Fußball-WM

Argentiniens Hype ohne Grenzen "Den Titel oder ich sterbe"

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Gewinnt Lionel Messi mit Argentinien endlich auch die WM?

(Foto: REUTERS)

Wenn es um die Fußball-Weltmeisterschaft geht, gibt es am Rio de la Plata keine zwei Meinungen: Argentinien ist Favorit. Das ist zu sehen, zu hören und zu lesen. Lionel Messi fühlt sich vor dem Auftakt gegen Saudi-Arabien "großartig".

Es wird 5 Uhr am Morgen sein und die Sonne am Rio de la Plata noch nicht aufgegangen. Aber ob mit geschlossenen oder geöffneten Augen, alle Argentinier werden träumen. Vom WM-Titel. Zu dieser Ortszeit beginnen die Vorberichte im Fernsehen, um 7 Uhr die Fußball-Weltmeisterschaft auch für Argentinien, wenn die Albiceleste, die Himmelblauen, mit ihrem ersten Gruppenspiel gegen Saudi-Arabien ins Turnier starten. Die Erwartungen sind riesig. Auch wenn sich Trainer und Spieler bedeckt halten.

Die Kurzform der Gründe haben Argentinier in einem Fangesang verarbeitet, der zum Hit wurde.

"Die Finals, die wir verloren haben / Wie viele Jahre habe ich sie beweint
Aber das ist vorbei / da wir im Maracaná / im Finale gegen die Brasilianer / wieder gewonnen haben
Muchachos / Jetzt haben wir wieder Hoffnung / Ich will den dritten Titel gewinnen / Ich will Weltmeister sein
Diego sehen wir im Firmament / wie er von dort mit (Diegos Eltern) Lionel anfeuert"

Wahrlich hatte Argentinien nach 1993 und der damals gewonnenen Südamerikameisterschaft eine verfluchte Bilanz. Von 2004 bis 2016 standen sie in vier von fünf Finals der Kontinentalmeisterschaft. Sie verloren alle, zweimal gegen Brasilien, zweimal gegen Chile, und dreimal im Elfmeterschießen. Beim Turnier im eigenen Land 2011 schieden sie gegen den späteren Sieger Uruguay aus. Im WM-Finale gegen Deutschland entriss ihnen Mario Götze 2014 in der Nachspielzeit den Titel.

Durch Täler mussten sie gehen


Dann kam das Finale der Copa América im vergangenen Jahr. Lionel Messi brach mit dem Sieg im Stadion Maracaná mehrere Flüche. Seinen persönlichen, weil er mit der Selección seinen ersten Titel gewann. Den der fünf verlorenen Finals in Folge. Und, unglaublich, aber wahr, gewann Argentinien durch das 1:0 gegen Brasilien das erste Mal überhaupt ein Turnierpflichtspiel auf brasilianischem Boden gegen die Heimmannschaft. Es hatte 107 Jahre gedauert.

Seither wächst das Gefühl, dass dort eine Mannschaft spielt, die durch all diese Täler gegangen ist, um in Katar den höchsten Fußballgipfel erklimmen zu können. Für niemand gilt das mehr als für Lionel Messi, der ungekrönte Kronprinz des Diego Maradona, der bereits seit 2005 in der Albiceleste spielt. Diese Weltmeisterschaft wird aller Voraussicht nach seine letzte als Spieler sein. Wenn "la pulga", der Floh, sie gewinnen will, bleiben ihm sieben Spiele. Doch die argentinische Auswahl ist viel mehr als nur er, die wohl auch daran bei vergangenen Turnieren scheiterte: zu viel Last auf Messis Schultern; zu ausrechenbar das Spiel für den Gegner, zu abhängig von seiner Tagesform oder einfach nur Glück und Pech.

Viele sehen die Mannschaft ausgeglichener als bei vergangenen Turnieren, und deshalb mit längerem Atem und besseren Chancen. Es gibt Erfahrene wie Nicolás Otamendi, Lionel Messi und Ángel Di María, dazu weitere Stars in ihren besten Jahren, etwa im Sturm Lautaro Martínez von Inter Mailand, in der Mitte Leandro Paredes von Juventus Turin sowie Rodrigo de Paul. Der Mittelfeldtraktor von Atlético Madrid bereitete im vergangenen Jahr Di Marías Treffer zum Titel mit einem Pass über 40 Meter in die Spitze vor. Sie werden ergänzt durch jüngere Köpfe, etwa de Pauls Klubkollegen Nahuel Molina hinten rechts, Thiago Almada im offensiven Mittelfeld, und den 22-jährigen Stürmer Julian Álvarez von Manchester City.

Abschied am Flughafen

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Die Nacht von Donnerstag auf Freitag ist angebrochen, es ist 1 Uhr in Buenos Aires. Am internationalen Flughafen Ezeiza, südlich von der argentinischen Hauptstadt, liegt das großflächige Trainingszentrum der Nationalmannschaft. Im Abflugterminal ist viel Betrieb, und es wird es laut. Etwa einhundert Fans sind mit Trompeten und Trommeln angerückt, sie singen und tanzen, verabschieden Almada, der nach Katar nachreist.
Manche halten Trikots von Vélez Sarsfield, einer der vielen Hauptstadtklubs in die Höhe. Dort spielte der 21-Jährige bis zum Sommer, bevor er zu Atlanta FC in die USA wechselte. Polizisten beobachten die Szene routiniert, Taxifahrer und andere Autos hupen, im Radio berichten mehrere Stationen live vom Abflug des Nachrückers und der Emotion der Fans.

Die ist nicht nur dort zu sehen. Der Sportkanal TyC sendet vor der Auftaktpartie live die Nacht durch, Geschäfte werden später öffnen, da ohnehin niemand kommen würde, und an eine Wand des 16-Millionen-Menschen-Metropole Buenos Aires hat jemand gesprüht: "Den Titel oder ich sterbe." In einer Umfrage vor die Wahl gestellt, sagte jeder zehnte Argentinier, ihm sei lieber, dass die Albiceleste die WM gewinne, als dass die Inflation gestoppt werde. Die Geldentwertung liegt inzwischen bei fast 90 Prozent, sie ist eine der höchsten der Welt.

Fraglos ist die WM das größte mediale Thema im Land. Aber wie sie nach Katar kam, die Menschenrechtsverletzungen im Emirat, die toten Arbeiter, all die Dinge, die jahrelang die Turniervorbereitungen begleiteten und das Sportliche überlagerten, werden nur ganz am Rande diskutiert. Das hat fraglos mit der gesellschaftlichen Situation zu tun. Der Fußball der Albiceleste bedeutet für viele die Sehnsucht nach Freude, Zusammengehörigkeitsgefühl und Ablenkung von Alltagssorgen. Bei mehr als einem Drittel der Bevölkerung geht es darum, genug zu essen zu haben. Die Armutsrate liegt bei über 35 Prozent.

Im Rückblick haben Argentinien, Fußball und Menschenrechte eine komplizierte Beziehung. Bei der WM 1978 winkte General und de facto Präsident Jorge Videla von den Tribünen, das ganze Land bejubelte am Ende den ersten Titel, während seine Militärjunta unliebsame Personen entführte, in geheimen Zentren folterte, unter Drogen setzte und aus fliegenden Hubschraubern ins Meer warf. Bis Ende 1978 waren etwa 15.000 Menschen der bis dahin fast dreijährigen "anti-subversiven Operation" verschwunden oder getötet, nochmal so viele bis zum Ende der Diktatur 1983.

Aber das ist lange her. Nur ein kleines Vermächtnis davon bekamen die argentinischen Fernsehzuschauer beim Eröffnungsspiel Katar gegen Ecuador zu sehen, als das öffentliche Fernsehen seine Sendungen mit Trauerflor versah. Hebe de Bonafini, eine Menschenrechtlerin aus Diktaturzeiten und Mitgründerin der Mütter des Plaza de Mayo, war am selben Tag verstorben.

"Fühle mich großartig"


Selbstredend geht es in den Medien häufig um Messi, den Nukleus der Mission im Nahen Osten. Noch am Montag, 24 Stunden vor dem Turnierauftakt, schrillte der Alarm in argentinischen Medien. War da nicht eine Beule an Messis rechtem Knöchel unter dem Stutzen zu sehen? Dort hatte "la pulga" vor einigen Tagen ein Schlag abbekommen. Doch die Nummer 10 höchstselbst beruhigte den ersten Fragenden auf der Abschluss-Pressekonferenz: Er fühle sich "persönlich und körperlich großartig". Ansonsten müsse man eben von Spiel zu Spiel gucken.

Der letzte Titel einer südamerikanischen Mannschaft ist 20 Jahre her. Damals gewann Brasilien im Finale gegen Deutschland. Argentinien reckte letztmals 1986 den wichtigsten Pokal des Weltfußballs in die Höhe, ebenfalls nach einem Sieg gegen Deutschland. Sollte es auch diesmal so weit kommen, wären die Zeichen deutlich gewesen: Eine WM im argentinischen Frühling, die Albiceleste als amtierender Südamerikameister, und ein Spielmacher namens Messi, der bei seiner letzten WM und der ersten mit Diego Maradona im Himmel den dritten Titel für das Land holen kann.

Neben Messi versuchte auch Lionel Scaloni, der Trainer der Argentinier, die Erwartungen in der Heimat zu bremsen. Der Titelgewinn hänge häufig von Details ab und überhaupt, Fußball bleibe immer ein Sport, ein Spiel und nicht mehr als das. Es dürfte nicht wenige geben, die ihm 14.000 Kilometer südwestlich widersprechen. Wo auch immer das hinführt, hoffnungsvolle Vorfreude hat Argentinien erfasst. Und dafür gibt es ein Wort: ilusión.

Quelle: ntv.de

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