Fußball-WM

Aber DFB-Coach muss sich ändern Hansi Flick ist das kleinste Problem im deutschen Fußball

Bundestrainer Hansi Flick vor dem Anpfiff zum WM-Spiel gegen Costa Rica.

Bundestrainer Hansi Flick steht mit Blick auf die Heim-EM 2024 vor schwierigsten Aufgaben.

(Foto: Christian Charisius/dpa)

Die Verantwortung der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bleibt bei Hansi Flick. Trotz des peinlichen WM-Knockouts darf der Bundestrainer weitermachen. Und das zurecht. Denn für viele Probleme im deutschen Fußball kann er nichts. Allerdings wird er sich auch ändern müssen.

Immer wenn die Sehnsucht im deutschen Fußball nach einem Heilsbringer am größten ist, ploppt der Name Jürgen Klopp auf. Schon auf den langen letzten Metern der erst erfolgreichen, dann zähen Ära Joachim Löw war der Liverpooler der Wunsch der Nation, um das DFB-Team aus dem Schlamassel zu ziehen. Doch dann übernahm Hansi Flick und die Nation, zumindest der Teil, der sich noch nicht von der Nationalmannschaft entfremdet hatte, war zufrieden. Eine gute Wahl, da war man sich kollektiv einig. Anderthalb Jahre später hat sich die Stimmung wieder gedreht. Nach dem dritten vergeigten Großturnier in Serie ist die Sehnsucht nach einem Erlöser einmal mehr groß - doch Flick bleibt.

Im deutschen Fußball, diese Erkenntnis müsste sich mal durchsetzen, ist der Bundestrainer nicht das größte, sondern derzeit das kleinste Problem. Dafür braucht es nun keine gigantische Analyse. Klar hat Flick bei der Weltmeisterschaft in Katar (Aufstellungs- und Wechsel-)Fehler gemacht. Personell legte er einen überraschenden Schlingerkurs hin. Hat etwa einen Thilo Kehrer gegen Japan aus dem Team genommen. Aber hängt das Wohl und Wehe dieser Mannschaft tatsächlich an dem Verteidiger von West Ham United? Niemand kann und wird das ernsthaft behaupten. Und dass er Niklas Süle auf rechts ausprobierte, was in Dortmund gut funktionierte? Auch das wäre vor dem Turnier niemals zum übergroßen Debattenthema geworden. Ebenso wenig übrigens, wie es der Verzicht auf Mats Hummels geworden war. Und einen Leon Goretzka in einem WM-Spiel für einen İlkay Gündoğan zu bringen, sorgt normalerweise vorab auch nicht für Herzrasen, sondern sortiert sich bei Luxus-Sorgen ein. Aber nachher ist man eben immer schlauer. Und weiß, dass das keine guten Pläne waren.

Der vielleicht größte Fehler aber war das Festhalten an Thomas Müller, obwohl der nach Verletzung nicht fit wirkte und der Mannschaft so nicht weiterhelfen konnte. Nur mit seiner Kommunikationsstärke, das reicht eben nicht. Aber Flick hielt nicht aus Nibelungentreue an der bayrischen Schleichkatze fest, sondern weil er ihm in der mindestens zwei Mannschaftsteile (Abwehr und eben Sturm) umfassenden Mangelverwaltung die beste Option erschien. Sogar im Sturmzentrum, wo Kai Havertz erst geschwächelt hatte, wo er in Niclas Füllkrug vom Aufsteiger Werder Bremen trotz dessen Formstärke nicht das Allheilmittel sah und er Youssoufa Moukoko als noch nicht tauglich für das allerhöchste Level empfand. Alles nachvollziehbar, und nichts, was im Land für massive Kritik am Bundeshansi sorgte. Und diese fast verzweifelte Alternativlosigkeit auf Schlüsselpositionen ist alarmierender für den deutschen Fußball als jede Trainerdebatte.

Nachwuchsausbildung steckt in der Krise

Bei der übrigens auch gar nicht klar ist, ob Klopp überhaupt kontaktiert wurde und in dessen Rotation der Name Thomas Tuchel nur heiße Luft sein kann, zu groß ist die Abneigung gegen diesen Trainer bei Hans-Joachim Watzke, der sich als DFB-Vize nun federführend um die Aufarbeitung des Debakels kümmert und mit dem Tuchel während der gemeinsamen Zeit bei Borussia Dortmund aneinandergeriet.

Was war man sich einig, dass es nach Löws Abgang nach der EM im Sommer 2021 nur besser werden könnte! Wurde es auch, allerdings nur vorübergehend. Die ersten sportlichen Gegner unter Flicks Regie wurden zwar begeisternd hergespielt, aber sie waren auch in den Untiefen der Coca-Cola-FIFA-Weltrangliste zu finden. Gegen Liechtenstein, Armenien oder Nordmazedonien konnten die sportlichen Defizite noch kaschiert werden, doch mit zunehmender Stärke des Gegners, dafür reichte bereits ein gutes Ungarn, wurden die bekannten Probleme immer dringlicher: der Mangel an Führungsspielern, an Außenverteidigern, an Top-Stürmern und an Spielern vom Typ räudiger Straßenfußballer.

Für all diese Verfehlungen kann Flick nichts. Er muss mit dem und denen arbeiten, was qua Nationalität zur Verfügung steht. Und das macht mit Blick auf die U-Nationalmannschaft wenig Hoffnung. Die Nachwuchsausbildung steckt seit Jahren in der Krise. Dass die beiden aufregendsten Spieler der Bundesliga, Jamal Musiala und Jude Bellingham, in England ausgebildet wurden, ist dafür nur der eindrücklichste Beleg. Ein anderer: Dass sich die Topklubs RB Leipzig und FC Bayern mit Vorliebe an Spielern aus Frankreich bedienen. Mit dem Gladbacher Marcus Thuram könnte der nächste folgen. Er wäre bereits der sechste Franzose im Münchner Kader und Platzhalter für seinen Landsmann Mathys Tel, das hochgehandelte Sturmtalent.

Wofür Flick auch nichts kann: Dem DFB ist es zum dritten Mal in Folge nicht gelungen, eine politische Affäre von der Nationalmannschaft fernzuhalten. 2018 war es das Özil-Gündogan-Erdogan-Foto, im vergangenen Sommer der Regenbogen-Streit mit der UEFA (auch wenn der eine andere, eine viel kleinere Dimension für die Mannschaft hatte) und nun eben das zermürbende Rumgeeiere im Skandal um die "One Love"-Binde. Ein Verband muss das Gespür besitzen, ob eine Mannschaft das aushalten kann, oder nicht. Deutschland konnte es nicht. DFB-Direktor Oliver Bierhoff hat aus den (sich wiederholenden) Fehlern der Vergangenheit die Konsequenzen gezogen - eine vernünftige Entscheidung.

Flick muss seine Idee der Realität anpassen

Um die Defizite im deutschen Fußball aufzuarbeiten und zu beheben, braucht es eine kollektive Anstrengung. Ad-hoc-Maßnahmen helfen eher nicht. Von der DFB-Akademie und ihren Leitideen bis zur Nachwuchsausbildung in den Klubs. Ein Abschied vom gehüteten Schatz Ballbesitz-Fußball ist damit elementar. Das fällt dann auch in den Arbeitsbereich von Flick. Der Bundestrainer muss sich einen taktischen Ansatz überlegen, wie er das zur Verfügung stehende Potenzial, über dessen Weltklasse-Wert man sicher streiten kann, stabil aufs Feld bringt.

Dabei geht es nicht nur um die hohe und asymmetrische Verteidigungslinie, die oft zu anfällig ist. Es geht um mehr Tiefe, mehr Tempo, mehr Kreativität und mehr Effizienz im Abschluss (wobei der Einfluss des Trainers hier deutlich geringer ist als bei den anderen Punkten). Es geht um Mentalität, um Gier. Und es geht für Flick auch um mehr Entscheidungshärte, tatsächlich muss das Leistungsprinzip mehr gelten als zuvor. Auch wenn das für einen Müller bitter sein dürfte. Die Zeit der Rücksicht ist endgültig vorbei.

Um die Ziele der nächsten Mission vernünftig einzuordnen, braucht es aber auch einen realistischen Blick auf die Möglichkeiten des Kaders. Ja, das beschworene Potenzial ist groß, aber ist es so groß, dass das DFB-Team bereits bei der Heim-EM eine Rolle im Titelkampf spielen kann? Viele von jenen Fußballern, die von manchen Medien als Versager abgestempelt wurden, werden auch in anderthalb Jahren in der Verantwortung stehen. Vor allem die Spieler der Jahrgänge 1995/96, die als goldene Generation gelten, etwa Joshua Kimmich, Leon Goretzka, Serge Gnabry, Leroy Sané oder Niklas Süle - um nur die prominentesten Vertreter zu nennen. Sie müssen die teilweisen Form-Schwankungen aus sich heraustreiben, müssen zu echten Anführern werden, um den einst (zurecht) verteilten Lorbeeren auch gerecht zu werden. Sie müssen in die Rolle reinwachsen, eine Mannschaft aufzurütteln, zu stabilisieren, zu führen, wenn diese (unter anderem nach starken Phasen) umzukippen, in sich zusammenzufallen droht. Wie gegen Japan. Wie gegen Costa Rica.

Die Top-Talente müssen nun in die Verantwortung

In den Vereinen liegt der Hauptteil dieser Arbeit, Flick kann diese nur veredeln. Oder eben harte Entscheidungen treffen und den Mut beweisen, die größten Talente des Landes voll in die Verantwortung zu nehmen. Wie mit Jamal Musiala schon geschehen. Florian Wirtz, Armel Bella-Kotchap und Youssoufa Moukoko (vielleicht auch irgendwann mal Karim Adeyemi) sind die nächsten Kandidaten aus dieser jüngsten Generation (dahinter wird es indes dünn).

Das gilt auch für die als Hochbegabte geadelten Kai Havertz und Nico Schlotterbeck, sie müssen ihre Qualitäten, ihren Anspruch und ihre Leistung konstant(er) zusammenbringen, um zentrale Stützen dieser DFB-Mannschaft zu werden. Wobei Havertz das schon häufiger nachgewiesen hat als Schlotterbeck. Er hat unter anderem seinen FC Chelsea zum Champions-League-Erfolg geschossen, aber der finale Schritt in die etablierte Weltklasse blieb aus.

Ja, Hansi Flicks erster Versuch eines erfolgreichen Neuaufbaus ist gescheitert, aber er hat bereits in München bewiesen, wie er eine am Boden liegende Mannschaft wieder aufrichten und deren Potenzial heben kann. Und tatsächlich ist die Besetzung des Bundestrainer-Postens mit Blick auf die Kernprobleme des deutschen Fußballs das kleinste. Zu viele andere Hausaufgaben sind dringlicher. Eine bittere Erkenntnis aus der Post-Löw-Ära, in der doch alles besser werden sollte - aber nicht wurde.

Quelle: ntv.de

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