmesituationen wird nicht gestritten, wem die Strecke passt, sondern erörtert, hoffentlich können wir endlich fahren. Denn die Summe der Nicht-Veranstaltungen führt in die Nicht-Zahlungen an die Teams. Viele Teams haben ihre Mitarbeiter schon in den Urlaub geschickt, so spart gerade jeder. Wenn nicht gefahren wird, gibt es kein Einkommen und ohne Einkommen gibt es ein existenzielles Problem.

Was bedeutet diese finanzielle Notlage für die Teams?

Die Situation ist deswegen extrem angespannt, weil die Zahlungen der Formel 1 an die Teams so groß sind und natürlich deshalb nicht so richtig laufen, weil die Formel 1, die die Rechte innehat, ja auch keine Einkünfte hat. Da bricht sehr schnell das System zusammen. Die Teams sollten sich schnell über eine dramatische Senkung des Budget Caps einigen. Nicht bei 175 Millionen pro Jahr mit den ganzen Ausnahmen, sondern mal locker unter die 100 Millionen Grenze kommen. Wenn das ganze wieder losgeht, wir wieder Reisefreiheit haben, heißt das noch lange nicht, dass die Einnahmen wieder so nach oben schnellen. Man sollte sich jetzt wappnen auf Zeiten, wo es vielleicht guten Motorsport gibt, aber weniger Geld.

Man sollte so viel sparen wie nur irgendwie möglich?

Auf jeden Fall sollte so viel gespart werden wie möglich. Das ganze scheitert im Moment - und das darf man so offen sagen - an Ferrari. Ferrari sträubt sich mit aller Macht gegen eine Senkung des Budgetlimits. Man versucht hier in schwierigen Zeiten seinen eigenen Vorteil weiter beizubehalten. Ferrari schert sich überhaupt nicht um die anderen neun Teams. Ganz grundsätzlich gibt es immer die Großen und die Kleinen. Ferrari weigert sich mit aller Kraft, Red Bull ist auch für eine hohe Budgetgrenze, bei Mercedes weicht das im Moment etwas auf und darunter sind alle für Kürzungen, denn denen steht das Wasser bis zum Hals.

Wie lange können Haas oder andere kleine Teams das noch mitmachen und überleben?

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Lawrence Stroll leistet sich für seinen Sohn ein eigenes Team.

(Foto: imago images/Motorsport Images)

Man muss ja mal genau hinschauen. Wer ist der Besitzer und wer zahlt die Rechnungen? Ein Gene Haas bei Haas ist Milliardär, aber das ist sein Hobby und ein Hobby kann einem Milliardär auch zu teuer werden. Das Gleiche bei Lawrence Stroll, dem sein Sohn bei Racing Point zwar sehr wichtig ist, aber irgendwo kommt auch der Punkt, wo es ans Eingemachte geht. Das gleiche für Sauber, auch der Inhaber Finn Rausing ist Milliardär, aber wer will nur horrende Summen für nichts bezahlen? Da gibt es schon viele Teams, die eine Zeit lang gut auskommen, aber jetzt ist die Chance für die Zukunft die richtigen Entscheidungen zu treffen. Macht es einfacher und macht es kostengünstiger. Denn der Zuschauer sieht nicht, ob das Auto 200 oder 10 Millionen Euro in der Produktion kostet. Es ist immer schnell und wird von den schnellsten Fahrern der Welt bewegt. Das ist das Faszinosum.

Helfen sich die Teams denn untereinander, verzichten die Fahrer auf Gehalt? Wie sieht es da aus?

McLaren mit Teamchef Andreas Seidl war hier federführend, mit beiden Fahrern wurden eine Gehaltskürzung ausgemacht, das Management hat sein Gehalt auf Hold gesetzt. Das Management geht mit bestem Beispiel voran. Ob ein Top-Team wie Ferrari einem Team wie Haas finanziell unter die Arme greift, ist möglich und denkbar. Der Kunde Haas hat eine Menge an Bestellungen bei Ferrari im Auftrag. Und die Stundung hier würde natürlich den kleinen Teams schon weiterhelfen. Im Moment wird das nicht so ganz besprochen, denn jeder hofft, dass Liberty Media, die Formel 1, Geld gibt, und dass es weitergeht, aber ja, man kann auch als Kunde ein wenig Kulanz erwarten, wie das in anderen Bereichen der Gesellschaft ja auch gerade funktioniert.

Wie sehr wünschen Sie sich als Experte, dass es in dieser Saison noch Rennen gibt?

Ich wünsche mir das sehnlichst. Nicht aus persönlichen Gründen, denn natürlich ist es für mich komisch, seit über 40 Jahren Motorsport, einen Saisonstart zu erleben, der keiner ist. Aber das muss man hintenan stellen. Mir geht es ganz einfach darum, dass die Formel 1 eine Überlebenschance hat und deshalb fehlt sie mir sehr. Der gesamte Motorsport. Wir haben in Deutschland im Moment keine DTM, keine Serie irgendeiner Art, die stattfindet. Ganz einfach, da geht es an die Existenz. Der Motorsport und da fühle ich mich als Teil. Dem kann man nur wünschen, dass wir bald wieder auf halbwegs normal schalten können. Egal ob mit oder ohne Zuschauer.

Quelle: ntv.de