Fußball-WM

Ronaldo weint, alle rasten aus CR7-Weltrekord stürzt Katar in den Siiuuu-Wahnsinn

CR7-Mania in Katar: Cristiano Ronaldo siegt mit Portugal gegen Ghana, stellt einen Weltrekord auf - und weint. Bei Fans und Journalisten gibt es kein Halten mehr. Ein katastrophaler Torwart-Patzer stellt den wilden CR7-Abend fast noch komplett auf den Kopf. Ein Spektakel-Bericht.

Der schönste Moment dieses Spiels findet bereits kurz vor der Partie statt. Cristiano Ronaldo stolziert mit breitem Kreuz und majestätischem Blick in den Spielertunnel. Lässig klatscht er ein paar Gegner ab. Und dann steht er auf einmal vor den Ballmädchen und -jungen. Völlig ungläubig blicken mehrere scheunentorweit aufgerissenen Kinderaugen zu ihrem Idol auf. Die Mimik ihrer Gesichter verrät, wie unfassbar geschockt sie sind, dass ER wirklich vor ihnen steht. Wie wenig sie es wahrhaben wollen, dass dies die Realität ist. Fasziniert, verliebt, idealisiert.

Genau so wünscht sich jeder Mensch, mal von seiner Partnerin oder seinem Partner angeschmachtet werden. Allein, wohl nur Kinder können so beeindruckt dreinblicken. Aber die Szene verbildlicht: Ronaldo ist für viele Gott. Weltweit. Wenn auch manche über seine Theatralik lachen, ihn für seine Eskapaden kritisieren und behaupten, der 37-Jährige wäre nun zu alt und zu schlecht für die Weltspitze. Millionen - oder vielleicht Milliarden - von Fans ist das alles egal. Die Verehrung kennt kein Alter, kein Geschlecht, keine Herkunft, keine soziale Klasse, keine Religion, keine Hautfarbe, kein Bildungsniveau.

Das, was die FIFA immer mit ihrem Fußball propagiert, Ronaldo schafft es wirklich. Er verbindet diese Welt. Deutsche Fans, Medien und Beobachter gehen auf kritisch mit dem Mann mit der Nummer 7 auf dem Rücken um. Doch einen größeren Fußball-Superstar hat die Welt immer noch nicht, auch wenn andere mittlerweile mehr Tore schießen, mehr Titel gewinnen und mehr verdienen. Das zeigt der wilde 3:2-Sieg Portugals über Ghana - und vor allem das wilde Spektakel rund um das Spiel - in aller Deutlichkeit.

Diese WM ist wohl die letzte

Doch zunächst spielen wieder Augen eine Rolle. Die des Superstars sind es diesmal. Ronaldo schreitet als erster auf den Rasen. Ein verschmitztes Grinsen huscht über sein Gesicht. Für diese Momente lebt er. Für sie opfert er so viel seines bisherigen Lebens auf, um auch im hohen Fußballeralter noch zu (fast) ganz Großen zu gehören. Als dann die ersten Töne der portugiesischen Nationalhymne erklingen, steigen Tränen in die Augen des Angreifers. Er weiß, dass dieses wohl sein letztes WM-Turnier, vielleicht sein letztes großes Turnier überhaupt wird.

Es folgt Ronaldos erste Ballberührung - sofort brandet Jubel auf. Es ist ein Ballverlust samt Foul des Megastars. Doch schon ein paar Minuten später durchschneidet ein tiefer Pass eine Schnittstelle in Ghanas tiefem 5-3-2 und Ronaldo ist frei vor dem Keeper, aber er kann den Ball nur noch mit der Fußspitze berühren, wobei er mit dem Torhüter zusammenkracht. Es gibt Abstoß.

Ronaldo brennt - und Ronaldo ist immer noch brandgefährlich. Oft gestikuliert er hektisch in Richtung seiner Mitspieler, zeigt seine Laufwege an und reagiert frustriert, wie ein D-Jugendkicker, wenn der von ihm erhoffte Ball nicht kommt. Bei einer kurz ausgeführten Ecke riecht der Stürmer instinktiv den Braten, schleicht sich am zweiten Pfosten in den freien Raum und steigt bei der anschließenden Flanke in seiner unnachahmlichen Art gefühlt drei Etagen höher als alle Abwehrspieler. Den Kopfball aber setzt er neben das Tor.

Dann verflacht das Spiel. Dem arabischen Kommentator eine Reihe weiter ist das völlig egal. Er kommentiert, wie ein nur ein Ronaldo-Verrückter kommentieren kann und immer wieder fällt der weltbekannte und in jeder Sprache wiederzuerkennende Name. Schon draußen vor dem Stadion läuft man an Kamerateams vorbei und weiß sofort, was, besser gesagt wer, hier Thema ist. Später in den Katakomben drehen manche Medien-Menschen förmlich durch bei Ronaldos Ankunft, aber dazu später mehr im WM-Tagebuch.

Alle warten auf Ronaldos Tor

Auch wenn in Deutschland die WM-Einschaltquoten miserabel sind: In Doha scheint es an diesem Abend, als würde die Erde für diese 90 Minuten aufhören zu rotieren. Oder, als würde sie sich wirklich nur um diesen Ausnahmefußballer drehen. Jeder zweite (und das ist ausnahmsweise keine Übertreibung), wirklich jeder zweite, der es mit Portugal hält, trägt ein Trikot mit der Nummer 7 auf dem Rücken.

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Jeder zweite Portugal-Fan trägt die Nummer 7 auf dem Rücken.

(Foto: REUTERS)

In der 31. Minute zappelt der Ball auf einmal im Netz - Ronaldo, wer sonst? - und das Stadion rastet zum ersten Mal aus. Aber der Schiedsrichter pfeift sofort ab, weil der Portugiese seinen Gegenspieler im Zweikampf zuvor leicht weggeschubst hatte. Kurz darauf wird er selbst mal am Trikot gezupft und dreht sich à la Majestätsbeleidigung genervt weg. Einmal erhält er gut 30 Meter vor dem Tor den Ball mit mehreren Gegenspielern im Weg, doch sofort geht ein Raunen durchs Publikum in der Hoffnung, der vertragslose Stürmer würde direkt abziehen. Es wird nur ein kurzer Rückpass.

Es ist ein kurioses, fast schon absurdes Fußballspiel. Das ganze Rund scheint nur darauf zu warten, dass irgendwann Ronaldo ein Tor erzielt. Der Portugiese liebt es natürlich, im Fokus zu stehen, aber man fragt sich, wie oft in seiner Karriere ihm diese immense Aufmerksamkeit schon unheimlich vorgekommen ist. Wird er froh, erleichtert, oder enttäuscht sein, wenn er bald nach seinem Karriereende ein bisschen weniger Beachtung findet? Die feuchten Nationalhymnenaugen verraten, dass es ihm auf jeden Fall weh tun wird, schließlich ist der Europameister von 2016 in erster Linie ein fanatischer Sportler und Rekordjäger.

In der zweiten Hälfte wollen die portugiesischen Fans den Sieg erzwingen: Die bis dato eher ruhige Kurve steht geschlossen auf und stimmt Ronaldo-Sprechchöre an. Der Fußballgott scheint sie sofort zu erhören: Nach einem feinen Hackentrick vom ehemaligen "Wunderkind" Joao Felix kommt Ronaldo im Sprintduell um den Ball zu Fall, wobei es nur einen minimalen Kontakt gibt. Schiedsrichter Ismail Elfath zeigt sofort auf den Punkt und schaut sich die Szene gar nicht noch einmal an. Auch der VAR schreitet nicht ein. Ghanas Trainer Otto Addo sieht eine klare "Fehlentscheidung" und ist nach dem Spiel außer sich: "Ich weiß nicht, was die gemacht haben, ob der Videoschiedsrichter geschlafen hat. Dass man sich nicht mal diese Szene anguckt, ist Wahnsinn."

Alle siiiuuun mit

Egal, der Fußballgott will, dass die Welt einmal komplett stehenbleibt. Vielleicht ein letztes Mal. Dann bekommt das Stadion endlich die totale Fan-Explosion. Der Chef lässt sich den Elfmeter nicht nehmen und haut den Ball zwar nicht mal wirklich platziert ins Linke Eck, aber wen interessiert das. 1:0. Ab in die Kurve. Siiiuuuuuu. Sein markanter Jubel-Schrei. Fast jeder hat ein Handy gezückt, in atemberaubendem Lärm siiiiuuuut das Rund mit. Selbst Ronaldo muss dabei ein wenig lachen. Anschließend grüßt er gen Himmel. Ein abgekatertes Spiel des (ehemals) irdischen Fußballgotts mit dem irgendwo dort oben?

Jedenfalls wird der 37-Jährige mit diesem Treffer (sein achtes WM-Tor) zum ersten Spieler überhaupt, der bei fünf Weltmeisterschaften getroffen hat. Nicht Pelé, nicht Klose, nicht der brasilianische Ronaldo. Nur der Portugiese kann diese Statistik nun vorweisen. Nicht schlecht für einen Arbeitslosen, den Bestbezahlten aller Zeiten wohl. Denn nach der Auflösung seines Vertrags bei Manchester United sucht er einen neuen Klub. "Das war ein wunderschöner Moment", sagt er nach der Partie auf der Pressekonferenz über seinen Treffer. "Meine fünfte WM, wir haben gewonnen. Das war sehr wichtig. Der Weltrekord ist etwas, was mich sehr stolz macht."

Anschließend entwickelt sich ein vogelwildes Spiel. Nur einige Minuten nach dem Rekord erzielt Ghana den Ausgleich. Aber wieder nur Momente später schiebt Felix eiskalt zum 2:1 ein. In den Katakomben erzählt der Torschütze nach der Partie, es sei "ein Traum, mit Ronaldo zusammenzuspielen". Er und einige andere Spieler "haben ihn als Kind angehimmelt".

Wieder nur wenige Sekunden im Anschluss legt Portugal sogar noch nach. Diesmal ist der angehimmelte Ronaldo mit einem sogenannten Hockey-Assist, dem Pass vor der Vorlage, beteiligt. Jetzt ist hier richtig Feuer drin. Ronaldo bricht in der nächsten Situation durch, zeigt, dass er auch mit 37 Jahren noch einen Gegenspieler abschütteln und ein Sprintduell gewinnen kann. Alleine sprintet er mit Ball auf das Tor zu. Das Stadion ist bereit für die nächste Siiiuuu-Explosion - aber der Lupfer des Portugiesen findet nur die Arme des Torhüters und dann wird ohnehin Abseits gepfiffen. Egal, die Ronaldo-Fans sind happy. Sie bekommen die Show geboten, die sie sich erhofft hatten.

Auch die Ghanaer feiern CR7

Kaum wird der Superstar ausgewechselt, trifft Ghana zum Anschluss. Ronaldo gestikuliert verärgert auf der Bank. Mal wieder gibt es flotte neun Minuten Nachspielzeit. Mit der allerletzten Szene legt sich Portugals Torhüter den Ball vor die Füße und hat dabei Ghanas Inaki Williams im Rücken vergessen. Dieser schnappt sich tatsächlich die Kugel und könnte ins freie Tor einschieben - doch in der entscheidenden Drehung rutscht er aus.

Ronaldo steht völlig entgeistert vor der Auswechselbank und reißt die Augen weit auf. Dann erfolgt der Abpfiff und er kann wieder lachen. Außerhalb des Stadions ist aber noch lange nicht Schluss. Stunden nach Spielende feiern Portugiesen und sogar auch ghanaische Fan ihren Fußballgott CR7. Alle drei Sekunden stimmt jemand ein Siiiuuuuu an und der Rest steigt ein. Im überfüllten U-Bahnhof folgen Cristiano-Sprechchöre.

Ein wilder Abend in Doha zeigt: Ronaldo ist längst mehr als ein Fußball-Star. Er ist ein weltweites Phänomen. Eine Ikone. Wofür er steht? Für den unabdingbaren Erfolg? Für Kraft, Tore und Show? Alles nicht so wichtig. Hauptsache Siiiiiuuuuuuu.

Quelle: ntv.de

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